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Freispruch für Max Strauß: Der Niedergang der bayerischen Kennedys

Er bleibt frei: Max Strauß muss nicht als Steuerhinterzieher ins Gefängnis. Froh und glücklich sei er, sagte er nach dem Urteil des Landgerichts Augsburg. Der politische Niedergang der Familie von Franz Josef Strauß kann so nicht aufgehalten werden. Ein Nachruf auf die bayerische Version der Kennedys.

Von Hans Peter Schütz

Es ist in Augsburg so gekommen wie die Geschwister Strauß es immer prophezeit haben. Von der Unschuld ihres Bruders sei sie felsenfest überzeugt, hat etwa Monika Hohlmeier während des zwölfjährigen Verfahrens immer wieder gesagt. Und auch Bruder Franz Georg, ebenfalls Jurist wie Max Strauß, hatte vorausgesagt, das ursprüngliche, vom Bundesgerichtshof kassierte Urteil - drei Jahre und drei Monate Haft - werde keinen Bestand haben.

"Wir sind wie die Eisbären"

Vermutlich wird der Strauß-Clan den Freispruch als Sieg einer Familie feiern, die ihre Bande durch keine äußeren Einflüsse zerstören lässt. Strauß-Kinder, so die familiäre Maxime, halten zusammen gegen die missgünstige Welt da draußen, in der so viele immer noch unterwegs sind, um an den Kindern wenigstens jene Rachegelüste zu kühlen, für die ihnen nach dem plötzlichen Tod von Franz Josef Strauß keine Zeit mehr geblieben war.

Monika hat einmal gesagt: "Wir sind wie die Eisbären. Die verteidigen ihre Familienmitglieder, wenn es sein muss, gegen den Rest der Welt." Und zu dieser "Welt" gehörte sehr wohl auch die CSU. Dort verehrte man noch immer den großen Strauß, seine politischen wie persönlichen Fehlleistungen verdrängt die Partei.

Wenn Max Strauß ausrastet

Mit vergleichbarer Hochachtung ist man CSU-intern den Kindern des großen Franz Josef nie begegnet. Bei den beiden Söhnen wurde früh klar, dass ihr oft großkotziges Auftreten nicht auf eigener Lebensleistung beruhte. Politisch wie intellektuell waren sie weit unter dem Niveau des Vaters. Vor allem Max, der sich mit der vom Vater geliehenen Autorität dennoch als allmächtiger Macher und geborener Politiker aufführte. Einen kritischen Journalisten beschimpfte er als "Mitglied der journalistischen Totenkopfdivision Joseph Goebbels" und als "ausgemachte Drecksau." Anlass für die Ausraster: Der Pressemann, so der Strauß-Sprössling, betreibe die "Vernichtung des Andenkens meines Vater."

Max ist kläglich daran gescheitert, in den großen Schuhen seines Vaters irgendwie Halt zu finden. Seine Bekanntschaft mit dem zwielichtigen Karlheinz Schreiber, der die Strauß-Familie durch erfolglose Geschäfte in Kanada um Millionen ärmer machte, beförderte ihn erst recht auf die Rutschbahn ins Zwielicht. Unbegreiflich, dass der Vater den Sohn bei diesem dubiosen Mann sozusagen in die Lehre gegeben hat. Es gehört zu den größten Verdiensten des früheren CSU-Chefs Theo Waigel, dass er den Griff von Max nach einem Bundestagsmandat der CSU verhindert hat.

Sein Bruder Franz Georg Strauß ist vielleicht nur deshalb nicht ins so Stolpern gekommen wie Max, weil er sich nicht in vergleichbarer Weise großmannsüchtig politisch exponierte. Aber auch er fand beispielsweise nichts daran auszusetzen, dass der Vater jahrelang als Testamentsvollstrecker einer privaten Stiftung 150000 Euro kassierte, obwohl die Stiftung um eine Minderung des Honorars gebettelt hatte. Ebenfalls ein Fall von krass versagendem politischem Instinkt.

Monika Hohlmeier wiederum ist nicht nur über politische Fallstricke der eigenen Partei gestolpert. Sie hat sich auch viel zu spät von den dubiosen Geschäften abgesetzt, in denen Bruder Max und dessen Kompagnon Schreiber verwickelt waren. Auch hier herrschte die übergroße Angst vor einem "Verrat" an der Dynastie. Ihr Familiensinn war stärker als ihr politisches Verantwortungsgefühl für die CSU. Und natürlich steckte eine kühle Kalkulation dahinter: Sie wusste, dass Edmund Stoiber sie nach Möglichkeit nicht antasten würde, weil ihre Person die Garantie dafür war, dass die alten Strauss-Seilschaften Ruhe geben würden, so lange sie als Kultusministerin auf einem Kabinettsstuhl sitzt.

