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Die Lehren aus dem Fall Guttenberg: Der kleine Ratgeber für Blender

Er flog hoch und fiel tief. Alles nur wegen der Familie und der vermaledeiten Pflicht. Damit Ihnen das nicht passiert: Was Sie aus dem Fall Guttenberg für den Alltag lernen können.

Von Florian Güßgen

Schreiben Sie gerade eine Dissertation? Bewerben Sie sich für ein höheres Amt? Wollen Sie Abteilungsleiter, Chefredakteur, Professor, Minister, Kanzler werden? Wollen Sie eine Frau oder einen Mann in amouröser Absicht beeindrucken? Oder wollen Sie einfach nur gut, glücklich, zufrieden und voller Harmonie mit ihren Mitmenschen durchs Leben kommen? Da haben wir etwas für Sie. Denn der Aufstieg und Fall des KT zu Guttenberg bietet Lehren für alle Herausforderungen des täglichen Bedarfs. Heute, an jenem Tag, an dem die Universität Bayreuth ihre wissenschaftsethische Abhandlung vorgestellt hat, präsentieren wir Ihnen unsere alltagsethischen Empfehlungen - frisch gelernt anhand des Falls Guttenberg.

1. Tragen Sie nicht zu dick auf!

Klingt banal. Klingt langweilig. Klingt vor allem wahnsinnig moralisierend. Ist es aber nicht. Sie müssen nicht Guttenberg, Koch-Mehring oder Saß heißen, um zu wissen, wie viele tausend kleine Versuchungen es täglich, stündlich, sekündlich gibt, das eigene Sein mit ein wenig Schein aufzupolieren - ob im Lebenslauf oder bei der mündlichen Eigenpräsentation. Keine Scheu! Stellen Sie sich dar: Machen Sie etwas aus sich, hübschen Sie sich hier auf, und dort. Verstecken Sie sich nicht. Seien sie selbstbewusst. Bis an die Grenze. Aber widerstehen Sie den ganz großen Münchhausengeschichten. Machen Sie nicht aus ihrem Kopierpraktikum einen Berufseinstieg als Junior Berater, behaupten sie nicht, sie könnten kochen, wenn Sie maximal ein Spiegelei braten können. Sagen sie nicht, sie sprechen Spanisch wenn es über ein "Hasta la vista, Baby" nicht hinausgeht. All das. Blenden, täuschen, das hat der Fall Guttenberg gezeigt, macht nicht glücklich. Denn irgendwann werden Sie erwischt. Und dann ist Schicht im Schacht. Schluss. Mit der Glaubwürdigkeit. Mit dem Vertrauen. Fragen Sie nicht nur den KT, sondern auch Veronika Saß und Silvana Koch-Mehrin.

2. So oder so. Sie werden erwischt!

Das Problem mit dem Blenden, diese Spielart der Täuschung, ist, dass es eine Daseinsform darstellt, die immer schwerer durchzuhalten ist. Mit fast an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit, davon können Sie ausgehen, werden Sie erwischt. Denn verschwanden Ihre großen und kleinen Schummeleien früher noch in Schubladen, in Archiven, in staubigen Regalen irgendwelcher Bibliotheken irgendwelcher Provinzuniversitäten, so sind Sie, ob es Ihnen gefällt oder nicht, nun Teil des digitalen Archivs. Ob auf Facebook, über Twitter, auf irgendwelchen Internetseiten - alles, was Sie öffentlich tun und lassen wird irgendwo irgendwie nachvollziehbar sein. Wenn Sie Pech haben, ergoogelt Ihr Chef oder Ihr neuer Liebhaber die Wahrheit, Wikileaks veröffentlicht etwas, oder GuttenPlag Wiki adelt ihre Dissertation mit einem Schwarmtest. Sehen Sie das - nein, nein - nicht als Bedrohung, sondern als Chance, dass Authentizität und Ehrlichkeit Bestand hat, mit allen Brüchen und Wendungen so einer menschlichen oder auch politischen Biografie. Sehen Sie es als Zugewinn für die Demokratie: Die Wahrheit hat eine recht gute Chance. Die Guttenbergs dieser Welt, die Blender sind es, die bangen müssen.

3. Sie werden das Internet nicht los!

Es hat ja während der Guttenberg-Affäre bisweilen so angemutet, als ob es immer noch Menschen gäbe, die vermeinten, sie könnten dieses Internet irgendwie abstellen, es abschütteln, diese hundsgemeine Archivfunktion, diese plötzliche Präsenz unzähliger Kontrolleure, Wächter, Überprüfer. Noch Anfang dieser Woche schimpfte eine Ex-Vizepräsident der Universität Bayreuth über das gemeine Netz, das eine Hetzjagd auf den armen KT veranstaltet habe. Lassen Sie sich das hier in einer Sonderlektion gesagt sein: Is' nicht, das mit dem Abschalten. Das Internet geht nicht weg. Alle können fast allen fast immer zugucken - und laut aufschreien, wenn etwas nicht gefällt. Manche halten das sogar für einen Gewinn.

4.. Nur Mut. Geben Sie's zu!

