Berlin vertraulich! Wortfälscher am Werk


Kurt Beck zeigt Profil: Nach seinem Abgang in Berlin findet der Ex-SPD-Chef plötzlich klare Worte - weil seine Interviews jetzt aus Mainz gesteuert werden. Derweil droht Franz Müntefering mit Strafgeldern, Wirtschaftsminister Michael Glos will kurz mal Kanzler sein und manche Abgeordnete können (sogar) lesen.
Von Hans Peter Schütz

Hätte man es vor kurzem noch für möglich gehalten, dass ein Kurt Beck so frische Interviews geben kann, wie zuletzt im Stern? "Halbverrückte" dürften künftig nicht mehr die Arbeit der SPD kaputt machen, schimpfte der Ex-SPD-Chef frei seinen Ärger von der Leber runter. Manche Parteifreunde hätten ihm "Backsteine statt Brot in den Rucksack gepackt." Wenn man über eine Frau so geschrieben hätte wie über ihn, wäre es "blanker Sexismus" gewesen, schimpfte er. Früher kamen seine Interviews viel matter daher. Der Grund: Jetzt bearbeiten seine Interviews die eigenen Leute in Mainz, früher wurden sie in der SPD-Zentrale in Berlin entschärft. Oft blieb nichts von dem stehen, was Beck wirklich gesagt hatte.

Ein klassisches Beispiel war ein Interview der "Pforzheimer Zeitung" mit Beck im Juni. Was er davon halte, wurde Beck darin gefragt, dass SPD-Umweltminister Sigmar Gabriel vorschlage, die Steuervergünstigungen für Dienstwagen zu kappen. Das sei kein "akkurater Weg", antwortete Beck. Daraus gemacht wurde der Satz: "In Deutschland sind viele auf einen Dienstwagen angewiesen." Beck fügte an, er glaube nicht, dass der von Gabriel vorgeschlagene Weg vernünftig sei. "Das bedeutet Produktionseinbrüche bei der Autoindustrie." Die SPD-Zentrale strich das und machte daraus: "Die meisten fahren ja nicht aus Spaß einen Dienstwagen."

Wie man sieht, bringt das "autorisieren" genannte Absegnen von Interviews oft keinen Segen. Längst nicht alles, was gedruckt wird, ist auch gesagt worden. Ein besonders krasser Fall war früher der SPD-Vorsitzende Rudolf Scharping. So gut wie alles, was er im Gespräch gesagt hatte, strich er persönlich in der Abschrift wieder weg und kritzelte in nur schwer lesbarer Schrift völlig neuen Text an den Rand des Manuskripts. Ganz anderes Gerhard Schröder oder Oskar Lafontaine, die allenfalls einzelne Wörtchen ändern. Sie haben begriffen, dass rundum glatt gebügelte Texte letztlich politisches wie persönliches Profil rauben.

Auch an der Bundeskanzlerin lässt sich das beobachten, deren Interviews nur sehr selten durch markante Worte glänzen. Kein Wunder bei der Maschinerie, mit der sie durchgenudelt werden: Erst prüft Regierungssprecher Ulrich Wilhelm. Dann die Kanzlerin-Vertraute Beate Baumann. Es folgt die Prüfung durch die Fachabteilungen des Kanzleramts. Dann liest sich Merkel selbst. Und Baumann und Wilhelm prüfen danach noch einmal. Wie es dennoch geschehen konnte, dass die Kanzlerin in einem Interview völlig falsch behaupten durfte, Hartz-IV-Empfängern würden die Stromrechnungen ersetzt, ist unergründlich.

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Das Abrechnungsbuch Kurt Becks ist vorgestellt, jetzt blickt die Polit-Szene dem Buch "Macht Politik" von Franz Müntefering entgegen, das am 7. Oktober vorgestellt wird. Es soll ja Hinweise enthalten, wohin die SPD unter ihrer neuen Führung marschieren soll. Journalisten, die zum Zweck der Rezension den Verlag um ein Buch im vorab bitten, müssen einen Geheimhaltungsvertrag unterschreiben. Wer dagegen verstößt, muss 100.000 Euro Strafe bezahlen. Fragt sich, welch brisante Kurskorrekturen Müntefering da wohl predigt.

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Einen großen Moment erlebte Wirtschaftsminister Michael Glos unlängst auf dem Unternehmertag, den die CDU/CSU-Fraktion in Berlin veranstaltet hat. Als Angela Merkel ihren Platz auf dem Podium räumte, von dem aus sie eine Stunde mit den 1000 Unternehmern aus der ganzen Bundesrepublik diskutiert hatte, sprang Glos von seinem Sitz im Publikum auf und setzte sich sofort auf den Platz der Kanzlerin. Sein stolzer Kommentar: "Es ist seit Ludwig Erhards Zeiten nicht mehr vorgekommen, dass ein Wirtschaftsminister den Kanzlerstuhl einnehmen durfte." Was Glos nicht erwähnte: Schon nach drei Jahren war es mit dem Kanzler Erhard wieder vorbei.

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Es gibt den Analphabetismus - Menschen, die weder lesen noch schreiben können. Es gibt den Semianalphabetismus - Menschen, die lesen, aber nicht schreiben können. Es gibt auch den Ananlphabetismus. Was das ist? Exakt über dieses so geschriebene Thema hat das Berliner Abgeordnetenhaus jetzt diskutiert, jedenfalls stand dieses Wort auf den Anzeigetafeln des Parlamentsbetriebs, als die Abgeordneten über die vor allem in Berlin weit verbreitete Lese- und Schreib-schwäche debattierten. Dass wenigstens einige der Volksvertreter lesen und schreiben können, lässt sich dadurch beweisen, dass einige von ihnen ziemlich laut lachten, als sie die Anzeigetafeln vor Augen hatten.


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