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BUNDESWEHR: »Schauen Sie genau hin, Herr Scharping!«

Ein schwerer Dienstunfall machte den Wehrpflichtigen Matthias Koch zum Krüppel. Die Bundeswehr ließ ihn mit seinen Qualen allein. Jetzt muss er um finanzielle Unterstützung kämpfen. Aus stern Nr. 31/2001.

Irgendwie ist das noch mein Bein», sagt Matthias Koch. Irgendwie. Der nackte Fuß mit den bläulich angelaufenen Zehen ist fast völlig taub. Rund um den Knöchel sind violette Flecken, wo sich Blut staut. Daneben dunkle Punkte, wo Metallstangen zum Fixieren im Fleisch befestigt waren.

Darüber müsste eigentlich die Wade kommen. Aber da ist nur noch ein Wulst um den Knochen. Ein Ring aus Muskelfleisch, der zwischen Achsel und Becken herausgeschnitten wurde, um die Reste des Unterschenkels zu umhüllen.

Weiter oben eine Kraterlandschaft aus Wunden, die kaum geschlossen sind, weil immer wieder Eiter auslief. Klüfte, Nähte, Narben. Und über dem Knie, das sich nur noch wenig beugen lässt, beginnen die großen rötlichen Flächen, wo Haut für Transplantationen vom Oberschenkel abgeschält wurde. In dem steckt tief drinnen ein dicker Metallnagel, um den zertrümmerten Knochen zu stabilisieren.

»Mein rechtes Bein«, sagt Matthias Koch langsam. »Das linke ist das bessere, glaub ich.« Aber da, wo er hin zeigt, ist nichts. Fuß und Unterschenkel sind amputiert. Der Oberschenkel endet in einem Stumpf. Der ist wenigstens stabil genug für eine Prothese. Sie steht, mit Turnschuh und Jogging-Strumpf, an seinem Bett, an dem auch Krücken hängen: Zimmer 6, Station 2A, Unfallkrankenhaus Hamburg-Boberg.

Matthias Koch ist 22 und muss wieder laufen lernen. Wenn er aufstehen will, muss er sich links die Prothese anschnallen und rechts einen »Geh-Apparat« - einen langen Schaft aus Schienen und Leder, der über den verkrüppelten Unterschenkel geschnürt wird, um ihm etwas Halt zu geben. Dann kann er ein paar Schritte wie ein Zombie schwanken, ehe er sich in einen Rollstuhl sinken lässt.

»Das war das letzte Mal, als ich getanzt habe«, sagt er, als er wehmütig auf ein Foto von seinem Abi-Ball vor zwei Jahren schaut, und er gibt sich Mühe, dass seine Stimme nicht zu sehr zittert. »Es gab mal eine Zeit, da war die Welt noch rund.«

Blumengesäumtes Elternhaus

Es war die Zeit, als er im niedersächsischen Uelzen aufwuchs. Ein blumengesäumtes Elternhaus im Grünen. Der Vater Betriebsleiter in einer Spirituosenfabrik, die Mutter Krankenschwester. Eine Welt voller Geborgenheit, in der er als Kind Messdiener wurde. Später kamen die wilden Jahre, als er lange Haare trug.

Die Tickets von Hardrock-Konzerten und Fußball-Schlachten hängen noch wie Trophäen in der Kellerwohnung, die er sich im Haus der Eltern früh einrichten durfte. Dann weckten Kanu-Trips und Radtouren an die Donau und nach Frankreich seine Sehnsucht nach der weiten Welt.

»Ich wollte Pilot bei der Lufthansa werden«, sagt der Mann mit den drei Ringen im Ohr. Die Ausbildung wollten die Eltern finanzieren. Aber nach dem Abitur gab es noch ein Hindernis zu überwinden: die Bundeswehr.

