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FDP-Fraktionschefin Birgit Homburger: Die Gelbfüßlerin

Einst wollte sie Profi-Fußballerin werden. Jetzt stürmt Birgit Homburger den Bundestag - als Fraktionschefin der FDP. Kann sie das?

Ein Porträt von Hans Peter Schütz

Ein Mann, der sie in Sachen Politik bestens kennt, der ehemalige baden-württembergische FDP-Chef Walter Döring, gibt stern.de eine optimistische Prognose: "Sie hat die Ellbogen, die man auf einer solchen Position braucht." Und sie kann Mehrheiten organisieren. Das war der Grund, weshalb Döring sie 2004 zur FDP-Chefin der südwestdeutschen Liberalen machte. Genauer: Gegen seinen Willen machen musste. Ihr größtes Talent in Dörings Augen: "Sie kann telefonieren, bis die Drähte glühen." Ein Beispiel: Als Döring und Guido Westerwelle vereinbart hatten, die Rheinländerin(!) Silvana Koch-Mehrin als Kandidatin der baden-württembergischen FDP ins Europaparlament zu hieven, war es Homburger, die die Landes-FDP auf Linie telefonierte.

Diese Frau, so langjährige Kenner, legt auf rote Teppiche keinen Wert. Sie zieht lieber an den Fäden der Macht. Dies auch in diesen Tagen, als die FDP in der gelb-schwarzen Koalition auf Postenjagd war. Gerne wäre die 44-jährige Homburger erste weibliche Verteidigungsministerin der Republik geworden. Das hätte ihr gepasst. Sie war zuletzt sicherheitspolitische Sprecherin der FDP-Fraktion. Engen Kontakt zur Bundeswehr pflegt sie auch privat. Ihr Mann war einmal Berufssoldat, als Zahnarzt.

Als klar war, dass Verteidigung nicht drin war, schaltete sie sofort auf Fraktionsvorsitz um. Kein Frauenministerium? Die Frage schüttelt Homburger. Fachfrau-Sein lehnt sie ab. Sie fühlt sich als politische Generalistin. Mal hat sie Umweltpolitik im Bundestag gemacht, wo sie seit 1990 sitzt, mal Bürokratieabbau und stellvertretende Vorsitzende der FDP-Fraktion, schließlich Sicherheitspolitik. Und gute Kenner dieser Frau und ihrer Talente seufzen laut, dass sie sich den Job der FDP-Generalsekretärin nie gegriffen hat, der mehrfach in ihrer Reichweite lag. "Sie wäre eine viel bessere Generalin gewesen als General Dirk Niebel es war."

Homburger hisst die Flagge

Ihr politischer Spielpartner, der alte und neue CDU/CSU-Fraktionschef Volker Kauder, bescheinigt ihr Kampfkraft. Kauder zu stern.de: "Sie ist eine kompetente und durchsetzungsstarke Persönlichkeit." Angela Merkels Machtverteidiger wundert sich nicht, dass es Homburger geworden ist. "Sie ist schließlich in der Stadt geboren, in der auch ich aufgewachsen bin und in der wir beide Abitur gemacht haben - in Singen am Hohentwiel."

Die beiden Spielmachern der schwarz-gelben Koalition verbindet daher eine starke Klammer: Beide sind "Gelbfüßler". So nennt man die - traditionell besonders selbstbewussten - Menschen aus dem Landesteil Baden. Das Wort erinnert an den den Wappengreif auf der badischen Fahne, der gelbe Klauen trägt. Wenn Homburger in ihrem Haus im Flecken Hilzingen weilt, nur wenige Kilometer außerhalb des Städtchens Singen, dann hisst sie im Garten am hohen Mast gerne die badische Flagge und blickt stolz zur Burgruine auf dem Vulkankegel Hohentwiel hinauf, die die Württemberger den Badenern erst Ende der sechziger Jahre herausrückten.

Das sieht der geborene "Badenser" Kauder natürlich mit großer Sympathie. "Wir haben es geschafft," sagt er mit fröhlichem Selbstlob, dass die Gegend zwischen den Wahlkreisen Tuttlingen, wo er in den Bundestag gewählt wurde, und Konstanz, wo ihr Wahlkreis liegt, "tatsächlich zu kleinen Kraftzentren der schwarz-gelben Koalition geworden sind." Zu badischen natürlich, aus seiner Sicht. Auch Wolfgang Schäuble ist schließlich Badener.

