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Bildungsstreik: "Der Bologna-Prozess ist eine sozialistische Reform"

Armin Nassehi sorgte für Aufsehen, weil er ankündigte, trotz Besetzung seine wöchentliche Vorlesung "Einführung in die Soziologie" im Audimax der Ludwig-Maximilian-Universität in München abzuhalten. Gegenüber stern.de erklärt er, warum.

Sie haben am Montag trotz Bildungsstreik ihre Vorlesung "Einführung in die Soziologie" im besetzten Audimax der Ludwig-Maximilian-Universität in München abgehalten, zumindest haben Sie das angekündigt. Warum?
Sie abzuhalten war natürlich nicht möglich, weil das Audimax besetzt war. Aber ich habe das aus zwei Gründen angekündigt: Zum einen habe ich offiziell niemals erfahren, dass diese Vorlesung nicht stattfindet, ich war also verpflichtet zu lehren. Und wenn man auf Seiten der Studenten schon die Idee hat, basisdemokratisch zu entscheiden, habe ich es nicht für falsch gehalten, dass auch meine 850 Soziologiestudenten in das Audimax gehen und womöglich an der Meinungsbildung teilhaben.

Also ein Schildbürgerstreich, um den Protest noch zu unterstützen.
Wir haben es in diesem Protest und bei denen, die ihn ausführen, mit zu vielen erwartbaren Sätzen zu tun. Im Hintergrund ist ein durchaus berechtigtes Unbehagen darüber, was an den Universitäten zurzeit geschieht. Auf der anderen Seite sind aber auch unglaublich viele Ansätze, die sich mit großer linker Rabulistik für eine Veränderung des gesamten Systems einsetzen - etwas, was die Universität überhaupt nicht leisten kann. Da halte ich es für sehr sinnvoll, wenn da auch Studenten hingehen, die von selbst vielleicht nicht darauf gekommen wären und mit dieser Rhetorik auch erstmal nichts zu tun haben.

Würden Sie sagen, dass der Protest linkspolitisch unterminiert ist?
Auf der Ebene der Semantik ist das natürlich so. Die Leute behaupten, die gegenwärtige Reform sei "neoliberal". Ich würde genau das Gegenteil behaupten: Der Bologna-Prozess, auf den das derzeitige Unbehagen vor allem zurückgeht, ist eher eine sozialistische Reform gewesen. Das verschulte Bachelor-Master-System ist doch eine Art Fünf-Jahres-Plan. Beim Bachelor weiß man im Voraus, was in jeder Minute dieses dreijährigen Studiums passiert - überspitzt formuliert. Dadurch findet eine radikale Überregulierung statt, ganz ähnlich, wie man sich Ökonomie in Planwirtschaften vorstellen muss.

Was ist die Konsequenz?
Was man den Studenten beibringen sollte und was ich eigentlich als Konsequenz dieses Bildungsstreiks sehe, ist, dass sie eigentlich mehr Liberalität verlangen müssten und nicht das Gegenteil.

Sie lehnen den Protest also nicht ab?
Im Gegenteil, ich bin sehr positiv gestimmt, dass über solche Dinge wieder nachgedacht wird. Wir sind ja selber als Professoren inzwischen Teil dieses Protestes, weil wir selbst oft unglücklich mit der Umstellung auf eine bürokratisierte Praxis sind, die mit der intellektuellen Praxis an Universitäten wenig zu tun hat.

Ist der Streik dann überhaupt ein sinnvolles Mittel des Protests - wenn sich in der Universität eh alle einig sind?
Aber natürlich. Wenn sie politische Aufmerksamkeit erzeugen wollen, müssen sie die Dinge lauter formulieren, als sie gemeint sind. Das hat ja offenbar funktioniert - wir würden dieses Interview jetzt nicht führen, wenn es diese Form von Aufmerksamkeit nicht geben würde. So etwas kann nicht leise stattfinden. Ob es nun bei Lippenbekenntnissen bleibt oder ob sich tatsächlich was ändert, ist dann aber eine Frage des politischen Prozesses.

Johannes Schneider
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