HOME

Großbritannien: Als Sozius gegen den Terrorismus

Ein neues Gutachten empört die britische Regierung. Die Londoner Attentate, so ein renommiertes Institut, stünden im direkten Zusammenhang mit dem Irakeinsatz und der "Beifahrer"-Rolle Großbritanniens im Kampf gegen den Terrorismus.

Eineinhalb Wochen nach den Anschlägen in London hat die größte Organisation sunnitischer Muslime in Großbritannien den Terror als Sakrileg verurteilt. Der Rat der Sunniten erklärte am Sonntag in einer Fatwa, einem verbindlichen Religionsedikt, die Anschläge hätten Grundsätze des Islams verletzt.

Der Rat der Sunniten betonte in seiner Fatwa, "Grausamkeiten, die in Palästina und im Irak verübt werden" seien keine Rechtfertigung für Terroranschläge. "Wer hat irgendjemandem das Recht gegeben, andere zu töten? Das ist eine Sünde. Jeder, der Selbstmord begeht, kommt in die Hölle", sagte Mufti Muhammad Gul Rehman Kadri, der Vorsitzende des Rats der Sunniten, in Birmingham.

Berichte von zwei führenden Forschungsinstituten heizten die Debatte über die britische Antiterror-Politik an. Durch ihre Beteiligung am Irak-Krieg habe die Regierung Großbritannien einem besonders großen Risiko ausgesetzt, heißt es in einer am Montag veröffentlichten Studie des Königlichen Instituts für Internationale Angelegenheiten. Ähnlich äußerte sich der Rat für Wirtschafts- und Sozialforschung.

Der Krieg gegen den Irak habe der Propaganda des Terrornetzwerks al Kaida Auftrieb verliehen und ihm die Rekrutierung weiterer Anhänger sowie die Sammlung von Spenden erleichtert, schreibt das Königliche Institut für Internationale Angelegenheiten in seinem Bericht "Sicherheit, Terrorismus und das Vereinigte Königreich." Zudem habe der Krieg Ressourcen verbraucht, die für die Stabilisierung Afghanistans und die Jagd auf al-Kaida-Chef Osama bin Laden hätten eingesetzt werden können.

Weiter kritisiert das Institut, die britische Regierung habe sich von Washington die Zügel aus der Hand nehmen lassen: Der Antiterror-Kampf sei zwar "Schulter an Schulter" mit den USA geführt worden, dabei sei Großbritannien aber nicht gleichberechtigt, sondern nur "Sozius" gewesen.

Die britische Regierung wies die Kritik zurück. "Die Zeit für Entschuldigungen für den Terrorismus ist vorbei", sagte Außenminister Jack Straw am Rande des EU-Außenministertreffens in Brüssel. "Ich bin überrascht, dass das Chatham House sagt, wir hätten nicht Seite an Seite mit unseren langjährigen Verbündeten in den USA auftreten sollen", sagte Straw, der derzeit auch den Vorsitz im EU- Außenministerrat führt. "Die Terroristen haben in der ganzen Welt zugeschlagen. In Ländern, die mit den USA verbündet sind und den Krieg unterstützten, und in Ländern, die mit dem Krieg überhaupt nichts zu tun hatten."

"Terroristen wollen jeden töten, der ihrer perversen Ideologie im Wege steht"

Auch Verteidigungsminister John Reid wies die Schlussfolgerungen des Berichts zurück. Die Anschläge in London mit mehr als 50 Todesopfern, der Türkei und im Irak zeugten davon, dass es sich beim Terrorismus um ein internationales Problem handele. "Die Terroristen wollen jeden töten, der ihrer perversen Ideologie im Wege steht", sagte der Minister. "Wir entschuldigen uns nicht dafür, mit unseren internationalen Partnern, die USA eingeschlossen, bei Operationen zusammenzuarbeiten, die nach unserem Urteil im besten Interesse Großbritanniens und der Welt sind", sagte Reid weiter. Gegenüber dem US-Sender CNN bestätigte Reid indes, dass London eine Reduzierung der im Irak eingesetzten Truppen erwägt. Die Zahl der Soldaten könnte in den nächsten zwölf Monaten von derzeit 8500 auf 3000 Mann verringert werden, sagte der Verteidigungsminister.

Die EU-Minister kündigten an, sie wollten bis Jahresende eine Strategie entwickeln, um die Radikalisierung und Rekrutierung junger Menschen für terroristische Ziele zu bekämpfen. In einer Erklärung heißt es, dies stehe in engem Zusammenhang mit den Bemühungen, Konflikte zu lösen, Unterdrückung zu beenden, Armut zu verringern und gute Regierungsführung zu fördern.

DPA/Reuters / DPA / Reuters