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Glosse: No Angie, no cry - Germany goes Jamaika

Von wegen Bananen-Republik. Der deutsche Souverän wünscht sich, dass sich dieses Land an einem ganz anderen Vorbild orientiert: Jamaika. Wie uns dieser Wahlabend der Karibik näher bringt.

Von Florian Güßgen

Dieser lange Abend lässt uns, die gemeinen deutschen Wähler, ratlos zurück. Nix is' fix, und das ausgerechnet am Ende eines Tages, der uns eigentlich Gewissheit darüber bringen sollte, wer dieses Land wie in den nächsten vier Jahren wohin steuert. Daraus, liebe Mitbürger, wird nun leider nichts. Nur drei Dinge sind jetzt, Stand: 22.30 Uhr, sicher: Erstens, der deutsche Wähler hat Humor. Zweitens, wir müssen uns mehr mit Jamaika beschäftigen, und drittens, wir müssen niemals mehr auf Meinungsforscher hören.

Marley, Reggae und kiffende Jugendliche

Aber zunächst die Sache mit Jamaika. Mal ehrlich, was fällt Ihnen denn ein, wenn Sie Jamaika hören? Genau: Langhaarige, zottelige, weiße Männer und Frauen, die sich Rastafari nennen und komisch riechen; Bob Marley fällt mir noch ein natürlich; und Reggae und kiffende, deutsche Jugendliche, die sich in öffentlichen Parks der sozialversicherungsfreien Muße hingeben. Genau. Aber genug damit. Sie wissen, wofür Jamaika im deutschen Bewußtsein steht. Mit der Wirklichkeit hat das freilich nichts zu tun. Die sieht, laut Wikipedia, nämlich so aus: Jamaika liegt im karibischen Meer, die Hauptstadt heißt Kingston, und das Land hat 2,6 Millionen Einwohner. Die mittlere Monatstemperatur schwankt zwischen 25 und 27 Grad Celsius. Jamaika ist eine parlamentarische Monarchie – an der Spitze des Staates steht Königin Elisabeth II, die Großmutter von Prinz William und Prinz Harry (das stand nicht in Wikipedia).

Die Jamaika-Koalition

Zwischen Deutschland und dem Karibik-Staat gibt es spätestens seit dem Abend des 18. September 2005 eine intime Verbindung, so eine Art Seelenverwandschaft. Geht es nämlich nach dem deutschen Wähler, könnte die "Berliner Republik" demnächst von einer Jamaika-Koalition regiert werden. Jawoll! Die dominanten Partei-Farben wären dann, wie in der jamaikanischen Staatsflagge, schwarz, gelb und grün. Aber damit nicht genug. In Grundzügen lässt sich die Jamaika-Republik schon jetzt trefflich skizzieren. Elisabeth II würde durch Angela Merkel - Angie - ersetzt, Guido Westerwelle müsste sich Rasta-Zöpfe wachsen lassen und würde so eine Art Stadtherrscher in Kingston werden. Er würde sich dort, getreu dem Programm seiner Partei, für eine Liberalisierung der Drogen einsetzen, während Joschka Fischer, der alte und neue Außenminister, dafür kämpfen würde, einen ständigen Sitz Jamaikas in den Obersten Gremien des Commonwealth zu ergattern. Abends würden sie sich in lockeren Bars mit heißen Rhythmen treffen, um die neue Nationalhymne anzustimmen: "No Angie, no cry" - "Nein, Frau Merkel, sie müssen nicht weinen". Trotz der schmerzhaften Niederlage, trotz der katastrophalen 35-Und-Nochwas-Prozent. Nein, die Jamaika-Republik kennt keine Verlierer.

Demoskopen-Kolonie

In der Jamaika-Republik würde, das kann ich Ihnen versprechen, Ordnung herrschen. Die neue Regierung würde, und damit kommen wir zum zweiten Thema dieses Abends, sämtliche Meinungsforschungs-Irrungen sofort verbieten. Sie würde eine Demoskopen-Kolonie aus dem Boden stampfen, in der sämtliche Meinungsforscher dieses Landes sich jahrelang gegenseitig befragen müssten, weshalb am Wahlabend des 18. September eigentlich so ganz andere Ergebnisse herausgekommen sind als sie vorher erforscht hatten. Diese Kolonie würde von der FDP regelmäßig mit weichen Drogen beliefert werden, so dass eine Einigung zwischen dem Güllner-Hilmer-Köcher-Konglomerat zumindest bei der wöchentlichen Sonntagsfrage erreicht werden würde. Das wird schön.

So, genau so, liebe Leser, könnte die deutsche Welt nach diesem seltsamen Wahlabend aussehen, an dem sich zwei Kanzlerkandidaten zum Sieger ausgerufen haben, an dem eine Erfolgspartei binnen Sekunden ins politische Nirwana schrumpfte und an dem das politische System dieser Republik veritabel aus den Fugen geraten ist. Sie könnte, aber sie muss nicht so aussehen. Vorstellbar wäre auch ein großes Zusammengehen, eine schwarz-rote Flotte unter Führung von Angela Merkel und Kanzler Gerhard Schröder, mit einer Doppelspitze im Kanzleramt quasi. Oder eine große Koalition unter Führung von Gerhard Schröder, mit Gerhard Schröder als Vizekanzler und mit Gerhard Schröder als Außenminister und Allparteien-Chef. Haben wir Jamaika in diesem Fall schon verloren, bevor wir es auch nur in Ansätzen endeckt haben? Nein, liebe Leser, so hart wird es nicht kommen. Egal, ob Merkel oder Schröder eine neue, große Koalition anführen werden, egal ob es ampelt oder schwampelt. Wir, ja, Sie und ich, wir werden uns immer eines Abends erinnern, an dem unser Horizont erweitert wurde, an dem aus Fassungslosigkeit doch glatt die Karibik erwuchs. Und an dem wir die Nationalfarben von Nationen kennen gelernt haben, die zwar einen bunten Ruf haben - aber mit Sicherheit keine nur halb so bunte Politik wie wir.