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Bundeswehr in Afghanistan: Der Krieg im Kopf

Deutsche Soldaten sind weltweit im Einsatz: Kosovo, Bosnien, Libanon. In Afghanistan soll ihr Kontingent demnächst aufgestockt werden. Diese Einsätze gefährden nicht nur Leib und Leben, sondern auch die Psyche, wie ein Besuch im Hamburger Bundeswehrkrankenhaus zeigt.

Von Axel Hildebrand

Das Haus, in das der junge Mann an diesem Tag geht, ist gelb verputzt, er muss über einen Parkplatz gehen, um es zu erreichen. Auf die schwarzen Dachziegel der umliegenden Häuser sind rote Kreuze gemalt. Er drückt die Klinke einer weißen Holztür herunter. "Abteilung VI b, Psychiatrie und Psychotherapie, Abteilungsleiter, Abteilungsfeldwebel" ist darauf zu lesen. Soldaten in Uniform laufen über den Parkplatz. Vielleicht sieht sich der Mann um, bevor er hineingeht, vielleicht ist er auch in Gedanken ganz woanders. Er hat lange gebraucht, bis er zur weißen Tür kam.

Der Mann hat als Rettungssanitäter im Kosovo 1999 Schreckliches erlebt. Deswegen ist er hier, im Norden Hamburgs, im Bundeswehrkrankenhaus. Er geht durch die weiß tapezierten Gänge, setzt sich auf einen der beiden Stühle in einem kleinen Raum und blickt auf den freundlich lächelnden Mann mit dem Drei-Tage-Bart, der randlosen Brille und den kurz geschnittenen Haaren. Karl-Heinz Biesold ist Oberstarzt und er leitet die Abteilung Psychiatrie und Psychotherapie, die in Deutschland führend ist in der Behandlung von Trauma-Patienten.

Schusswunden sind selten, aber durch die Seele geht ein Riss

Die Kriege, in die auch Deutschland am Rande verwickelt ist, haben sich verändert. Gegen die kämpfenden Nationen wie die USA werden in Afghanistan und dem Irak, in den Straßen von Baquba, Kandahar und Mossul, heute mehr Bomben als Kugeln eingesetzt. Schusswunden sind selten, häufig kommen die Männer und Frauen als Krüppel zurück: im Gesicht entstellt und mit amputierten Beinen oder Armen. Auch wenn die Ärzte die äußere Hülle wieder reparieren, so geht doch durch die Seele häufig ein tiefer Riss.

Der Anschlag auf einen Bus der deutschen Armee im afghanischen Kabul im Juni 2003 war der erste tödliche Angriff auf deutsche Soldaten seit dem zweiten Weltkrieg. Die Überlebenden waren zum Teil schwer traumatisiert, und sie waren schwer enttäuscht, als die Bundeswehrverwaltung sie nach Quittungen für ihre zerstörten Laptops und MP3-Player fragte. Bislang war die Bundeswehr eine Friedensarmee. Sie bleibt gefangen in einer Friedensroutine. Doch heute dienen Bundeswehrsoldaten in Afghanistan, davor im Kosovo und Kongo. Seit den 1990er Jahren beteiligt sich Deutschland mit der Bundeswehr auf der ganzen Welt an internationalen Einsätzen zur Friedenssicherung und Terrorabwehr.

Grillfleisch erinnert an das verbrannte Fleisch eines Menschen

Vorbei scheinen die Zeiten wie im Zweiten Weltkrieg, als Traumatisierte als Simulanten abgetan wurden und mit Eiswasser und Elektroschocks behandelt wurden. Bei der Bundeswehr, sagt Biesold, arbeite man heute wie in der zivilen Psychiatrie. Es gehe nicht darum, die Soldaten bereit für den nächsten Einsatz zu machen, sondern ihnen die Kontrolle zurückzugeben - über ihr eigenes Leben.

Er hilft jenen Soldaten und Soldatinnen, die sich nicht mehr selbst helfen können. Sie haben gesehen, wie ein Kamerad bei einem Unfall zerquetscht wurde oder ein Kind im afghanischen Sand von einer Bombe zerfetzt wurde. Manche können diese Erfahrungen verarbeiten, bei manchen kommen sie immer wieder in den Kopf und lösen eine Stresssituation aus. Es gibt dafür Auslöser, so genannte Trigger. Das kann etwa Grillfleisch sein, welches an das verbrannte Fleisch eines Menschen erinnert.

Er ist in Hamburg. Er denkt: Ich bin im Kosovo.

Im Fall des jungen Mannes ist es das Geräusch des startenden Hubschraubers. Er startet auf einer Wiese ganz in der Nähe des kleinen Zimmers und ist hier gut zu hören. Vielleicht hat der Mann eben noch auf das moderne Kunstbild hinter dem Schreibtisch von Biesold, mit dickem Kohlenstift gezeichnet, geblickt. Vielleicht auch auf die geschmiedeten Figuren, ebenfalls moderne Kunst, die hinter Biesold auf einer Schrankwand stehen. Als sich die Blätter des Hubschraubers zu drehen beginnen, dringt Schweiß auf seine Stirn und die Hände fangen an zu zittern. Biesold redet auf ihn ein, mehrmals und immer wieder, aber der Mann reagiert nicht. Minutenlang.

Als der Hubschrauber nicht mehr zu hören ist, wird der Mann wieder ruhig. Biesold fragt: "Was war los?" Und der Mann antwortet: "Ich war im Kosovo."

