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Lockdown-Debatte Man sollte andere Meinungen auch mal wieder aushalten – gerade in Zeiten von Corona

Seit dem 20. April haben viele Geschäfte wieder auf
Seit dem 20. April haben viele Geschäfte wieder auf
© Julian Stratenschulte
Nach vier Wochen im Lockdown verhärten sich die Fronten im Netz. Der Ton ist rau, die anderen immer im Unrecht. Dabei ist es in Sachen Corona noch viel unsinniger als sonst schon, andere für ihre Meinung zu diffamieren.

Rund einen Monat gelten in Deutschland nun schon die strengen Kontaktbeschränkungen. Das heißt auch: Rund einen Monat hocken Millionen Deutsche die meiste Zeit des Tages in ihren Wohnungen. Man muss kein Sozialforscher sein, um zu wissen: Das tut den meisten sicher nicht allzu gut. Beobachten kann man die Auswirkungen dessen – wo sonst derzeit – im Internet.

Nach vier Wochen Lockdown verhärten sich die Fronten auf Twitter und Facebook. Auf der einen Seite wird geschrien, die Regierung sperre uns grundlos zuhause ein und fahre die Wirtschaft an die Wand. Auf der anderen Seite sitzen Menschen, die zu Hause nicht einmal das Fenster aufmachen, wenn ihnen das keine Verordnung explizit erlaubt. Und das unschönste daran: Die jeweils andere Seite wird massiv angegangen. Wer die aktuellen Maßnahmen infrage stellt, wird schnell als Verschwörungstheoretiker beschimpft, wer sie vehement verteidigt, muss sich anhören, er wäre obrigkeitshörig und würde blind der Regierung vertrauen.

Was mitunter fehlt – und das lässt sich übrigens auch auf sämtliche Bereiche jenseits von Corona, Covid und Co. ausdehnen – ist die gemäßigte Mitte, die Stimme des Für und Wider, der Grautöne. Denn eines muss ganz klar gesagt werden: Womit wir es bei diesem Virus letztlich genau zu tun haben, wie massiv die Auswirkungen und wie notwendig die Maßnahmen im Rückblick gewesen sein werden, das lässt sich heute noch nicht mit Sicherheit sagen.

Kaum valide Daten, ergo viele Meinungen

In den meisten Ländern hat man sich für die vorsichtige Variante entschieden, und dafür wird es gute Gründe geben. Wenn Kanzlerin Angela Merkel am Montag ruhig und eindringlich davor warnt, sich jetzt nicht zu sicher zu werden, nur weil wir bisher die Krise gut meistern, dann klingt das ehrlich und überzeugt. Doch natürlich darf man das auch ganz anders sehen. Denn was auch Virologen immer wieder unterstreichen: Für präzise Aussagen zur Gefährlichkeit des Virus fehlen die verlässlichen Zahlen. Das Dunkelfeld ist wohl riesig, wo die Mortalitäts- und Letalitätsraten schließlich liegen werden, ist noch unklar. Schweden scheint ohne große Einschränkungen zumindest nicht viel schlechter als andere durch die Krise zu kommen, Städte wie Bergamo oder New York hingegen zeichnen ein düsteres Bild und mahnen den Rest der Welt zur Vorsicht.

Was folgt daraus nun? Zunächst einmal, dass wir uns bewusst machen: Wir befinden uns bei vielen Dingen, über die aktuell so hart gestritten wird, im Bereich von Meinungen. Und die sind in Deutschland ja nun mal bekanntlich frei. Das klingt banal, aber man kann sich ruhig den Moment nehmen und das verinnerlichen: Vieles ist und bleibt unklar, wir sind alle keine Virologen und selbst die sind sich logischerweise nicht alle einig. Entsprechend muss keiner auf seinem hohen Ross sitzen und den anderen nieder machen, weil der ja nun wirklich alles falsch sehe.

Andere Ansichten aushalten

Man darf Maßnahmen der Regierung, noch dazu solche, die Grundrechte beschneiden, hinterfragen und kritisieren. Man darf Lockerungen fordern, für sich, für seine Branche, für seine Kinder. Damit ist man nicht automatisch Verschwörungstheoretiker oder gefährdet unbedacht Menschenleben. Man darf aber auch andere dafür kritisieren, dass sie eben das tun. Und ganz streng genommen darf man in Deutschland sogar irreführenden Unsinn oder nachweislich falsche Informationen verbreiten. Man muss sich dann allerdings auch gefallen lassen, wenn andere einen dafür Verschwörungstheoretiker nennen.

Kurzum: Nur weil man anderer Meinung ist, muss man seinen (virtuellen) Gegenüber nicht persönlich angehen, diffamieren oder gar ausgrenzen. Es ist doch gut und schön, dass wir unterschiedliche Ströme haben, dass wir in einem freien Land leben, in dem jeder weitgehend sagen darf, was er will. Wie fürchterlich wäre es denn, wenn wir alle dasselbe denken würden? 

Andere Ansichten, und gehen sie einem persönlich auch noch so gegen den Strich, kann man auch einfach mal aushalten. Sonst verhärten sich die Fronten nur noch weiter. Die Menschen sind aktuell ohnehin schon räumlich voneinander getrennt. Da müssen wir uns nicht auch noch gedanklich immer weiter voneinander entfernen. 


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