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CDU-Parteitag in Hamburg: Kampf um Merkels Erbe: Kommt Friedrich Merz im Fotofinish ans Ziel?

Beim CDU-Parteitag wird über die Nachfolge von Parteichefin Angela Merkel entschieden. Die größten Chancen haben wohl Annegret Kramp-Karrenbauer und Friedrich Merz. Warum eine Stichwahl zugunsten von Merz ausgehen könnte.

Video: Erfahrung, Hoffnung, Angriff - Profile der CDU-Kandidaten

Auf dem CDU-Parteitag in Hamburg wird sich das Schicksal der Konservativen für die kommenden Jahre entscheiden: Nach 18 Jahren geht an diesem Freitag die Ära von Angela Merkel als Vorsitzende zu Ende. Das Vierteljahrhundert an der Parteispitze wie bei ihrem CDU-Vorgänger Helmut Kohl ist es dann doch nicht mehr geworden - aber das wollte die Kanzlerin wohl auch gar nicht. Doch wenn am späten Freitagnachmittag die 1001 Delegierten in Hamburg erstmals seit 47 Jahren in einer Kampfabstimmung darüber entscheiden können, wer die Partei in die Zukunft führen soll, geht es auch um ihr Erbe.

Dabei steht in der Hamburger Messe nicht so sehr die Zukunft von Merkel selbst auf der Tagesordnung - sie hat angekündigt, als Kanzlerin bis zum ordnungsgemäßen Ende der Legislatur 2021 zur Verfügung zu stehen. Nachdem Merkel vor sechs Wochen angekündigt hattet, entgegen jahrelanger Überzeugungen doch Vorsitz und Kanzlerschaft zu trennen, wirkt sie bei vielen Auftritten fast wie befreit. Im Bundestag hält die Kanzlerin Reden in einer Deutlichkeit, die sich viele ihrer Kritiker seit Jahren gewünscht haben. Gegenüber schwierigen internationalen Gesprächspartnern wie Russlands Präsidenten Wladimir Putin scheinen ihre kritischen Worte noch deutlicher als früher.

Der legendäre CDU-Parteitag im Jahr 2000

Was hat Merkel ihrer CDU seit dem Parteitag im Jahr 2000, als sie in Essen mit überwältigender Mehrheit erstmals zur Vorsitzenden gewählt worden war, nicht alles zugemutet. Atomausstieg, Aussetzung der Wehrpflicht, Frauenquote, Homosexuellen-Ehe und seit 2015 noch ihre umstrittene Migrationspolitik: Für besonders Konservative in der CDU war vieles ein Gräuel.

Nachdem Ex-Unionsfraktionschef Friedrich Merz direkt am Tag von Merkels Ankündigung eines Ausstiegs auf Raten seinen Hut in den Ring geworfen hatte, wirkte es fast, als seien viele Konservative in der Partei endlich aus jahrelanger Lethargie erwacht. Ein regelrechter Merz-Hype brach los. Nun wird man in Hamburg sehen, ob daraus tatsächlich ein neuer konservativer Aufbruch werden könnte. Viele Delegierte werden sich die Entscheidung wohl nicht leicht machen, ob sie ihr Kreuzchen bei Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer, Merz oder Gesundheitsminister Jens Spahn setzen.  In letzter Minute könnten noch weitere Kandidaten hinzukommen, darunter der hessische Unternehmer Andreas Ritzenhoff. Doch die anderen haben wohl keine Chance.

Was die Partei in den vergangenen Wochen erlebt hat, wird von manchen in der CDU beschrieben wie der Effekt, als seien in einem überheizten, muffigen Raum die Fenster aufgerissen worden. In acht Regionalkonferenzen stellten sich Merz, AKK - wie Kramp-Karrenbauer in der Partei genannt wird - und Spahn dem Parteivolk vor. Die Tournee der Hoffnungsträger verlief weitgehend fair. Endlich werde wieder offen diskutiert und auch mal gestritten, war von vielen zu hören.

Kampf der politischen Lager innerhalb der CDU

Was nun am Freitag mit der Wahl seinen Endpunkt findet, wird in Teilen der Partei als Kampf der politischen Lager beschrieben. Ob das tatsächlich so ist, dürfte sich wohl erst dann zeigen, wenn die oder der neue Vorsitzende in der Alltagspolitik angekommen ist. Dass Merz - als Parteichef eingebunden in eine wackelige Große Koalition mit schwierigen Partnern von SPD und CSU - wirklich einen konservativen "Rollback" versuchen werde, bezweifeln viele. Ein solches völliges Zurückdrehen der Zeiten werde es auch mit dem Sauerländer nicht geben, heißt es im Kreis seiner Anhänger.