Wir sind ja alle keine Heiligen. Kann also durchaus passieren, dass Sie trotz aller Ratschläge mal blenden. Nur: wenn Sie dann erwischt werden, sollten Sie's möglichst schnell und umfassend zugeben. Also nichts von wegen: "Ich habe das unbewusst gemacht!" Oder: "Ich habe das als junger Familienvater nicht gebacken gekriegt, die Doppelbelastung Kindererziehung und Krieg in Afghanistan. Die haben mich gezwungen. Die Familie. Der Doktorvater. Verstehen Sie?" Lassen Sie das! Kommt sehr kleinmütig daher, zerstört den Rest ihrer Glaubwürdigkeit. Machen Sie's frank und frei. Bekennen Sie. "Ich hab's verbockt, ich war zu eitel. Sorry. Soll nicht wieder vorkommen." Das ist der beste Weg zur Resozialisierung, glauben Sie es uns. Ansonsten fangen Sie noch an, ihre eigenen Blendereien zu glauben. Dann besteht die Gefahr der chronischen Verhärtung und latenten Realitätsverlusts. Damit machen Sie sich keine Freunde, nicht mal in der Partei.

5. Zeigen Sie sich!

Guttenberg? Guttenberg? Wie sah der noch mal aus? Genau. Seit März hat man den einstigen Magier der Bilder nimmer mehr gesehen. Für Journalisten ist das schwierig. Die können seit Monaten immer nur die gleichen Bilder aus dem Bendlerblock nehmen. Für Sie ergibt sich aus diesem Abtauchen eine interessante Lektion: Wer sich versteckt, ist ein Getriebener. Wer sich dagegen einmal äußert, hält das Heft des Handelns und sein eigenes Schicksal in der Hand. Erklären Sie sich erst, geißeln Sie sich - und tauchen dann ab. Dann sind zumindest Sie es, der den Schlussstrich gezogen hat - und mit einem Neuanfang beginnen kann.

6. Lassen Sie Ihre Familie da raus!

Ist ja voller Ur-Beziehungen, so eine Familie. Muss deshalb auch immer für viel herhalten. Aber machen Sie genau das nicht, der Fall Guttenberg ist hier einmal mehr ein abschreckendes Beispiel. Wochen, noch Monate, nachdem der Ex-Minister beim schwer wiegenden Blenden erwischt worden ist, hat er gegenüber den Bayreuther Professoren die Familie als Vorwand für seine, ähem "ungeordnete Arbeitsweise" angeführt. Ach, Gottchen! Merken Sie sich: Immer alles auf Mami und Papi oder gar die eigenen Kinder zu schieben, zeugt von latenter Unreife - für jeden sichtbar. Sie erschweren so Ihre Resozialisierung. Deshalb gilt hier in besonderem Maße: Halten Sie sich an Regel Nummer 4!

7. It's a One-Way-Street, Baby!

"Sie steigen nie zwei mal in denselben Fluss", hat Konfuzius oder ein anderer asiatischer Philosoph einmal gesagt. Und Recht gehabt. Wenn Sie einmal beim schwerwiegenden Blenden erwischt worden sind, glauben Sie nicht, Sie könnten so mirnichtsdirnichts dahin zurückkommen, wo Sie einmal waren. Das geht nicht, nicht einmal mehr in der CSU. Guttenberg zurück in die Politik? Schwer vorstellbar. Nein, trauern Sie Vergangenem nicht nach, sondern begreifen Sie auch hier die Veränderung als Chance. Probieren Sie etwas Neues.

8. Schreiben Sie mal was Richtiges!

Natürlich darf Ihre Läuterung der Welt nicht vorenthalten bleiben, wenn Sie mal so weit sind. Schreiben Sie Ihren Höhenflug auf, leiten Sie konkrete Lehren daraus ab - und teilen Sie diese der Welt mit. Für so etwas gibt es immer ein Publikum, weil man Ihnen nun, da Sie schon einmal ganz unten waren, eine ganz besondere Glaubwürdigkeit zugesteht. Nennen Sie es "Die Wahrheit" oder "Ich" oder einfach "Jetzt mal echt!". Sie haben ja nichts mehr zu verlieren. Sie publizieren eine Vorabversion des Buches auf stern.de, dann dürfen Sie in der ARD zu Günther Jauch auf die Couch und nach zwei Jahren noch mal zu "Maischberger". Es regnet Geld. Das Buch ist Ihre Wiedereintrittskarte in die alte Welt, die ja eine neue ist, nur dass ihre Erkenntnisse diesmal die Ihren sind. Über die Blender, die jetzt um die Staatssekretärposten und die Ministerien rangeln, können Sie nur lächeln. Sie haben eine neue Bewusstseinsstufe erreicht.

9. Machen Sie doch 'nen Doktor!

Am Schluss Ihrer Läuterung muss eine Art ultimative Wiedergutmachung stehen, gleichsam Ihr Triumph über sich selbst. Beweisen Sie, dass sie sein können, was sie dereinst vorgaben zu sein. Machen Sie Ihren Doktor! Werden Sie Junior Berater! Lernen Sie kochen! Einerlei. Besiegen Sie sich selbst. Mit summa cum laude! Das wird Ihrer Umwelt Respekt abnötigen. Und sie glücklich machen. Dann sind sie nicht mehr Ex-Minister, Ex-Professor, Ex-Doktor, Ex-Irgendwas. Dann sind sie vor allem eines: Ex-Blender. Das wär' doch was, oder?