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Videomaterial beschlagnahmt?: So schildert Michel Friedman den Interview-Eklat in der Türkei

Im Streit zwischen der Deutschen Welle und der Türkei hat sich jetzt Michel Friedman zu Wort gemeldet. Der Journalist schildert, wie das Interview mit Sportminister Kilic ablief und wie er und sein Team danach bedrängt wurden.

Michel Friedman bei einer Demonstration für Pressefreiheit im Februar in Mainz

"Wir haben kein Material mehr." Michel Friedman, hier bei einer Demonstration für Pressefreiheit im Februar in Mainz, über sein Interview mit dem türkischen Minister für Jugend und Sport, Akif Cagatay Kilic.

Unzufriedenheit mit seinen kritischen Fragen hat nach Darstellung von Michel Friedman zur Beschlagnahmung seines Interviews für die Deutsche Welle (DW) mit dem türkischen Minister für Jugend und Sport, Akis Cagatay Kilic, geführt. Während des Interviews habe man gemerkt, dass der Minister gerne andere Fragen bekommen hätte, berichtete der Journalist im Deutschlandfunk. Die Fragen, die ihm gestellt worden seien, habe er dagegen weniger gerne beantworten wollen. Das habe sich dann während des Gesprächs gesteigert. Das Ganze sei aber im Rahmen eines normalen Konfliktinterviews geblieben.

Thema Frauenrechte gefiel Kilic laut Friedman gar nicht

In dem Interview sei es um verschiedene Themen gegangen, erklärte Friedman. Er habe mit Kilic über die Frage der Kurden, über die Verfolgung von Journalisten, Lehrern und Richtern, über Incirlik, die Visa-Freiheit und die Anti-Terror-Gesetze gesprochen.

"Wir landeten dann auch - ein Stichwort, das ihm überhaupt nicht gepasst hat - bei den Rechten der Frauen", sagte Friedman im Deutschlandfunk. In dem Zusammenhang habe er den Minister mit Zitaten des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan konfrontiert, in denen es um Kinderlosigkeit ging sowie um Verhütung als angebliche Sünde gegen Gottes Willen. Er habe Kilic gefragt, "ob der Präsident eigentlich ein Politiker ist oder ein Imam, denn es sei doch relativ unüblich, in einer politischen Diskussion sich auf Gott und auf Religionsbücher zu beziehen".  Da habe sich der Minister vollkommen verweigert.

Presseberater fordert Herausgabe des Chips

Nach dem Ende des Geprächs habe das Fernsehteam das Gebäude verlassen, sei aber noch auf dem Gelände geblieben, erzählte Friedman weiter. Dann seien Mitarbeiter des Ministeriums gekommen und hätten zu ihm gesagt: "Der Minister sei 'not amused' und würde gerne mit mir noch mal darüber sprechen." Dem habe er sich verweigert. Nach einer kurzen Diskussion über den Inhalt des Interviews sei der Kameramann vom Presseberater auf Türkisch aufgefordert worden, die Chipkarte aus der Kamera herauszunehmen. Eine Kollegin von der Produktion habe "sehr laut und deutlich" auf Englisch gesagt: "Das ist nicht erlaubt, nehmt unserer Material nicht weg!" Dennoch sei der Ministeriumsvertreter mit dem Chip  wieder im Gebäude verschwunden, sagte Friedman. "Wir haben kein Material mehr."

Kilic hat die Beschlagnahme des Interviews für das DW-Format "Conflict Zone" (Konfliktzone) bestritten. Solche Berichte entsprächen nicht der Wahrheit, twitterte der Minister am Dienstagabend. Man habe lediglich gefordert, das Interview nicht auszustrahlen. Die Deutsche Welle müsse diesem Wunsch nach Autorisierung nachkommen.

Ein DW-Sprecher bezeichnete die Behauptung daraufhin als "schlichtweg abenteuerlich". "Wenn das Videomaterial nicht unrechtmäßig konfisziert worden wäre, hätte die DW das Material noch und könnte die Sendung wie geplant ausstrahlen." Intendant Peter Limbourg sprach von einem "eklatanten Verstoß gegen die Pressefreiheit in der Türkei", der den "Tatbestand der Nötigung durch die türkische Führung" erfülle.

Die Deutsche Welle forderte die türkischen Behörden zur sofortigen Herausgabe des Videomaterials auf. Sie prüfe zudem mögliche rechtliche Schritte. Auch der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) forderte die Türkei auf, das Material unverzüglich herauszugeben. "Das ist der schwerstmögliche Angriff auf die Pressefreiheit, wie wir ihn nur aus Diktaturen kennen", kritisierte der DJV-Bundesvorsitzende Frank Überall. Das Auswärtige Amt müsse sich einschalten.


mad, mit DPA