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DEBAKEL: Kein Mitleidsbonus für Scharping

Ihm fehlt die Fortune, da hilft auch Fleißarbeit nichts. Mit 58,8 Prozent wurde Rudolf Scharping bei der Wahl zum Partei-Vize geradezu abgestraft - zu zahlreich waren die Affären, politisch wie privat.

Kritische Parteifreunde Rudolf Scharpings hatten das Desaster kommen sehen. Nach Flugaffäre, umstrittener Kritik an den Briten im Mazedonien-Einsatz, eiligen Äußerungen nach den Terrorakten auf die USA sowie parteiintern angeblich überheblichem Auftreten ahnten sie, dass der Verteidigungsminister dafür auf dem Bundesparteitag in Nürnberg die Quittung bekommen würde. Dass er bei seiner Wiederwahl zum SPD-Vize mit 58,78 Prozent am Montag aber geradezu abgestraft wurde, das war nicht erwartet worden.

Scharping hat Rückhalt in seiner Partei eingebüßt

Dieses schlechteste Ergebnis aller Stellvertreter von SPD-Chef Gerhard Schröder wurde auch für den Kanzler als Belastung gewertet. Sein Verteidigungsminister hat nun ausgerechnet in der historischen Stunde der Bundeswehr mit ihrem Einsatz mit Heer, Marine und Luftwaffe im Afghanistan-Konflikt deutlich an Rückhalt in der eigenen Partei eingebüßt.

Schröder wird an Scharping festhalten

Dabei hatte der Kanzler in seiner langen Rede vor den Delegierten Scharping noch Schützenhilfe geleistet. Er hob auffallend seine Verbundenheit mit Scharping in der Sicherheitspolitik hervor. Und er stellte klar: »Das wird auch so bleiben.« Schröder dürfte vor allem angesichts der schwierigen sicherheits- und außenpolitischen Situation Deutschlands an Scharping festhalten. Dazu kommt, dass zehn Monate vor der Bundestagswahl ein weiterer Ministerwechsel für ihn selbst als Beschädigung gedeutet werden könnte.

Die Opposition ist überzeugt: Ohne die Terroranschläge auf die USA gäbe es Scharping als Minister gar nicht mehr. Der Kampf gegen den internationalen Terrorismus und die neue Rolle Deutschlands habe die bereits scharf geführte Auseinandersetzung über Scharpings Kompetenz im September stark überlagert.

Scharping verrichtete Fleißarbeit

Manche Delegierten hatten vor der Abstimmung noch für möglich gehalten, dass Scharping aus »Mitleid« ein akzeptables Ergebnis bekommen würde. Der Grund: Er sei stets Parteisoldat gewesen und habe Arbeiten angenommen, um die sich viele andere nicht reißen. Das sei zum einen das eher ungeliebte Verteidigungsressort, zum anderen die Fleißarbeit in der Programmkommission sowie in der Antragskommission für den Parteitag.

Scharping hat in der SPD nun seit 1994 - der erfolglosen Kanzlerkandidatur - Stück für Stück an Ansehen verloren. 1995 stürzte ihn der Parteitag - einmalig in der Geschichte in der Partei - als Vorsitzenden und hob Oskar Lafontaine auf den Schild. Seit seinem Amtsantritt als Verteidigungsminister büßte er weiter an Rückhalt ein. 1997 hatte er bei der Wahl zum SPD-Vize noch 92,3 Prozent bekommen. 1999 waren es 73,4 Prozent. Mit nun knapp 59 Prozent gilt er in der Partei als angeschlagen.