G8-Gipfel-Bilanz Radikale wollen keine "Latschdemos"


Dieter Rucht, Leiter der Forschungsgruppe Zivilgesellschaft, Citizenship und politische Mobilisierung am Wissenschaftszentrum Berlin, forscht seit fast 30 Jahren zum Thema Protestbewegung. Im stern.de-Interview erzählt er, warum die gewaltsamen Aktionen des Schwarzen Blocks dem Erfolg der Globalisierungskritik nur schaden.

Redet man vom Widerstand gegen den G8, steht im Bewusstsein der Öffentlichkeit ganz vorn der sogenannte Schwarze Block mit seinen Aktionen. Spricht das für seinen Erfolg?

Das spricht zunächst einmal für eine clevere mediale Inszenierung von Protest. Die Leute haben darüber hinaus aber ohne Zweifel auch eine politische Botschaft. Sie glauben, dass "Latschdemos" zu wenig Druck machen. Allerdings denke ich nicht, dass man pauschal sagen kann, sie wollen Veränderungen ausschließlich mit Gewalt erzwingen. Da sind wir wieder bei der Inszenierung. Der Schwarze Block weiß, dass von ihm eine gewisse Faszination und gleichzeitig eine Bedrohung ausgeht, das hat er bei den Auseinandersetzungen um den 1. Mai in Berlin immer wieder erlebt und nutzt es für sich aus. Egal, ob was passiert, die Kameras sind da und bieten Gelegenheit, das Anliegen loszuwerden.

Wird der Schwarze Block die Protestbewegung zunehmend bestimmen?

Nein, das glaube ich nicht. Dafür ist er zu klein und zu wenig organisiert. Die Zahl der Aktiven stagniert seit Jahren bundesweit bei maximal 10.000. Außerdem halte ich ihn schon deshalb nicht für erfolgreich, weil durch sein Agieren nur mehr und schärfere Repressionen erfolgen werden. Das schadet dem Anliegen des Schwarzen Blocks und auch denen, die sich davon distanzieren, weil globalisierungskritische Sympathisanten dadurch abgehalten werden, sich am friedlichen Protest zu beteiligen. Denken Sie nur an die Bilder der Gewalt, die von Rostock in den Köpfen geblieben sind. Das ist doch ein großer Imageverlust für die Demokratie.

Wie konnte sich der Schwarze Block entwickeln?

Die Globalisierung wurde zunächst fast wie das Schicksal, wie ein Mantra hingenommen. Inzwischen werden die Risiken, die damit verbunden sind, offensichtlicher. Die Mehrheit der Bevölkerung sieht die Entwicklung der Globalisierung als hochproblematisch an und fordert Korrekturen. Wenn diese Ängste von der Politik nicht in ausreichendem Maße ernst genommen werden und zivile Protestformen scheinbar nicht greifen, suchen die Menschen radikale Lösungen. Das war schon immer so.

Es gibt dutzende Beispiele in der Geschichte, in der diese Strategie erfolgreich war.

In der Tat. Nehmen Sie nur den Sturm auf die Bastille. Das war ein gewaltsamer Umsturz, der aus der historischen Distanz heraus von der Mehrheit der Menschen ohne ideologische Bedenken als Mittel der Machtkorrektur akzeptiert wird. Natürlich kann eine gewaltsame gesellschaftliche Veränderung wichtig und richtig sein. Aber in Deutschland halte ich das für prekär.

Warum?

Jede Zeit und jede Situation braucht ein ihr angemessenes Mittel. Tatsächlich haben viele Protestgruppen die Erfahrung gemacht, dass sie sich den Mund fusselig reden und nichts passiert. Trotzdem. Hier und jetzt geht es doch darum, die Mehrheit der Bevölkerung für Veränderungen zu gewinnen. Das schafft man nicht, indem man ihre Autos anzündet, Scheiben einschlägt und Polizisten angreift. Das ersetzt doch nicht die politische Auseinandersetzung.

In jüngster Zeit präsentieren sich immer häufiger Rechte im Outfit des Schwarzen Blocks. Zeichen einer Art Verbrüderung?

Auch das ist eigentlich nichts neues. Spätestens seit Ende der 90er Jahre geben sich die Rechten als frontale Globalisierungsgegner. Sie sagen, die Trennlinie ist nicht zwischen rechts und links, sondern zwischen arm und reich und hoffen damit Boden bei der globalisierungskritischen Bevölkerung zu gewinnen. Die Linken des Schwarzen Blocks hingegen sind oft gar keine Fundamentalgegner der Globalisierung. Sie sind mitunter sogar sehr dafür. Man denke nur an die Zustimmung zur Migration und an die internationale Vernetzung bei politischen Anliegen. Die Rechten und die Linken trennen in dieser Frage Welten. Ich denke, Rechte mit Palästinensertuch und Che Guevara-Shirt, Sonnenbrille und Vermummung wollen vom Schwarzen Block lediglich den Habitus des Bedrohlichen übernehmen. Eine komfortable Lösung. Man muss nicht mehr zuschlagen, sondern nur so aussehen. Das hat eine Wirkung der Abschreckung und Macht.

Ist in Rostock der Anfang einer neuen internationalen Protestbewegung gemacht worden?

Das Globalisierungsthema hat eine Art Fokus zur Sammlung verschiedener Gesellschaftskritiker gebildet, zu einem Zusammenrücken geführt und eine Art Aufbruchstimmung geweckt. Das gab es zwischen 1998 und 2002 schon einmal. Danach flachte das wieder ab und wich einer gewissen Ernüchterung. G8 hat daran nichts geändert. Wenn es überhaupt eine neue Bewegung gibt, dann sehe ich sie in Südeuropa, Asien oder Afrika. Auch in Südamerika haben wir eine Linksbewegung in der sehr viel Potential steckt, weil natürlich auch die Probleme dort sehr viel manifester sind als hier. Da steckt viel Schärfe drin.

Interview: Manuela Pfohl

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