Flughafen Tempelhof "Ist das hier ein Museum?"


Die Berliner stimmen über den Erhalt des Flughafens Tempelhof ab. Eine Interessengemeinschaft und die Oppositions-CDU haben es geschafft, den Entscheid zu einer Abstimmung über den rot-roten Senat zu machen. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit will auch ein positives Votum nicht umsetzen.
Von Marcus Müller

Der Mann in der leuchtend-gelben Sicherheitsweste im Empfangsgebäude des Flughafens Tempelhof ringt sichtbar um Fassung. "Ist das hier ein Museum?", fragt eine Touristin mit holländischem Akzent und Kind an der linken Hand. "Nee, das ist ein funktionierender Flughafen", sagt der Sicherheitsmann. "Ein funktionierender Flughafen", wiederholt er und wippt mit den Füßen ein bisschen auf dem glänzend polierten Linoleum des Fußbodens.

Tatsächlich ist an diesem Sonntag gegen zwölf Uhr ungewöhnlich viel los, in der riesigen Empfangshalle von Deutschlands ältestem Verkehrsflughafen. Das ist nicht oft so - 14 Starts und Landungen von Linienfliegern verzeichnet der Airport sonst am Tag. Das Koffer-Transportband steht wie fast immer zwar still, doch es sind einige Fluggäste mit Gepäck unterwegs. Vielleicht hundert Menschen streifen durch die Halle, die so hoch ist, dass sogar zwei echte kleine Segel-Flugzeuge von der Decke hängen.

Die Nazis haben das monströse, mit Hangars und unzähligen Büros ausgestattete, insgesamt gut 1200 Meter lange, geschwungene Gebäude gebaut. Es sollte sich in Adolf Hitlers irre Pläne von der Hauptstadt Germania fügen. Der Flughafen wird seit 1923 betriebenen und wurde weltweit berühmt, als hier 1948 und 1949 während der Berlin-Blockade die Rosinenbomber der West-Alliierten landeten.

Erbitterte öffentliche Debatte

Noch ist dieser geschichtsträchtige Ort aber kein Museum und besonders das Luftbrücken-Symbol spielt eine durchaus bedeutende Rolle bei den Befürwortern des Volksentscheids, der für die Offenhaltung des Flughafens als kleiner Verkehrsflughafen sorgen soll. Der rot-rote Berliner Senat will Tempelhof dagegen im Herbst schließen, weil dies die Planungen für den neuen Großflughafen Berlin Brandenburg International (BBI) am Rande der Stadt so vorsehen. Diesen Beschluss hat in letzter Instanz aus Senatssicht auch das Bundesverwaltungsgericht bestätigt. Eine Einschätzung, die von den Tempelhof-Fans nicht so geteilt wird.

Ohnehin ist das Plebiszit in einer erbitterten öffentlichen Debatte über die vergangenen Monate auch noch viel mehr geworden: "Alle Macht geht vom Volke aus", steht auf einem großen Plakat in einem Büroschaufenster in der Empfangshalle von Tempelhof, durch die einige der Flughafen-Flaneure wegen des strahlend blauen Himmels draußen in kurzen Hosen und kurzbeärmelt streifen. Den Spruch der Interessengemeinschaft City-Airport Tempelhof (ICAT), die den Volksentscheid angestrengt hat, haben die Berliner in den vergangen Monaten fast überall in der Stadt auf leuchtend blauen Plakaten lesen können. Zum Schluss kam noch "Wir lassen uns den Mund nicht verbieten" hinzu.

Das hat sichtlich nicht mehr viel mit dem Betrieb eines innerstädtischen Flughafens zu tun, sondern ist eine Reaktion auf die Politik des Berliner Senats. Regierungschef Klaus Wowereit (SPD) hat mehrmals betont, dass er sich an das Votum des Volksentscheids nicht gebunden fühle und es auch nicht umsetzen werde. Pikant daran ist, dass der rot-rote Senat die Hürden für Volksentscheide selbst gesenkt hat.

