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Berlin vertraulich!: Die mit dem Wulff tanzt

Der Bundespräsident walzte fehlerfrei über den Bundespresseball, die Kanzlerin schwänzte mal wieder - und Rösler stieg zum "Bundesverkehrsminister" auf.

Von Hans Peter Schütz

Angela Merkel war, wie immer, ein Tanzmuffel: Sie schwänzte am Samstag den 60. Bundespresseball in Berlin, der als gesellschaftliches Ereignis Nummer eins der Republik gilt: Auf der Fete gehen Presse und Politik auf Tuchfühlung und dulden auch Lobbyisten und Wirtschaftsbosse neben sich. Den Eröffnungswalzer legte Bundespräsident Christian Wulff unfallfrei hin, obwohl er lieber "diskothekenmäßig" unterwegs ist. Daher habe er zuvor eifrig Standardtänze geübt, erklärte er. Merkel hingegen begründete ihre Dauerabwesenheit schon 2009 mit dem Satz, es gäbe auch "andere kulturelle Höhepunkte". Billigere gibt es allemal: Die Karte im Speisesaal kostete 690 Euro, die Karte zum am Rande Rumstehen auch noch 450 Euro. 480 Kilo Hummer, sechs Kilo Trüffeln, 6500 Austern und jede Menge Schampus wollen schließlich bezahlt sein. Für Philipp Rösler, Wirtschaftsminister, hat sich der Abend besonders gelohnt. Er wurde als "Vizekanzler und Verkehrsminister" begrüßt. Der echte Verkehrsminister Peter Ramsauer trug den Versprecher mit Haltung. Und er wagte den Spruch: "Wann immer ich nicht mit Angela Merkel zusammen bin, vermisse ich sie."

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Kennen Sie den Bundestagsabgeordneten Karl A. Lamers? Wenn nicht, ist das keine Schande. Aber Sie könnten ihn schon oft gesehen haben, denn er ist häufig sehr nah dran an Bundeskanzlerin Angela Merkel. Das beweisen zahlreiche Fotos, die in den vergangenen Jahren auf den Titelseiten gedruckt wurden. Die renommierte Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) widmete Lamers unlängst einen Artikel mit der Überschrift "Er steht immer hinter ihr". In der Tat. Wann immer im Bundestag eine namentliche Abstimmung stattfindet, platziert sich Lamers im unmittelbaren Umfeld der Kanzlerin, als müsse er ihr helfen, ihre Karte in den richtigen Schlitz zu stecken. So entstanden zahlreiche Lamers-Merkel-Fotos. Nur "zufällige Schnappschüsse" seien das, sagt der Mann aus Heidelberg zu stern.de. "Soll ich etwa weggehen?"

Da lachen seine CDU-Parteifreunde spöttisch. Die Wahrheit sei, dass Lamers eine spezielle Merkel-Annäherungsstrategie praktiziere. Die geht so: Rückt eine namentliche Abstimmung näher, schiebe sich Lamers unauffällig in der CDU/CSU-Fraktion, wo er ziemlich weit hinten sitzt, nach vorn auf einen freien Platz. Mindestens bis in die zweite Reihe. Erhebt sich Merkel von der Regierungsbank und gehe in Richtung Wahlurne, springe Lamers blitzschnell auf, drängele sich unter Einsatz seiner Ellbogen durch alle Kollegen, knipse ein Lächeln an und stehe flugs nahe bei der Kanzlerin.

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Viele Freunde hat sich Ex-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg mit seiner Rückmeldung ins politische Geschäft nicht gemacht. Er hätte besser "die stille Treppe" genommen, heißt es in der Umgebung des CSU-Vorsitzenden Horst Seehofer. Für die die 20.000 Euro , die der Freiherr fürs Abkupfern seiner Doktorarbeit zahlen muss, gab es nicht das geringste Mitleid. "Das zahlt der doch aus der Hosentasche!" hieß es gegenüber stern.de. Und dann macht der CSU-Gesprächspartner eine mitleidlose Rechnung auf: Wenn Knöllchen nach dem Vermögensstand des Parksünders berechnet würden, müsste Guttenberg immer "ein hohes vier- oder ein fünfstelliges Strafmandat bekommen". In der CSU, so lästern andere Parteifreunde, werde nicht auf die "Adelsplage", den "albernen Wicht", den "Kunstkopf" gewartet.

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Schon wieder steht der FDP-Vorsitzenden Philipp Rösler vor einer kräftezehrenden Führungsaufgabe. Er muss eine Zusage einlösen, die er nach Angaben von Parteikreisen im Frühjahr Birgit Homburger gegeben hat. Demnach räumt sie den Fraktionsvorsitz für Rainer Brüderle und wird mit einem Posten im Kabinettsrang entschädigt - was sich für Homburger sowohl politisch als auch materiell kräftig auszahlen würde. Nun ist eine Stelle frei: die des Staatsministers im Auswärtigen Amt.

Was die Personalrochade für Rösler zum Problem macht: Zwar ist jetzt sicher, dass der derzeitige Staatsminister Werner Hoyer als Präsident zur Europäischen Investitionsbank wechselt, wie Hoyer stern.de versicherte, aber in der FDP gibt es massiven Widerstand gegen die Nachrückerin Homburger. Erstens fehle ihr jedwedes diplomatische Geschick, zweitens sei ihr Englisch bescheiden. Patrick Kurth, Mitglied im Auswärtigen Ausschuss des Bundestags, sagte dem "Focus": "Für diese Position kommt nur ein erfahrener Außenpolitiker mit hervorragenden Fremdsprachenkenntnissen in Frage." Die FDP in Schleswig-Holstein, wo nächsten Mai eine schwierige Landtagswahl wartet, ist ebenfalls gegen Homburger. Andererseits: Setzt Rösler sein Versprechen nicht durch, verärgert er den wichtigen baden-württembergischen Landesverband, deren Landesvorsitzende Homburger ist. Der dann ausbrechende Streit würde die Wahlchancen der FDP bei der nächsten Bundestagswahl sicherlich weiter beschädigen.

  • Hans Peter Schütz