Am 1. September 1999 musste Matthias Koch zum Grundwehrdienst in Sachsen-Anhalt antreten. Bei der Musterung hatte er die höchste Tauglichkeitsstufe bekommen. Der Sportfan rückte beim Transportbataillon 410 ein. »Schütze Koch« machte Drill am »G3«-Gewehr, Gefechtsübungen im Wald, Fahrausbildung am Zehn-Tonnen-Transporter. »Ich war motiviert und fit« - bis zum 13. März 2000.

Zwölf Uhr mittags

Es war zwölf Uhr mittags an diesem kühlen Montag und klare Sicht, als eine Kolonne des Bataillons 410 bei Magdeburg auf der A 2 unterwegs war. Den dritten Lastwagen steuerte ein 19-Jähriger. Neben ihm saß Matthias Koch als Beifahrer, rechts außen der 20 Jahre alte Matthias Frevert aus Hannover. Bis heute kann sich Matthias Koch nicht an den Moment erinnern, als der Transporter von der Fahrbahn abkam und gegen einen Stahlpfeiler krachte. Er weiß bloß: Seine Welt, die bis dahin aus bunten Bildern bestand, ist plötzlich schwarzweiß.

»Alles war so unwirklich wie in einem Traum«, sagt er, »ich hab die Panik der Leute rundum gesehen, aber ich war innerlich ganz ruhig. Ich konnte meine Beine nicht fühlen und mich nicht bewegen. Aber ich wusste, dass ich weiteratmen muss.«

Er sieht Retter, die ihn nur nach hinten wegziehen können. Die Führerkanzel des Lasters ist total gestaucht, die Armaturen haben beide Beine zerquetscht, Knochen liegen blank, und das Gewehr steckt halb in der Lunge. Er hört den Hubschrauber kommen, der ihn in die Uni-Klinik nach Magdeburg fliegt. Er nimmt noch wahr, dass Matthias Frevert durch den Pfeiler praktisch gespalten worden ist.

44 Blutkonserven brauchen die Ärzte, um das Leben von Matthias Koch zu retten. 22 Liter. Den linken Unterschenkel müssen sie aufgeben. Aber den rechten - oder das, was von ihm noch übrig ist - können sie »replantieren«. Drei Zentimeter kürzer. »Offene Fraktur 3. Grades«. Eine elfstündige Operation. Die erste von 18, die bis heute nötig waren. Der Beginn eines Martyriums.

Sein zertrümmertes rechtes Bein sieht Matthias Koch zum ersten Mal, als nach zwei Tagen im künstlichen Koma der Verband gewechselt wird. Danach bittet er die Schwestern öfter, ihm ein Laken vor die Augen zu halten. Weil er monatelang Schmerzmittel braucht, schlagen die Narkotika nicht voll an, als die Haut vom Oberschenkel »wie mit einem Käseschaber« abgetrennt wird, um die offenen Stellen am Unterschenkel abzudecken. Albträume, in denen er mit dem Papst Schach spielt. Ängste, verrückt zu werden. Auch noch das rechte Bein zu verlieren. Nur eines kommt nicht: Beistand von der Bundeswehr.

Irgendwann stehen mal ein paar Kameraden an seinem Bett, und auch ein Hauptmann taucht ein paar Mal auf, »immer mit Formularen«, wie sich Koch erinnert. Mal geht es um Aussagen zum Unfall, mal um die Beendigung des »Wehrdienstverhältnisses«. Der Schwerverletzte hat das Gefühl, dass die Truppe ihn gern los wäre. Er bekommt eine »Dankurkunde« mit Bundesadler »für die geleisteten treuen Dienste«. Nicht mal sein Vorname ist richtig geschrieben darauf.

Sechs Monate auf Bewährung

Als das Amtsgericht Burg im Januar über den Unfall verhandelt, erscheint kein offizieller Beobachter der Bundeswehr zu dem Verfahren. Der angeklagte Fahrer, der damals nur leicht verletzt wurde und sich später nie bei Matthias Koch im Krankenhaus sehen ließ, bekommt sechs Monate Strafe, zur Bewährung ausgesetzt.

