G8-Gipfel-Bilanz Der Pflasterstein des Anstoßes


Sind Pflastersteine ein Mittel zur Meinungsäußerung? Der gewalttätige "Schwarze Block" der Anti-G8-Demos spaltete die Gipfel-Gegner. Wie die Steinewerfer zum Zankapfel wurden, berichtet der letzte Teil der stern.de-Serie über die Folgen von Heiligendamm.
Von Manuela Pfohl

Es war einmal in einem Land vor unserer Zeit. Da saß die Großmutter nach einer Versammlung am Küchentisch. Sie hatte sich die Gummistrümpfe von den krampfadergeplagten Beinen gezogen, einen Obstler eingeschenkt und eine Schere gegriffen. Mit der zerschnitt sie akkurat ihren Mitgliedsausweis vom Demokratischen Frauenbund Deutschland, den Ausweis der Konsumgenossenschaft und den vom Kulturbund. Dann fegte sie die Schnipsel mit der Hand zusammen, ließ sie in ihrer Schürzentasche verschwinden und erklärte: "Macht doch euren Scheiß in Zukunft alleine."

Ähnlich muss es Monty Schädel gehen. Der Geschäftsführer der Deutschen Friedensgesellschaft, Organisator des Rostocker Anti-G8-Bündnisses und Anmelder der großen Demo vom 2. Juni hat Nerven und Zeit ohne Ende in das Projekt koordinierte G8-Schelte investiert. Jetzt scheint es, als sei von der Mobilisierung eines breiten Forums ganz unterschiedlicher Gruppen und einer rund 80.000 Teilnehmer umfassenden Gipfelsoli nichts anderes übrig geblieben, als ein ideologischer Scherbenhaufen aus Steinen, Flaschen und schwarzen Kapuzen-Shirts.

Die Steinewerfer wurden zum Zankapfel

Als Anfang Mai das Rostocker Convergence Center, alternative Treffpunkte und Wohnungen in Berlin und Hamburg von Beamten des Bundeskriminalamtes durchsucht wurden, als in der Öffentlichkeit von der Jagd nach Geruchsproben und Terrorismus-Vorwürfen die Rede war, zelebrierten Rot und Grün und die radikale Linke noch Geschlossenheit gegen Schäubles repressive Strategie der Vorsorge und für die Freiheit der Andersdenkenden.

Nach der Demo vom 2. Juni ist von der Einigkeit nichts mehr geblieben. Und Schädel ist der Watschenmann. Er sagt: "Die einen kritisieren mich wegen der "einseitigen Kritik an dem Polizeieinsatz gegen die Gewalttäter", die anderen kritisieren mich, weil ich angeblich "dem Druck der Öffentlichkeit nachgab, mich von Demonstrationsteilnehmern distanzierte" oder ohne Kritik am Polizeieinsatz bei der Polizei entschuldigte." Die Steinewerfer sind zum Zankapfel in der Diskussion darüber geworden, was eigentlich Gewalt ist, von wem sie ausgeht und welche Strategie die Linken in die Zukunft führen soll.

Der Schwarze Block ist bei vielen unerwünscht

Noch am Krawallabend erklärte Attac-Sprecher Peter Wahl an die Adresse des sogenannten Schwarzen Blocks gerichtet: "Wir wollen euch nicht mehr sehen." Michael Brie und Lutz Brangsch von der Rosa-Luxemburg-Stiftung sprachen später mit Blick auf die Autonomen von einem "Sieg der Unvernunft und Inhumanität" und wetterten: "Eine gemeinsame Demonstration ist nicht mehr möglich." Rolf, 27, Student aus Bochum meint: "Ich krieg soon Hals, wenn ich das höre. Alle reden nur über die Gewalt der Aktivisten. Dabei ist das, was die G8 machen, viel gewalttätiger. Hartz IV-Gesetze, Waffenexporte, Umweltzerstörung, Diebstahl geistigen Eigentums, das passiert täglich. Dafür gibt es keine Legitimation von irgendeiner Mehrheit. Das ist Gewalt."

