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Berlin vertraulich! Willkommen bei den Kohl-Festspielen


In Berlin häufen sich die politischen Sommerfeste, aber danach wird es erst richtig spannend: Altkanzler Kohl betritt die Bühne. Und Angela Merkel stellt eine Sonderbriefmarke zu seinen Ehren vor.
Von Hans Peter Schütz

Endlich vorbei, endlich ausgestanden dieses Sommerloch, jubelt das politische Berlin. Weg mit den sauren Gurken, die irgendwelche politischen Hinterbänkler aufgetischt und die Pressestellen der Parteien anschließend mühsam wieder abgeräumt haben. Als Erste startete die Linkspartei mit einem "Sommertreff" bei einem italienischen Edel-Gastronomen in die neue Saison. Fraktionschef Gregor Gysi versprach ein spannendes Jahr und dass die Linke "wieder andere Nachrichten liefern wird als in den vergangenen zwei Jahren". Da lachte allenfalls die Hälfte seiner Parteifreunde.

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Kommenden Mittwoch lädt die CSU zu ihrem Berliner Oktoberfest in die bayerische Landesvertretung, zum 13. Mal. Staatsministerin Emilia Müller verspricht den Gästen "echtes Oktoberfestflair unter weiß-blauem Himmel". Und CSU-Chef Horst Seehofer macht die Teilnahme sogar zur politischen Pflicht: "Wer Bayern verstehen will, muss seine Feste besuchen." Mit starkem Andrang von CDU- und FDP-Politikern wird daher gerechnet. Mindestens 700 Gäste werden sich an Festbier und Wiesnschmankerln laben, die es in München erst ab dem 22. September gibt.

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Die beliebteste Polit-Party steigt in der baden-württembergischen Landesvertretung nur einen Tag später: das "Politische Rentrée". Dieses Fest gilt seit Bonner Zeiten als eigentlicher Start in den politischen Herbst. Erwartet werden zu reichlich Trollinger und schwäbischem Büffet über 100 politisch relevante Gäste. Prominentester Part der Wissenschaft: Prof. Gert G. Wagner, Vorstandschef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung Berlin (DIW), dem größten Institut dieser Art in der Bundesrepublik.

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Nach all den Aufmunterungen müssen die Politiker in den kommenden Wochen auch noch die von der CDU geplanten Kohl-Festspiele vom 25. bis 27 September meistern, in deren Verlauf der Altkanzler vor den Abgeordneten der CDU/CSU-Fraktion und im Deutschen Historischen Museum zu Ehrengästen sprechen will. Nichts soll die Auftritte des Mannes stören, der vor 30 Jahren Kanzler geworden ist, Harmonie ist erste Unionspflicht. Deshalb stellt Kanzlerin Angela Merkel persönlich die 55-Cent-Sonderbriefmarke mit dem Bild des Altkanzlers vor, die seinem Jubiläum gewidmet ist. Eigentlich wäre dies die Pflicht von Finanzminister Wolfgang Schäuble gewesen. Aber das hätte die Kohl-Festspiele vielleicht doch gestört. Schäuble und Kohl sind spätestens seit der Parteispendenaffäre entzweit.

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Den gewichtigsten Beitrag zu den Kohl-Festspielen dürfte der Bonner Zeithistoriker Hans-Peter Schwarz geleistet haben. Mit einer backsteinschweren Kohl-Biografie mit 1000 Seiten. Umfassender sind Politik und Leben Helmut Kohls gewiss noch nie beschrieben worden. Dass Schwarz mit dem Altkanzler, den er als "Riesen" bezeichnet, dabei sehr, sehr milde umgeht, vielleicht zu milde, wird in der CDU nicht bestritten. Auslöser der Kritik ist die Passage, in der es um die Spendenaffäre Kohls geht. Denn dort schreibt Schwarz: Kohls Operationen "in den Grauzonen der Parteienfinanzierung oder jenseits der Grenzen des Gesetzes" seien letztlich "unvermeidlich" gewesen. Das dürfte Kohl und seinen Verehrern natürlich gefallen: die bis heute ungeklärte rechtswidrige Spendenaffäre als eine Art politisches Kavaliersdelikt.


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