BND-Affäre Ein Spitzel packt aus


Jahrelang hat der Journalist Wilhelm Dietl geleugnet, für den BND gearbeitet zu haben. Jetzt wurde er geoutet: Dietl hat in zehn Jahren 650.000 Mark vom BND für seine Dienste erhalten.

Wann und wie begann Ihre Zusammenarbeit mit dem BND?

Ich wurde 1982 von der Pressestelle des BND angeworben. In den letzten Tagen als Klaus Kinkel noch BND-Präsident war. Damals hatte ich als Reporter der Zeitschrift Quick einige Artikel über den Nahen Osten veröffentlicht. Die Pressestelle hat dann zwei Leute geschickt, die vom Referat 16A kamen, das beim BND für Nahost zuständig war. Die haben mich gefragt, ob ich bereit wäre, Aufträge zu übernehmen. Nachdem ich damals frei war - ich hatte 1981 bei der Quick aus anderen Gründen gekündigt - habe ich zugesagt.

Waren Sie stolz, für den BND wichtig zu sein?

Ich war damals 27 Jahre. Ich fühlte mich geschmeichelt und ernst genommen. Und ich sah eine finanzielle Chance.

Sie behielten aber weiterhin einen Journalistenausweis?

Ich habe weiterhin frei für die Quick gearbeitet, ja. Und ich habe Bücher geschrieben. Journalist war meine Legende. Eigentlich war ich Agent.

Sie waren aber nicht fest angestellt beim BND?

Nein, offiziell Journalist zu sein war ja wichtig, um unauffällig an Informationen zu kommen.

Was waren Ihre Aufgaben?

Ich habe ein komplettes Quellennetz im Nahen Osten geführt. Ich war also eine Art Führungsoffizier und kein Zuträger, der irgendwo mal eine Information aufschnappte und weitergab. Es waren ungefähr zwanzig Leute, die ich für den BND geführt habe. Sie saßen zum Teil in Geheimdiensten, zum Teil in wichtigen Regierungsfunktionen verschiedener Länder oder waren bei der PLO. Ich habe diese Leute angeworben und gebündelt. Ich habe über sie Informationen zusammengetragen vor allem in den Bereichen Rüstung. Da ging es zum Beispiel um chemische Waffen in Syrien. Da ging es aber auch sehr stark und immer mehr um Terrorismus. Unsere Hauptziele waren damals die Organisationen von Abu Nidal, einem abtrünnigen PLO-Führer, der brutale und sinnlose Anschläge quer durch Europa und im Nahen Osten ausführen ließ. Und es ging um die Hisbollah, die Terrororganisation der Schiiten im Libanon, die 1982 vom Iran gegründet worden war. Die Hisbollah entführte damals viele Ausländer, auch insgesamt sieben Deutsche. Mit deren Entführung waren wir von 1987 bis 1992 sehr beschäftigt.

Wie sah die Bezahlung aus?

Das war ein ziemlich kompliziertes System. Einerseits wurde die Qualität der Informationen bewertet, andererseits der zeitliche Aufwand. Ich war ja eigentlich permanent unterwegs. Ich konnte reisen wann und wohin ich wollte. Natürlich in enger Abstimmung mit meinen eigenen Führungsleuten beim BND. In meinem Referat gab es einen Leiter und einen Leiter "operativ". Meine Hauptbezugsperson war der operative Leiter, ein ehemaliger Bundeswehrpilot. Es wurde alles bezahlt, Flüge in der Business-Klasse, Fünf-Sterne-Hotels, Taxifahrten, Essen in den besten Restaurants. Zusätzlich gab es ein so genanntes "Bewegungsgeld" von 180 Mark am Tag. Das konnte ich verwenden wie ich wollte, da wurden keine Belege verlangt.

Hatten Sie auch mit dem BND-Präsidenten zu tun?

Einmal habe ich dem damaligen Präsidenten Hans-Georg Wieck direkt berichtet. Da ging es um die Gefahr von Anschlägen auf ein Goethe-Institut in einem arabischen Land.

