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Entscheidungshilfe im Internet Mein Kreuz mit dem Kreuz


Im Internet sollen Online-Tools wie der Wahl-O-Mat die Wahlentscheidung erleichtern. Doch eindeutig sind die Ratschläge nicht - sie reichen von der FDP bis zu den Grünen. Ein Selbstversuch.
Von Katharina Grimm

Stefan Raab fragte am Sonntag beim TV-Duell sehr emotional: "Was soll ich wählen?" Mit dieser Frage steht er nicht allein, Ratlosigkeit herrscht unter den Deutschen. Rund 30 Prozent der Wähler sind unsicher, ob sie wählen gehen - und wenn ja, bei welcher Partei sie ihr Kreuz machen sollen. Mir geht's da kaum anders. Taktisch wählen? Oder aus dem Bauch heraus? Ich bin verunsichert. Online-Tools wie der Wahl-O-Mat sollen die Entscheidung erleichtern. Doch die Ergebnisse sind erschreckend beliebig, wie der Selbstversuch zeigt.

Zunächst kommt der Klassiker zum Einsatz: Der Wahl-O-Mat. Die Bundeszentrale für politische Bildung legt seit der Bundestagswahl 2002 den Meinungsfinder auf. 2009 nutzten 6,7 Millionen Menschen das Online-Tool. Also eine millionenfach erprobte Entscheidungshilfe. Hier klicke ich mich durch einen Fragebogen. Am Ende empfiehlt mir der Wahl-O-Mat die Grünen. Zu über 82 Prozent stimmen meine Antworten mit den Ansichten der Grünen überein. Ich bin überrascht: Bin ich denn der Grünen-Typ? Öko? Prenzlauer Berg? Damit hätte ich nicht gerechnet. Liegt das daran, dass ich für die Frauenquote bin? Direkt dahinter folgen die Piraten mit 76 Prozent Übereinstimmung. Ich bin perplex, ein anderes Tool muss her.

Will ich die Große Koalition?

Ich probiere den Bundeswahlkompass. Das Projekt der Helmut-Schmidt Uni Hamburg, der Uni Bamberg und der FU Berlin in Kooperation mit dem niederländischen Unternehmen Kieskompas, das an der Uni in Amsterdam angesiedelt ist, nutzt die Antworten für Forschungszwecke. Solche Projekte finde ich generell gut - hier haben beide Seiten ihren Nutzen. Ich tue etwas für die Forschung, die tun was gegen meine Wahlverwirrung. Das Frage-Antwort-Spiel dauert länger als beim Wahl-O-Mat, am Ende liegt ein Koordinatensystem vor. Demnach soll ich die SPD wählen, dicht gefolgt von der CDU. Wie ist das Ergebnis wohl zustande gekommen? Im Anschluss an die Befragung kann ich Themen gewichten: Einkommen, Wirtschaft und Umwelt habe ich stark gewichtet. Und das ergibt die Große Koalition, die ich angeblich favorisiere? Überzeugt bin ich nicht.

Das Parteiennavi ist auch ein Forschungsprojekt. Die Uni Konstanz präsentiert 30 Thesen aus unterschiedlichen Politikbereichen wie Bildung oder Finanzen. Per Klick kann ich zustimmen oder ablehnen. Danach bittet das Projekt um weitere Angaben zum bisherigen Wahlverhalten. Auch fragen die Forscher danach, für wie konservativ, progressiv oder auch kompetent der User die unterschiedlichen Parteien empfindet. Ich manövriere mich durch das System. Das Ergebnis: 35 Prozent Übereinstimmung mit den Piraten, direkt dahinter folgen die Linken. Hätte ich bei der staatlichen Bankenregulierung doch anders antworten sollen? Eben war ich noch politisch in der Mitte Deutschlands. Jetzt plötzlich ein digitaler Anarcho? Statt Gewissheiten sammele ich fleißig Parteien. Meine Entscheidungsfähigkeit leidet wie ein Hund.

Vielleicht gar nicht wählen?

Noch ein Tool: Das Wahlnavi rückt die Themen Integration und Migration in den Mittelpunkt. Vielleicht hilft ja ein thematischer Schwerpunkt bei der Suche nach der richtigen Partei. Die Initiative wird gefördert von der Stiftung Mercator, der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung und der Allianz Kulturstiftung. Hier geht es um Zuzug aus dem Ausland, um Flüchtlingspolitik, um Integration und Kultur. Am Ende liegt die SPD bei mir knapp vor der FDP. Die Parteien trennen nur wenige Prozentpunkte. Ist die Politik so wischi-waschi, so ersetzbar geworden? Oder sind meine Antworten politisch gesehen austauschbar? Ist nicht die Wahl das Problem, sondern bin ich es? Je mehr Tools ich bemühe, umso konfuser werde ich.

Vielleicht brauche ich praktischere Themen, so wie den Verbraucherschutz. Die Verbraucherzentralen haben mit "Verbraucher entscheiden" einen eigenen Meinungsfinder erstellt. Dort geht es um die Themenfelder Nahrungsmittel, Finanzen, Energie, Gesundheit und Digitales. Spielerisch klick ich ein Grafikmännchen vom Supermarkt zum Krankenhaus bis zur Bank, danach folgt ein kleiner Fragebogen zum jeweiligen Thema. Das Ergebnis: FDP oder Links. Absurder kann man nicht wählen. Unregulierte, freie Märkte und gleichzeitige Verstaatlichung. Bin ich politisch echt so Banane - oder sind die Tools nicht ausgereift?´Einen Versuch habe ich noch.

Das Netzradar fokussiert auf internetspezifische Themen: Überwachung, Datenschutz und Netzneutralität. Entwickelt wurde das Tool von der Projektplattform Collaboratory, die Google ins Leben gerufen hat. Zugegen, bisher waren mir diese Themen nicht so wichtig. Doch spätestens seit dem NSA-Skandal sollte dieser Themenkomplex nicht mehr vergessen werden. Und so kreuze ich mich durch den Fragebogen. Laut Netzradar müsste ich meine Stimme der FDP geben. Die Partei verfolge "zurückhaltende Positionen zu staatlichen Eingriffen", heißt es in der Erklärung. Aha.

Bis heute hatte ich eine grobe Idee, wo mein Kreuz am landen würde. Nun, nachdem ich die gängigsten Online-Tools bemüht habe, reicht mein persönliches, politisches Spektrum von der FDP, über Piraten, Grüne, Linke bis zur CDU und SPD. Meine Genugtuung: Wenigstens nicht die NPD. Aber selbst das ist nicht ganz richtig, denn laut dem Wahl-O-Mat stimmen meine Ansichten zu erschreckenden 51 Prozent mit der rechten Partei überein. Noch vor der CDU mit 42 Prozent. Was bleibt mir nun? Am 22. September zu Hause bleiben? Nein, so läuft das nicht. Ich für mich habe einen Tipp eines Kollegen beherzigt: Die drei Themen, die mir wirklich wichtig sind, mit den Parteien abgleichen, Entscheidung treffen, Kreuz machen. Ohne Internet.


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