Und dass die frühere saarländische Ministerpräsidentin Kramp-Karrenbauer tatsächlich nur eine "Mini-Merkel" sei, wie manche ihrer Gegner behaupten, glauben sie selbst in der Spitze der Schwesterpartei CSU nicht - wo viele lieber Merz als CDU-Chef sähen.

Dass die Abstimmung aber tatsächlich Potenzial zur Spaltung hat, wird in der CDU kaum bezweifelt. Alle drei Kandidaten warnen davor, dass sich die Verlierer zulasten der Partei in den Schmollwinkel zurückziehen. Vieles dürfte davon abhängen, ob der Gewinner mit seinem Vorschlag für den Posten des Generalsekretärs ein Einigungssignal senden kann.

Könne die Parteibasis entscheiden, würde das Ergebnis wohl schon feststehen, glauben auch erfahrene Leute aus dem AKK-Lager vor dem Parteitag: Nach der Stimmung bei den Regionalkonferenzen zu urteilen, liege Merz bei den Mitgliedern vorn. Und auch unter den Delegierten, die etwa als Mandatsträger wohl genau abwägen werden, welcher Kandidat ihrer CDU bei künftigen Wahlen am meisten Wähler zurückbringen - und damit auch ihre Posten sichern - dürfte, gebe es wohl eine leichte Präferenz pro Merz, glauben Insider, die gern einen Erfolg der Saarländerin sehen würden.

Für den CDU-Parteitag in Hamburg laufen die Vorbereitungen. Am Freitag wird in den Hamburger Messehallen über die Nachfolge von Parteichefin Angela Merkel entschieden. 

Für den CDU-Parteitag in Hamburg laufen die Vorbereitungen. Am Freitag wird in den Hamburger Messehallen über die Nachfolge von Parteichefin Angela Merkel entschieden. 

DPA

Aber sicher ist nichts - es wird mit einem Fotofinish im Kampf um Merkels Erbe gerechnet, inklusive Stichwahl. Spahn, das gilt als so gut wie sicher, wird am Ende wohl nicht neuer Vorsitzender sein. Aber ein Achtungserfolg mit zweistelligem Ergebnis im ersten Wahlgang wird ihm zugetraut. Mit seinen Auftritten vor der Parteibasis habe er sich jedenfalls für die Zukunft empfohlen. "Er wird verlieren, aber er hat auch gewonnen: an Profil", heißt es selbst unter jenen, die nicht zu seinen Fans gehören.

Mit Spannung wird erwartet, ob Merz oder AKK nicht doch schon im ersten Wahlgang die nötige Mehrheit von mehr als 50 Prozent der abgegebenen gültigen Delegiertenstimmen erhält. Schafft es keiner von beiden, ist die große Frage, wohin die Spahn-Fans tendieren. Eigentlich zu Merz, müsste man meinen, beide gehören schließlich zu den als besonders konservativ geltenden CDU-Männern. Auf 80 bis 85 Prozent wird bei CDU-Insidern das Potenzial jener Spahn-Wähler geschätzt, die tatsächlich in einer Stichwahl bei Merz ihr Kreuzchen machen würden.

Es gebe aber eben auch jene im Umfeld des jungen Gesundheitsministers oder bei seinen Fans in der Jungen Union, die AKK und ihr Engagement für die Partei gut fänden, heißt es da. Manche der Spahn-Anhänger dürften sich im Zweifelsfall auch nochmals fragen, wo Merz denn eigentlich seit seinem Abgang aus der Politik vor knapp zehn Jahren gewesen ist und vor allem, was er für die CDU getan hat.

Dass ausgerechnet Wolfgang Schäuble, als Parlamentspräsident parteiübergreifend geschätzter CDU-Grande, sich am Dienstag in einem Interview öffentlich für Merz als Merkel-Nachfolger ausgesprochen hat, wird in der Partei zwiegespalten bewertet. Ohnehin war bekannt, dass der 76-Jährige Merz' Ambitionen unterstützt. Die einen sehen in der offenen Parteinahme Schäubles ein gewichtiges Argument - es könnte einige unter den vielleicht zehn Prozent unentschiedenen Delegierten auf die Seite von Merz ziehen.

Andere fürchten, Schäubles Worte könnten auch nach hinten losgehen. Zu früh habe er sich geäußert, drei Tage bis zur Wahl seien in diesen Zeiten eine lange Spanne. Von anderen ist zu hören, Schäuble könne auch den Eindruck verstärkt haben, es gehe bei der Kandidatur von Merz lediglich um "Rache der alten Männer" an Merkel, die aus deren Sicht viele Karrieren aus der Generation Merz zunichte gemacht habe. "Wir machen ja nun keine Revival-CDU", hieß es beispielsweise.

anb / DPA