Merkel, Kinkel und die Tränen

Kauder unterschätzt die neue Partnerin nicht. Er weiß, die Frau an seiner Seite ist ebenso Expertin in politischen Machtkämpfen wie er selbst. Im vielfachen Gerangel der baden-württembergischen FDP, in der sich ein Helmut Haussmann, Klaus Kinkel, Wolfgang Weng und Walter Döring innerparteiliche Intrigen en masse lieferten, bewies sie männliches Stehvermögen. Weng, lange Jahre graue Eminenz der FDP im "Ländle", nennt sie "Kraftpaket mit großem Stehvermögen". Andere den einzigen "Kerl mit strammem Schuss" in der herumfummelfreudigen FDP-Südwest, in der man am liebsten im eigenen Strafraum dribbelt.

Nur eine Niederlage findet sich auf ihrer Wegstrecke nach oben: Klaus Kinkel ließ sie 1994 nicht Parlamentarische Staatssekretärin bei Bundesumweltministerin Angela Merkel werden, obwohl Homburger damals umweltpolitische Sprecherin der Fraktion gewesen war. Da flossen die Tränen. Homburger steht dazu. Sie weiß seither genau, was Frausein in der Politik bedeutet. "Wir müssen immer ein bisschen mehr bringen als Männer."

Angekommen im "Traumjob"

Die Frau, die künftig im Bundestag auf dem vordersten Platz der FDP-Fraktion sitzt, ist Berufspolitikerin. Zwar hat sie Verwaltungswissenschaften studiert, aber seit dem Abitur (1982) bestimmte Politik ihr Leben. Sie trat sofort in die FDP ein. Zwei Jahre später rückte sie bereits zur Chefin der baden-württembergischen Jungliberalen auf. Nach der Wende führte sie die Julis in Gesamtdeutschland. 1990 saß sie schon im Bundestag, ein Jahr später im FDP-Bundesvorstand, seit 2001 im FDP-Präsidium. Jetzt fühlt sie sich angekommen in ihrem "Traumjob" - dem Fraktionsvorsitz.

Kauder dürfte Respekt haben vor dieser Frau. Homburgers Landesverband holte 18,8 Prozent bei der Bundestagswahl, drückte die baden-württembergische CDU auf ein Rekordtief von 34,4 Prozent und liegt dort gleichauf mit der SPD (19,3). Streitlust unterdrückt Homburger nie. Rhetorisch liegt ihr der Säbel mehr als das Florett.

Homburger wie Kauder pflegten eine erkennbare Distanz zu den politischen Positionen ihrer aktuellen Vorsitzenden Merkel und Westerwelle. Kauder stand lange dem konservativeren Unionsflügel nahe und kämpfte noch 2002 massiv für den Kanzlerkandidaten Edmund Stoiber. Homburger operierte in ihrem Landesverband lange mit erkennbar mehr Sympathie für Wolfgang Gerhardt als für Westerwelle.

Homburgers "verbale Wasserfälle"

Gleichwohl gelten beide als absolut loyal. Beide stehen bedingungslos zu ihren Ämtern. Wenn sie Positionen für falsch halten, dann äußern sie sich hinter den Kulissen, dort aber energisch und zuweilen lautstark. Westerwelle weiß, weshalb er die Kollegin eine "durchsetzungsstarke" Frau nennt. FDP-Kollegen, die ausdrücklich um Diskretion bitten, formulieren das sarkastischer: "Ihrem verbalen Wasserfall muss man erst mal gewachsen sein. Der spült dich weg."

Ein Mann wie Hans Peter Repnik, ehemals Parlamentarischer Geschäftsführer der Unionsfraktion in Berlin, kennt Kauder wie Homburger aus nächster lokalpolitischer Nähe - auch er ist am Bodensee zuhause. "Die beiden müssen nicht die Vordenker geben, sondern den Laden zusammenhalten," sagt Repnik zu stern de. "Kauder kennt das Geschäft schon seit der Partnerschaft mit dem Genossen Peter Struck. Jetzt wird er die FDP-Kollegin unterhaken und sagen: Komm, Birgit, wir packen das." Kann gut sein. Beide neigen nicht zum Höhenkoller, beide kommen ohne Maskerade aus. Und beide lassen nicht ernsthaft in sich blicken.

Garantie, dass sie ein Dream-Team werden, gibt es nicht. Kauder wollte am liebsten Zirkusdirektor werden, Homburger Berufskickerin. Jetzt müssen sie die Bälle gemeinsam jonglieren.