Sie haben in dieser Zeit weiterhin Artikel geschrieben?

Bücher und Artikel, vor allem in der Quick.

Musste Sie die dem BND vorher vorlegen?

Nein. Ich hatte ja ganz genaue Unterweisungen gekriegt. Die haben mir vertraut, dass ich wusste, was ich nicht tun durfte.

Was zum Beispiel nicht?

Die wirklich sensitiven Dinge. Personaldetails über Terroristen und ihre Reisen nach Europa. Es ist uns gelungen, die Reisebewegungen der Abu Nidal Killer zu kriegen, deren Decknamen, Passdaten und Passfotos. Das gleiche bei Hisbollah. Oder Kabinettsbesprechungen in Syrien. Ich war übrigens auch in Pakistan, in Afghanistan, Libyen und im Iran. Wir waren ganz tief drinnen in den Ländern und Organisationen und haben dafür sehr viel Geld bezahlt. Da sind Millionen geflossen. Ich hatte öfter zehntausende Mark in der Tasche. Das Geld habe ich selbst ausbezahlt, solange ich die Sache in der Hand hatte.

Wie lange ging das so?

Unser Verhältnis war Ende 1992 zerrüttet. Damals wurde der Kanzleramtsminister Bernd Schmidbauer zu Unrecht als Befreier von deutschen Libanon-Geiseln gefeiert. Ich habe intern darüber gemotzt, was nach oben getragen wurde. 1993 habe ich ein Papier über das Ende der Zusammenarbeit unterschrieben. Wir hatten uns auseinander gelebt wie in einer Ehe.

Wo haben Sie dann gearbeitet?

Ab 1993 hatte einen Vertrag über feste freie Mitarbeit bei dem Magazin Focus. Meine BND-Vergangenheit kannten die nicht. Im Laufe der Zeit habe ich da 6000 Euro monatlich verdient.

Haben Sie nebenher noch mit dem BND zusammengearbeitet und Geld dafür bekommen?

Ja, aber das waren Mini-Beträge. Höchstens ein paar tausend Mark.

Wofür?

Einmal ging es 1995 um den Terroristen Johannes Weinrich, der die rechte Hand von "Carlos" war.

Sie sollen auch Journalisten-Kollegen für den BND ausspioniert haben.

Sowohl mein Focus-Kollege Josef Hufelschulte als auch ich trafen uns getrennt ziemlich regelmäßig mit dem Abteilungsleiter Sicherheit des BND, Volker Foertsch. Das geschah meist im Münchner Restaurant Seehaus. Es handelte sich um freundliche Plauder-Treffen.

Wer hat die Rechnung bezahlt?

Foertsch.

Ungewöhnlich.

Das waren ja private Treffen, ich war da nicht als Focus-Mann.

Noch ungewöhnlicher.

Ab 1995, ab der Plutonium-Schmuggelaffäre wollte Foertsch plötzlich immer etwas über Journalisten-Kollegen wissen. Ich konnte ihm aber nicht besonders dienen, weil ich mich nie um Klatsch gekümmert habe.

Welche Fragen stellte Foertsch?

Ob ich den oder den kenne. Was das für ein Mensch ist. Wie man den einzuschätzen hat. Was der gerade macht. Ob der vielleicht an einem Buch über Sicherheitsfragen arbeitet. So was habe ich ihm auch beantwortet, weil ich das als Gebot der Höflichkeit angesehen habe, aber nicht als Arbeit für den BND.

Wollte Foertsch die Quellen des Spiegel für dessen Artikel zur Plutoniumaffäre wissen?

Ja. In der Woche, als die Spiegel-Titelgeschichte erschien. Er hat mich gefragt, wo der Spiegel das her hat. Ich habe gesagt, ich wüsste es nicht, was stimmte. Ich habe nur gesagt, von den Formulierungen her kann das nur aus dem BND selbst kommen. Zu dem Schluss hätte jeder andere auch kommen können.

Haben Sie für diese Gespräche Geld vom BND kassiert und gab es jemals einen direkten Auftrag, Journalisten auszuforschen?