Von »Sekundenschlaf« am Steuer ist in der Verhandlung die Rede: Angeblich ist der 19-Jährige in der Vornacht erst um 24 Uhr zu Bett gegangen und um fünf Uhr früh aufgestanden. Soldaten aus dem Bataillon werden nicht als Zeugen vernommen. Eine Blutprobe, die es mal gegeben haben soll, taucht nie wieder auf.

»Blanke Enttäuschung« bleibt bei dem Mann im Rollstuhl zurück - nicht nur über den Prozess, sondern auch über die Bundeswehr insgesamt: »Kameradschaft, Zusammengehörigkeit - alles Gerede.« Er weiß nicht, ob er die schwersten Monate seines Lebens überstanden hätte, wenn da nicht 116 Tage lang seine Mutter Edda an seinem Bett gewesen wäre.

Edda Albanus-Koch ist gleich nach der Schreckensnachricht nach Magdeburg gefahren; sie erinnert sich noch, wie ihr dort eine forsche Stabsärztin erklärte, dass bei ihrem Sohn auch »das Gehänge beschädigt« sei, »das Wertvollste am Mann«. Sie kann nicht vergessen, wie sie nach wenigen Tagen aus einer Kaserne geschmissen wurde, weil das Zimmer »für einen Offizier gebraucht« werde. »Wir waren vorher eine glückliche Familie«, sagt sie, »es ist grausam. Eine ganze Welt ist eingestürzt.«

412 Mark im Monat

16 Monate nach dem Unfall ist Edda Albanus-Koch nicht mehr arbeitsfähig und deshalb in Rente. Der Sohn wird, wenn er nicht gerade für die nächste Operation im Krankenhaus ist, wieder in seiner Kellerwohnung leben. Aber es gibt noch nicht mal eine Zusage für alle Umbaukosten, die durch den Rollstuhl nötig werden. Keine Erstattung der Ausgaben, die für eine Handgas-Anlage in einem Auto anfielen. Per »Vorbehaltsbescheid« bekommt der Krüppel Matthias Koch zurzeit pro Monat ganze 412 Mark.

Ein endloser Papierkrieg um endgültige Bescheide zeichnet sich ab: mit dem Versorgungsamt Hannover, mit Behörden in Hildesheim und Munster. Welche Maßstäbe beim Dienst für das Vaterland angelegt werden, hat schon die Familie Frevert erfahren. Bei der Beerdigung ihres toten Sohns bekam sie eine schwarz-rot-goldene Flagge. Den Grabstein haben Freverts bis heute allein bezahlt.

Schmerzensgeld für Matthias Koch, der über ein Jahr in Krankenhäusern zubrachte? »Kann er vergessen«, heißt es aus dem Verteidigungsministerium. Für Soldaten ist ein solcher Anspruch bei Unfällen in der Truppe gesetzlich ausgeschlossen. Während die Opfer »ziviler« Unglücke sechsstellige Summen einklagen können, wird sich der Rollstuhlfahrer Matthias Koch wohl mit einer bescheidenen Rente als Entschädigung dafür begnügen müssen, dass seine Zukunft an jenem Tag endete, an dem er beim »Bund« zum Invaliden wurde. Und was sagt der oberste Dienstherr in Berlin dazu?

An Rudolf Scharping hatte Edda Albanus-Koch im November geschrieben. Hatte den Verteidigungsminister eindringlich darum gebeten, sich doch mal bei ihrem verzweifelten Sohn zu melden. Hatte Fotos des zertrümmerten Beins und Arztberichte beigelegt.

Im Februar erhielt sie von einer bundeswehrnahen Stiftung aus Köln eine Zusage über 10 000 Mark, wegen des »schweren Schicksals« der Familie. Von Rudolf Scharping »keine Antwort, keine Zeile, kein gar nichts«.

Deshalb will sie dem Minister noch mal neue Fotos schicken. Bilder von einem Bein, das für Matthias Koch nur noch »irgendwie« sein Bein ist. Bilder, die wehtun: »Schauen Sie genau hin, Herr Scharping!«

Wolfgang Metzner