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Familiendrama in Neuss: Vater wegen dreifachen Totschlags gesucht

Das vierte Familiendrama in NRW in nur drei Wochen sorgt für Fassungslosigkeit. Eine Mutter und ihre zwei Kinder werden erschossen. Die Polizei sucht mit Hochdruck nach dem gewalttätigen Vater.

Die kleinen Schuhe stehen adrett auf einem Regal vor der Wohnung. Ein ordentliches unauffällige Mietshaus mit Klinkerfassade, viele Fenster sind geöffnet für die frische Morgenluft am Dienstag. Nichts deutet auf einen Tatort hin. Am Vorabend sah das anders aus. 50 Anwohner beobachteten Polizeispezialisten in weißen Overalls, rot-weiße Absperrbänder.

In einer Wohnung des Hauses hatte sich ein Familiendrama mit drei Toten abgespielt. Ein vierjähriger Junge und seine acht Jahre alte Schwester starben - womöglich erschossen vom eigenen Vater, wie Fahnder vermuten. Auch die Mutter, erst 26 Jahre alt, liegt tot in ihrer Wohnung. Vom Vater und der Tatwaffe fehlt jede Spur.

Zum vierten Mal schon in diesem Monat erschüttert eine Nachricht wie diese die Menschen an Rhein und Ruhr. In Dortmund werden drei Kinder getötet, die Freundin des Vaters steht unter Tatverdacht. In Oberhausen ersticht ein Mann den kleinen Sohn seiner Partnerin, er wartet in der Psychiatrie auf die Anklage. In Essen tötet eine Mutter die eigene Tochter und dann sich selbst durch Stiche in den Hals.

Am Wochenende feierte die Familie noch gemeinsam

Und jetzt in Neuss. Seit zwei Jahren war die Familie der Polizei bekannt. Der Vater wurde wegen Schlägen und Drohungen gegen seine Frau vorübergehend der Wohnung verwiesen. Ein klassischer Fall von häuslicher Gewalt. Das Jugendamt war informiert, aber die Kinder blieben verschont von den Ausbrüchen ihres Vaters - bis Montag. Dass der 35-Jährige eine Schusswaffe hatte, ahnten die Behörden nicht.

Noch am Wochenende beim Zuckerfest zum Ende des Ramadan habe die Familie in größerem Kreis gefeiert, berichten die Ermittler. Nun ist der Vater und Ehemann, der ohne Berufsausbildung im Backgewerbe arbeitete, anscheinend auf der Flucht und womöglich bewaffnet. 1500 Euro Belohnung winken für Hinweise auf den Mann, der als gefährlich eingestuft wird. Der Haftbefehl lautet auf dreifachen Totschlag.

Die Häufung der tödlichen Familiendramen ist nicht zu übersehen. Zu den vier Fällen in Nordrhein-Westfalen kommt in der vergangenen Woche im Allgäu ein Vater, der seine beiden Söhne und sich selbst getötet hat. Kurz vorher brachte eine Mutter in Oberbayern ihren beiden Söhne und sich ums Leben.

Anwohner legen Blumen und Kerzen nieder

Fast jedes zehnte Opfer von Mord und Totschlag in Deutschland war laut der Kriminalstatistik des vergangenen Jahres ein Kind, also noch keine 14 Jahre alt. Aber der Bochumer Kriminologe Andreas Ruch weist darauf hin, dass die Zahl der Gewaltdelikte gegen Kinder seit Jahrzehnten unverändert ist: Auf 100.000 Kinder kommen statistisch 0,7 vollendete Tötungsdelikte pro Jahr.

In Neuss geht es aber nicht um Statistik. Langsam hat sich herum gesprochen, was in dem ordentlichen Haus geschehen ist. Während die Fahndung nach dem mutmaßlichen Täter anläuft, legen mitfühlende Anwohner Blumen für dessen Opfer nieder und Zünden Kerzen an. Daneben steht in bunten Buchstaben auf einem Bild "Warum".

Thomas P. Spieker und Frank Christiansen, DPA / DPA