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Tumulte bei Uni-Vorlesung: Bernd Lucke ist das falsche Hass-Objekt

Bernd Luckes erste Vorlesung nach seiner Rückkehr an die Uni Hamburg geht im Chaos von Studentenprotesten unter. Stimmt schon, Lucke hat die AfD gegründet, sagt stern-Autor Axel Vornbäumen, aber ein "Nazi-Schwein" ist er nie gewesen.

Ein Student im schwarzen "FCK AFD"-Kapuzenpullover macht mit seinem Smartphone ein Selfie mit Bernd Lucke

Geschlagene 70 Minuten saß der Wirtschaftswissenschaftler und frühere AfD-Chef Bernd Lucke am Mittwoch in Reihe vier des überfüllten Hörsaals B der Hamburger Uni – ein zum Schweigen verdonnerter Zuhörer seiner eigenen, von Studentenprotesten verhinderten Vorlesungsveranstaltung. Lucke ertrug es in einer Mischung aus verstockter Beharrlichkeit und zur Schau gestellter Opferrolle. Er ließ sich von Papierkugeln bewerfen, hörte die Protestchöre "Nazi-Schweine raus aus der Uni!" und verließ am Ende das Uni-Gelände unter Polizeibegleitung.

So kann es jemandem gehen, der einen Schneeball wirft, aus dem eine Lawine geworden ist – das war die Botschaft der Protestierenden aus Hörsaal B. Sie folgt bedauernswerter Weise einem vor Selbstgerechtigkeit triefenden Urteil. Ein Urteil, das all jenen gefällt, die nicht so genau hinsehen wollen. 

Denn: Lucke ist kein "Nazi-Schwein", ist er nie gewesen. Nicht, als er die AfD gründete, und erst recht nicht, als er sie als geschlagener Mann nach internen Machtkämpfen verlassen musste, weil er den Rechtsdrift seiner "Alternative für Deutschland" nicht mehr mitmachen wollte.

Bernd Lucke ist sicher kein rechtsextremer Ökonom

So trifft der Zorn der Studierenden einen in seinem Kern bestimmt sturz-konservativen, aber ganz sicher nicht rechtsextremen Ökonomen, dem man nun die Rückfahrkarte in sein vor-bürgerliches Leben verweigern will. Wenn man so will, dann trifft es einen, der für sich längst einen Resozialisierungskurs eingeschlagen hat. Die Proteste haben deshalb etwas von Nachtreten. Lucke ist das falsche Hass-Objekt.
Man könnte es bei diesem Hinweis bewenden lassen, aber leider hallen die "Nazi"-Sprechchöre aus der Uni nach. Die Störer aus dem Hamburger Hörsaal haben in ihrer Etikettierungswut die Toleranzgrenze ungut verschoben. Nicht nur Lucke kann nun für sich mit Recht reklamieren, dass die Freiheit des Andersdenkenden offenkundig nicht mehr allzu viel wert ist, wenn der Furor der Selbstgerechten erstmal in Fahrt kommt. 

Zu viele Freund-Feind-Kategorien

Es ist nicht die originäre Aufgabe von Studierenden der Wirtschaftswissenschaften sich Gedanken um den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu machen. Es kann aber auch nicht schaden, die auf diese Weise geschaffene "vorlesungs-freie" Zeit zu nutzen, um einmal darüber nachzudenken, was es bedeutet, wenn vor lauter Freund-Feind-Kategorien kein Diskurs mehr möglich ist.

Oder anders: Hätte man mit den Protesten nicht zumindest warten müssen, bis man gewusst hätte, was Lucke zu sagen hat?