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Ein "Schlösschen" für Berlin: Gauck legt Grundstein für Humboldtforum

Erst in sechs Jahren soll das neue Berliner Schloss öffnen. Als "Humboldtforum" soll es ein Schaufenster der Weltkulturen werden. Mit dem Grundstein ist das lange umstrittene Projekt nun unumkehrbar.

Das Wortspiel vom "Kaiserwetter" wollte sich Hermann Parzinger nicht verkneifen. Kurz bevor Bundespräsident Joachim Gauck am Mittwoch unter strahlender Sonne den Grundstein für das neue Berliner Schloss legte, lieferte der Chef der Stiftung Preußischer Kulturbesitz gleich noch ein Stichwort zum weit verbreiteten Unbehagen am Millionen-Projekt.

Denn unbequeme Fragen wurden immer wieder gestellt: Muss im Zentrum der deutschen Republik wieder ein Königsschloss entstehen? Dürfen in diesen Zeiten fast 600 Millionen Euro Steuergelder für eine Kopie der Hohenzollern-Residenz verbaut werden? Was hat die Politik eigentlich von Projekten wie dem Berliner Flughafen BER, Stuttgart 21 oder der Hamburger Elbphilharmonie mit ihren ausufernden Kosten gelernt?

Auf der Feier in der Grube bemühten sich die Redner, auf Argumente der Kritiker einzugehen. Man baue auf die Bereitschaft von Großspendern, um die Kosten im Rahmen zu halten, sagte etwa Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD), der sich aber dann auch über die "Larmoyanz" jener beklagte, die immer wieder fragten: "Brauchen wir ein Schlösschen oder nicht?"

Zwei Drittel der Deutschen lehnen Kaiser-Palais ab

Das Projekt sei im Kosten- und Zeitrahmen und stelle auf keinen Fall eine Rückkehr in die Vergangenheit dar, versicherte Peter Ramsauer (CSU). Parallelen zum Berliner Flughafendesaster wollte der Bundesbauminister nicht gelten lassen: "Der Flughafen wird auch eines Tages eröffnet werden." Ob vor oder nach dem Schloss, das unter dem Namen Humboldtforum bis 2019 fertig werden soll, ist noch offen.

Das Ergebnis der neuen forsa-Umfrage für den stern, wonach fast zwei Drittel der Deutschen ein wiederauferstandenes Kaiser-Palais ablehnen, kannten die Schlossfans auf dem glühenden Betonboden wohl noch nicht. Auch in Europa dürfte die architektonische Rückbesinnung auf Preußens Glanz und Gloria in der derzeitigen EU-Krise mit ihrem antideutschen Anklang nicht auf ungeteilte Zustimmung stoßen. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) blieb der Zeremonie vorsichtshalber fern.

Argumente für das Vorhaben fehlen den Befürwortern allerdings nicht. Sie spiegeln die unterschiedlichen Interessen wider, die sich nach fast 20 Jahren des Streits und der Debatten zusammenfanden - von den Schloss-Freunden um den Spendensammler Wilhelm von Boddien, den Kulturpolitikern in Regierung und Bundestag bis zu den Berliner Museen, der Humboldt-Universität und der Landesbibliothek.

Architekt trotzt den Zweiflern

Berlin erhalte seine historische Mitte zurück, das Schloss sei das größte Kulturvorhaben des Bundes, schwärmte etwa Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU). Mit dem Humboldtforum werde die einstige Schloss-Kunstkammer mit den Weltkulturen vereint, sagte Hermann Parzinger, der Präsident der Preußenstiftung. Erst mit den Schätzen der außereuropäischen Sammlungen werde das Humboldtforum legitimiert. "Museen haben heute keine Chance, wenn sie Kunst und Kultur von 70 Prozent der Weltbevölkerung ausschließen", sagte der studierte Archäologe.

Parzinger und der Kulturmanager Martin Heller stellten nach der Feier das inhaltliche Konzept für das Humboldtforum vor. In der geistigen Nachfolge der Gebrüder Alexander und Wilhelm von Humboldt entstehe ein öffentlicher Raum der Kulturbegegnung. So sollen im Eingangsbereich, der Agora, zwei spektakuläre Boote aus Ozeanien stehen; um diesen "demokratischen Umschlagplatz" herum sollen Cafés entstehen und Bildschirme flimmern.

Aber zunächst werden die Männer an den Betonmischern und den Kränen das Wort führen. Vermutlich deswegen gab sich Schloss-Architekt Franco Stella nach dem jahrelangen Streit gelassen. "Wenn einmal die Steine stehen, werden die Worte versiegen", sagte der Baumeister fast im Flüsterton auf Italienisch.

Esteban Engel, DPA / DPA