Formal mag Wowereit mit seiner Haltung sogar richtig liegen, weil die ICAT keinen Gesetzesentwurf zur Abstimmung gestellt hat. Selbst ein solcher wäre wohl nicht bindend, weil es sich bei der Schließung Tempelhofs um einen Akt der Verwaltung handelt. Der ist nicht per Volksentscheid zu kippen.

Doch um solche Feinheiten geht es längst nicht mehr, seit die oppositionelle CDU die Kampagne unterstützt, mächtig und parteinehmend von der Springer-Presse flankiert. Die Union hat es unter ihrem bis dahin eher blassen Fraktionschef Friedbert Pflüger geschafft, die Tempelhof-Abstimmung Wowereit unter dem Motto "Arroganz der Macht" anzuhängen. In den alten West-Berliner Bezirken hat das prächtig funktioniert. "Ist ja eh schon alles gelaufen", sagt eine 40-Jährige, als sie aus dem Abstimmungslokal in einem Oberstufenzentrum in der Dudenstraße kommt. Von hier kann man den Flughafen Tempelhof fast noch sehen. "Aber es ist vielleicht ganz gut dafür, einigen Herren zu zeigen, was man denkt." Mehr will sie nicht sagen, aber es ist klar, dass sie Wowereits Verhalten meint.

Der Regierende Bürgermeister hat sich bisher immer selbst gerühmt, die Stimmung in der Stadt besser zu kennen als andere. Doch diesmal hat er wohl daneben gelegen. Das mag aber auch an der stümperhaften Politik seines Senats gelegen haben. Erst im März präsentierte der ein Nachnutzungs-Konzept für das 380 Hektar große Flughafen-Areal mit einem Park und Wohnanlagen. Reichlich spät, fiel der so genannte Konsens-Beschluss der großen Parteien CDU und SPD, des Bundes und der Länder Berlin und Brandenburg, den Großflughafen BBI zu bauen und die innerstädtischen Airports Tempelhof und Tegel zu schließen, doch schon vor zwölf Jahren.

nur geringes Interesse

Auch die klassischen Argumente gegen einen Flughafen in der Stadt, wie Lärm, Schmutz und verheerende Folgen eines Absturzes nutzte der Senat kaum. Statt dessen schoss er gegen einen möglichen "VIP-Flughafen". Doch der Sozialneid auf einen Flughafen, der nach einem Investoren-Konzept in ein exklusives Krankenhaus mit Rollbahn für Reiche umgewandelt werden sollte, verfing offenbar nicht.

Im klassisch alternativ-linken Stadtbezirk Friedrichshain-Kreuzberg wunderten sich darüber einige Wähler. "Ein Flughafen gehört nicht in die Stadt", sagte ein Mann vor der Zille-Grundschule. Er war mit seiner Frau extra früh gekommen, um den schönen Tag möglichst lange im Garten verbringen und trotzdem abstimmen zu können, wie er sagte.

Eventuell wird ohnehin das Wetter oder Desinteresse Wowereits Rettung: Knapp 610.000 Berliner müssten bei dem Volksentscheid mit "Ja" stimmen, damit er als angenommen gilt - das entspräche 25 Prozent der Wahlberechtigten. Bei sehr warmem Frühlingswetter hatten bis 12 Uhr nach Angaben des Landeswahlleiters 14,9 Prozent der Stimmberechtigten ihre Stimme abgegeben. Das liegt 7,4 Prozentpunkte niedriger als zu dieser Zeit bei der Landtags-Wahl vor zwei Jahren. Doch in vielen Wahllokalen wird ein weiterer Ansturm gegen 17 Uhr erwartet.

Los wird Wowereit das Thema aber auch nach diesem Sonntag noch nicht sei, immerhin hat sich sogar Kanzlerin Angela Merkel (CDU) für eine Offenhaltung Tempelhofs ausgesprochen. Sie wird sich nach zuletzt in der Hauptstadt katastrophalen Unions-Wahlergebnissen nicht nur über die erfolgreiche CDU-Kampagne gefreut haben. In der Berliner SPD wird vermutet, dass sie auch mit einigem Genuss einen möglichen Kanzlerkandidaten Wowereit ein wenig beschädigen wollte. Das wird die Hauptstadt CDU sich in den nächsten Wochen ebenfalls nicht nehmen lassen.


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