Im Camp Reddelich haben er und die anderen während der Gipfelwoche beim allabendlichen Delegiertenplenum endlos die Gewaltfrage diskutiert. Dass es keine leichte Sache ist, zwischen den eher praktisch veranlagten "Freien Radikalen", dem "ex-autonomen postmodernen Liberalismus" und dem Klassenkampfanspruch der "lesbisch-kommunistischen De-Konstruktion" zu vermitteln, zeigt sich nach dem Plenum an der grob gezimmerten Camp-Bar.

Die Mehrheit lehnt das Werfen von Pflastersteinen ab

Nach dem dritten Bier blickt Doro, 22, Germanistikstudentin aus Hamburg, endgültig nicht mehr durch. Eigentlich wollte sie "etwas für Afrika und gegen Bush" bewirken. Nach vier Tagen Revolution ist sie ernüchtert. Vor lauter Debattiererei sei man zu keiner konstruktiven Aktion gekommen. In der SMS, die sie am 6. Juni nach Hause schickt, steht: "Liebe Mami, kannst du mich heute schon abholen. Ich hab Kopfweh." Hätte sie einen Fragebogen des "Zentrums für Kindheits- und Jugendforschung" (ZKJF) der Uni Bielefeld und des "Instituts für Soziologie und Demografie" an der Rostocker Uni bekommen, würde sie jetzt vermutlich unter Punkt Acht geführt.

Noch während des Gipfels hatten Projektleiter Uwe Sander und seine Mitarbeiter Fragebögen an Demonstranten und Campbewohner ausgegeben, um etwas über die "Motivstrukturen jugendlicher Globalisierungsgegner" zu erfahren. 3576 ausgefüllte Bögen bekamen die Wissenschaftler zurück. Auf je vier Seiten mit insgesamt 100 Fragen hatten die 15- bis 25-Jährigen anonym mitgeteilt, wie sie den Umgang mit der Machtfrage definieren. Das erste Ergebnis, das sich auf die Auswertung der Fragen vom 2. Juni bezieht, scheint eindeutig zweideutig: 80 Prozent lehnen das "Werfen von Pflastersteinen" ab. 72 Prozent sind gegen Angriffe auf die Polizei.

Rostock war erst der Anfang

Aber: 20 Prozent bezeichnen sich als linksradikal. Jeder Zehnte wäre bereit "Firmeneigentum zu verwüsten und bekäme dafür von jedem vierten Demoteilnehmer Zustimmung. Andererseits: Fast alle Jugendlichen, nämlich 84 Prozent, lehnen die Beschädigung von Privateigentum ab. Die meiste Akzeptanz haben Straßentheater und Protestkonzerte, gefolgt von Flugblattaktionen und Öffentlichen Diskussionen. Sander: "Wir haben festgestellt, dass die meisten Jugendlichen sehr bewusst an den Aktionen gegen den G8 teilgenommen haben. Das politische Engagement und die Formulierung des Protestes gegen die Form der Globalisierung standen eindeutig im Vordergrund. Die Jugendlichen sehen Armut und Unterdrückung der dritten Welt und Perspektivlosigkeit als Folge einer Dominanz ökonomischer und politischer Macht." 98 Prozent plus Doro und Anton.

Für den "Black Blocker" eine weltpolitische Schieflage, der mit basisdemokratischen Debattierclubs, "Latschdemos" und bunten Luftballons nicht beizukommen ist. "Ich bin von ganzem Herzen ein Autonomer. Ich möchte die herrschenden Verhältnisse überwinden. Ich bin der Auffassung, dass dafür ein Organisierungsprozess und ein kontinuierlicher Kampf, der auch Militanz und Bewaffnung einschließt, unumgänglich werden wird." Rostock sei dafür erst der unbefriedigende Anfang gewesen. Pazifist Monty Schädel kennt diese und auch alle anderen Erklärungen. Fast täglich wird von irgendeiner Gruppe Bilanz gezogen. Er ist es längst leid, immer wieder zwischen "Macht kaputt, was euch kaputt macht" und "Make Love not War" zu vermitteln. Schädel weiß, dass bislang noch jeder Versuch gescheitert ist, die Strategiefrage der Linken zu beantworten. Er sagt: "Das kommt doch immer auf den Standpunkt an." Und es klingt, als hätte er eine Schere in der Tasche seiner legendären blauen Trainingsjacke.


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