Foertsch hat damals gesagt: Wenn Sie über die Spiegel-Sache was hören, würde mich das sehr interessieren.

Hat er ihnen Geld dafür versprochen?

Ich glaube, er hat 5000 Mark für die Information über die Spiegel-Quellen in Aussicht gestellt. Die habe ich aber zu keiner Zeit erhalten und ich habe auch nie versucht, das in Erfahrung zu bringen. (Anmerkung der Redaktion: Volker Foertsch sagt dazu, Dietl habe sich sehr wohl jeweils auf Anfragen hin kundig gemacht und später die gewünschten Informationen geliefert. Auch seine Informationen zu den Plutonium-Quellen des Spiegel seien "sehr hilfreich" gewesen. Geld habe der BND dafür nicht gezahlt.)

Sie sollen auch Ihren Focus-Kollegen Hufelschulte ausgespäht haben.

Foertsch hat mich mit Sicherheit auch zu ihm was gefragt. Ich habe dann vielleicht gesagt: Das Thema fasziniert ihn, da kommt bestimmt in nächster Zeit noch mehr. Aber ich habe ihn nicht bespitzelt.

Würden Sie im Nachhinein sagen, dass Sie sich richtig verhalten haben?

Ich hätte vermutlich vorsichtiger sein sollen. Jedenfalls habe ich nie Geld bekommen für diese angeblichen Ausforschungen.

Sie sollen noch zu Zeiten von Saddam Hussein eine Focus-Kollegin beim irakischen Geheimdienst als BND-Agentin angeschwärzt haben.

Tatsächlich sind 2004 entsprechende Papiere aufgetaucht. Das waren Fälschungen. Sie wurden an den Generalbundesanwalt weitergegeben und der hat gar keine Ermittlungen eingeleitet. Trotzdem hat Focus daraufhin mein ohnehin schon reduziertes Arbeitsverhältnis mit mir gekündigt. Zwei Prozesse deswegen gegen Focus habe ich übrigens gewonnen, im Moment läuft die Berufung.

2004 haben Sie zusammen mit einem anderen EX-BND Mann das BND-kritische Buch "Bedingt dienstbereit" geschrieben, in dem der Verdacht nahe gelegt wird, dass Foertsch für den russischen KGB spioniert hat.

(Anmerkung der Redaktion: Der Generalbundesanwalt hat Foertsch von diesem Verdacht schon 1998 entlastet) Damals wollte sich der BND unbedingt vorher das Manuskript beschaffen. Das Referat 80B hat dazu den Nachrichtenhändler Uwe Müller aus Leipzig auf mich angesetzt. Das ist derselbe, der auch den Andreas Förster von der Berliner Zeitung ausforschen sollte. Ich war aber von einem Freund aus dem BND vorgewarnt worden. Der Müller hat mir dann 5000 Euro geboten, wenn er mal einen Blick auf das Manuskript werfen könnte. Ich habe das abgelehnt, aber gefragt: Wer will das bezahlen? Er hat geantwortet: Die Vereinigung ehemaliger Geheimdienstler der Schweiz.

Sie wohnen in einem großen Haus mit Hallenbad, das Sie zu einer Bibliothek und einem gewaltigen Archiv umfunktioniert haben. Sieht so aus, als ob Sie immer noch Besuch von Geheimdienstlern bekommen, auch von ausländischen.

Ich führe da keine Statistik. Aber das geschieht nicht kommerziell sondern auf persönlicher, privater Ebene. Ich habe viele Freunde in diesem Bereich.

Was ist mit Ihrem Posten als stellvertretender Leiter des Essener Institutes für Terrorismusforschung und Sicherheitspolitik?

Die haben mir jetzt kurz mitgeteilt, dass dort alle meine Ämter ruhen bis zur Aufklärung aller Vorwürfe.

Sie haben abgenommen in letzter Zeit.

Vor einem halben Jahr hatte ich 141,9 Kilo, jetzt sind es noch 103,4.

Stress wegen Ihrer Enttarnung?

Nein, kein Stress, sondern medizinisch verordnet und beaufsichtigt.


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