Berlin vertraulich! Demonstrantin zu mieten, BH-Größe B


Auf Reformer kommen schwere Zeiten zu - Gegner können Demonstranten neuerdings übers Internet mieten. Außerdem: Joschka Fischer schreibt an seinen Memoiren und hat schon einen prominenten Käufer; Stoiber will ewig weiterregieren und hat noch einen politischen Freund.
Von Hans Peter Schütz

Mit erkennbar depressiven Gefühlen ist diese Woche die CSU-Landesgruppe aus ihrer Klausurtagung im Wildbad Kreuth nach Berlin zurückgekehrt. Da hatte sie sich mit zusammen gebissenen Zähnen um Solidarität mit Edmund Stoiber bemüht - und der dankte dies dann mit der Ankündigung bis 2013 Ministerpräsident bleiben zu wollen. "Jetzt wissen wir," seufzte einer, "dass wir ihn aus dem Amt tragen müssen." Ganz besonders aufs Gemüt schlug die Kreuther Tagung dem Berliner CSU-Landesgruppenvorsitzenden Peter Ramsauer. Das Stoiber-Gezerre hat ihm die Sacharbeit auf der Klausur zur Gänze verhagelt. Er wollte öffentliche Aufmerksamkeit auf die bundespolitische Performance der CSU richten und die Medien waren allein auf die Mutter aller Fragen der bayerischen Staatspartei fixiert. "Der Peter ist eine ganz arme Sau", seufzte einer seiner Freunde. Dabei hatte Ramsauer zum Jahresbeginn per SMS wissen lassen: "Ich freue mich tierisch auf das neue Jahr." Stattdessen muss er sich jetzt auf eine ganz neue Situation einrichten. Wird nämlich Horst Seehofer CSU-Chef, ist der künftig in Berlin erster Mann und sitzt in der politisch entscheidenden Neuner-Runde der Koalition einen Tick höher als Ramsauer. Auch Wirtschaftsminister Glos würde politisch am Kabinettstisch zurückgestuft. Anders als an der bayerischen CSU-Basis ist Seehofer in der Landesgruppe außerordentlich unbeliebt. Er gilt als politischer Einzelkämpfer, nur seinen persönlichen Interessen verpflichtet und nicht sehr teamfähig. "In der Vergangenheit hat er sich immer wieder als arger Opportunist erwiesen“, klagen viele der Berliner Bayern.

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Horst Seehofer, auch einer, der sehnsüchtig auf Stoibers Abgang wartet, aber dies sorgsam verbirgt, unterhält Journalisten derzeit mit einer Anekdote der besonderen Art. Ihn habe, so der Agrarminister, in der Weihnachtspause eine SMS erreicht mit der Aufforderung "Bitte den Ministerpräsidenten anrufen." Absender: "Wonka". Weil Seehofer mit dem Namen die Person des Berliner Korrespondenten der "Leipziger Volkszeitung" verbindet, witterte er einen Trick, denn Wonka gilt als ausgebuffter Schreiberling, der jeden Trick der Branche und alle wichtigen Handynummern kennt. Also klingelte Seehofer nicht bei Stoiber an. Zwei Tage später war der Ministerpräsident persönlich an seinem Handy. "Sprichst du jetzt nicht mehr mit mir," wollte er wissen. "Aber ja doch," dienerte Seehofer. Stoiber: "Wonka hat dich doch gebeten, mich anzurufen." Seehofer: "Welcher Wonka?" Stoiber: "Na, mein neuer Büroleiter Horst Wonka." Das kommt davon, wenn man seine Büroleiter so häufig wechseln muss wie Stoiber.

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Was Gerhard Schröder kann, will ein Joschka Fischer schon lange können: Also dichtet auch er jetzt intensiv an seinen Memoiren. Und wie man hört, will es der Kellner seinem früheren Koch dabei mal richtig zeigen. Der derzeitige US-Honorarprofessor für internationale Politik wird Anfang Mai sein Abrechnungsbuch "Die rot-grünen Jahre" vorstellen. Allerdings nur den ersten Band, weil Joschka nach eigener Aussage beim Schreiben festgestellt hat, dass er mehr zu sagen habe über diese Zeit als in ein Buch hineinpasst. Also folgt ein zweiter Band. Er werde, so Fischer, insgesamt einiges Neues über Freund und Feind in jenen Tagen schreiben. Das ist ein Seitenhieb gegen Gerhard Schröder, dessen Erinnerungen nullkommanull Neues bieten. So sieht das auch Innenminister Wolfgang Schäuble. Das Schröder-Buch hat er missachtet, "dem Fischer sein Buch lese ich."

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Schwere Zeiten für politische Reformer. Wer dagegen demonstrieren will, klickt derzeit in Berlin www.erento.de. Dort lassen sich Megaphone samt Demonstranten mieten. Zum Beispiel "Joachim" mit der Schuhgröße 47, was ihn im Ernstfall trittsicher macht. Oder "Sandra", 164 groß, mit Jeansgrösse 28-W, 32-L, die für 145 Euro Tagespauschale auf die Straße geht - allerdings nicht für Rechtsextreme. Oder "Shara" 165 groß und Körbchengröße B. Devise der Agentur, die im Bundeshaus intensiv studiert wird: "Wer eine Meinung hat, soll sie sagen." Die Ärzte haben sich dieser Dienste bei ihrer jüngsten Demo vor dem Reichstag gegen die Gesundheitsreform bedient.


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