Monika und der "Sauladen"

Unbegreiflich, wie Edmund Stoiber glauben konnte, Monika werde den Mumm aufbringen, im mafiosen Münchner Bezirksverband aufzuräumen. Dort hatte schließlich ihr Bruder Max mit an jenen Fäden in einem parteiinternen Kleinkrieg gezogen, bei dem es um gefälschte Mitgliederpapiere und Manipulation der innerparteilichen Demokratie ging. Prompt ist sie dann auch damit gescheitert, den "politischen Sauladen," so CSU-Insider, auszumisten, in dem Spendengelder verschoben und Mitgliederlisten gefälscht wurden.

Mag sein, dass sie in ein Gefecht geschickt wurde, in dem jeder scheitern musste, der wie sie Politik ohne die Ochsentour gelernt hatte und als gelernte Hotelfachfrau gleich ganz oben eingestiegen war, erst als eine Art Ersatz-Landesmutter nach dem Tod von Marianne Strauß und danach als Staatssekretärin und Ministerin zu politischen Ehren gekommen war. Der Mitgliederkauf ging weiter in der Münchner CSU. Sie wollte nie von etwas gewusst haben. Als die Kritik an ihrem Verhalten nicht verstummte, hat sie ihren Gegnern mit Dossiers gedroht haben: "Wie kommt ihr dazu, mir Vorwürfe zu machen? Gegen jeden von euch gibt es was!" Die Drohung war zuviel. Ausgerechnet aus dem Munde der Monika Hohlmeier, die nur wenige Jahre zuvor getönt hatte: "Man darf nicht mit dem Wissen um Interna drohen. Das ist ein schlechter Stil und bricht einem früher oder später das Genick." So war es auch in ihrem Sündenfall. Erst kippte Monika, die sich zeitweilig sogar Hoffnungen auf die Nachfolge von Edmund Stoiber gemacht hatte, aus dem Vorsitz der Münchner CSU und alsbald vom Stuhl der Kultusministerin.

Der Name ist vererbbar, Talent ist es nicht

Die schweizerische Wochenzeitung "Die Weltwoche" beobachtete die Aktionen der Monika Strauß und den Abstieg der Familie Strauß ("Die Äpfel fielen weit vom Stamm") staunend von außen: "Das kennt man aus den bekannten und beliebten Filmen über 'la famiglia', und natürlich war in der CSU die südländische Leidenschaft für mafiose Umgangsformen Tagesgeschäft." Habe nicht auch der Vater Franz Josef versucht, "seine Gegner mit Dossiers einzuschüchtern?" Erinnert sei hier nur daran, wie FJS gegen seinen Kritiker Franz Heubl Material hatte sammeln lassen, als er befürchtete, der wolle ihm im CSU-Vorsitz ablösen. "Bodenlose Faulheit", zeichne den Heubl aus, stand darin.

Der Freispruch für Max wird die verlorene Ehre der Familie Strauß nicht wieder herstellen. Vater Strauß war eine zeitgeschichtliche Größe der deutschen Politik. Seine Kinder glaubten vielleicht, als Königskinder auf die Welt gekommen zu sein. Mit Erbansprüchen auf die Fortsetzung der Rolle des Vaters. Mit nicht gerechtfertigten Erwartungen auf wirtschaftlichen wie politischen Einfluss. Mit so schlichten öffentlichen Benimmregeln wie denen von Max Strauß, der einmal gesagt hat: "Auf Druck reagiere ich mit Gegendruck. Schließlich heiße ich Strauß." Doch die Kinder hatten nicht die Talente des Vaters. Der kam immer wieder aus den vielen Amigo-Sümpfen der CSU rechtzeitig heraus.

Der Name ist vererbbar. Das politische Talent nicht. Tochter oder Sohn zu sein, ist kein Bonus mit Garantie auf eine ebenfalls ruhmvolle Lebensleistung. Der anhaltende Niedergang der Familie Strauß könnte nicht besser dokumentiert werden als in einer eher peinlichen Aktion des bayerischen Fiskus: Um die Steuerschulden von Max einzutreiben, pfändeten die Finanzbeamten die Gruft des ehemaligen Ministerpräsidenten.

Der Freispruch von Augsburg mag Max Strauß und seine Geschwister erleichtern. Er zieht jedoch auch einen endgültigen Schlussstrich unter die Ära Strauß. Ein Schlussstrich, den FJS wiederum nicht verdient hat.