Nach dem Kosovo-Krieg beteiligte sich Deutschland an der NATO-Sicherheitstruppe Kosovo Force (KFOR). Der junge Zeitsoldat wurde als Rettungssanitäter eingesetzt. Er geriet in dieser Zeit unter Beschuss. Ein anderes Mal wurde er als Geisel genommen. Und wieder ein anderes Mal sah er, wie Frauen vergewaltigt und Leichen zerstümmelt wurden. Sein Arbeitsplatz war ein Hubschrauber der Bundeswehr.

Ödnis, Anspannung, manchmal Grausamkeit

Die Soldaten kommen aus einem deutschen Alltag, und fliegen in eine Szene der Ödnis, Anspannung und manchmal Grausamkeit. Achim Wohlgetan diente als Elite-Kämpfer der Bundeswehr in Afghanistan, wo derzeit über 3300 Soldaten im Einsatz sind - und weitere 1000 hinzukommen sollen. In seinem Buch "Als deutscher Soldat in Afghanistan - ein Insiderbericht" beschreibt er die Szene auf einen afghanischen Marktplatz nach einem Attentat: " Bis zu den Knöcheln in Blut watend, arbeiteten wir uns bis an die Stelle der Detonation vor. Ein sehr großer Krater tat sich vor uns auf. Ich merkte, wie mir die Knie weich wurden. Ich sah meine Hände vorsichtig auf dem Boden liegende Menschen umdrehen, um herauszufinden, ob noch ein Fünkchen Leben in ihnen steckte."

Bestimmte Auslöser, sei es das Grillfleisch oder das Geräusch des Hubschraubers, versetzen die Trauma-Patienten wieder in solche Situationen. Und der Körper reagiert genauso, als würden sie diese Minuten noch einmal durchleben. Mit Herzrasen, pochendem Puls und Schweißausbruch. "Sie haben das Gefühl, wieder in einer lebensbedrohlichen Situation zu sein", erklärt Oberstarzt Biesold.

Die Ehefrauen nehmen eine andere Person in den Arm

Die Soldaten leiden unter dem so genannten Posttraumatischen Belastungssyndrom (PTBS). Sie können die Sinneseindrücke nicht mehr sortieren und vergessen entscheidende Momente. Etwa: dass sie geholfen haben. Dass sie alles getan haben. Das kann alles weg sein. Wer dies vergisst, den quält später sein Gewissen. Und die Erfahrung verändert den Soldaten. Sie werden aggressiv und reizbar oder können Gefühle nicht mehr zeigen. Beziehungen zerbrechen, und viele denken daran sich umzubringen. Wenn das Flugzeug die Soldaten wieder nach Deutschland bringt, dann nehmen die Ehefrauen eine andere Person in den Arm.

Bislang haben sich rund 950 deutsche Soldaten in den Bundeswehrkrankenhäusern behandeln lassen, allein 280 in den vergangenen zwei Jahren. In Wirklichkeit sind viel mehr betroffen. Nur rund ein Viertel, schätzt Biesold, lasse sich behandeln. "Viele denken, das ist eine persönliche Schwäche und sie haben das Gefühl, versagt zu haben." Die Bundeswehr wird von Männern geprägt, und die reden selten über sich und noch seltener benutzen sie Wörter wie Angst und Unsicherheit.

Sie vergessen, geholfen zu haben

Biesold, der Arzt, will, dass die Soldaten zunächst zur Ruhe kommen. Mit Entspannungstechniken beginnt die Therapie. In drei bis vier Stunden pro Woche arbeiten sie das Ereignis durch. Dafür konfrontieren Biesold und andere Ärzte die Soldaten mit den schockierenden Erlebnissen und versuchen, blockierte Verarbeitungsprozesse zwischen den beiden Gehirnhälften wieder in Gang zu setzen. Das kann Jahre dauern. Manchmal besprechen sie eine Minute eines Anschlags einen Monat lang.

Häufig haben die Soldaten nur noch bruchstückhafte Erinnerungen - zu viele Eindrücke sind in zu kurzer Zeit auf sie zugekommen. In der Therapie werden sie wieder zusammengefügt, wie ein Mosaik. Eine "kognitive Umstrukturierung" wird eingeleitet. Der Therapeut dirigiert die Augen des Patienten dabei im Rechts-links-Rhythmus. Das hört sich merkwürdig an - ist aber eine empirisch abgesicherte, erfolgreiche Methode. Die Erinnerungen werden bleiben, aber die Stresssymptome wie Schweißausbrüche werden verschwinden - im Idealfall.

Auch in Deutschland: Sie bleiben in einer Welt des Krieges

Wer mit seinen Erlebnissen nicht fertig wird, der bleibt auch in Deutschland in einer Welt des Krieges leben. Die Süddeutsche Zeitung berichtete über einen ehemaligen Zeitsoldaten, der in Afghanistan stationiert war, und im vergangenen Sommer ziellos durch Berlin irrte. Der junge Mann, erst 22 Jahre alt, nahm einem Touristen mit Hilfe einer Schreckschusspistole Zigaretten, eine Geldbörse und einen Schlüsselbund ab. Als eine Polizeistreife ihn aufgriff, reagierte der Mann wie in einer mehrfach geprobten Gefahrensituation: Er zielte mit der Schreckschusspistole auf die Polizisten. Die hielten die Waffe für scharf - und erschossen ihn.

  • Axel Hildebrand