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Grundschule: Zurückstellung für Kinder ohne Deutschkenntnisse? Das sagen Politiker und Lehrer

Ist die Grundschule nur für Kinder mit ausreichenden Deutschkenntnissen da? Für seinen Vorschlag erntet Unionsfraktionschef Carsten Linnemann harsche Kritik. Der Lehrerverband stimmt ihm jedoch teils zu.

Ein Grundschüler vor einer Buchstabentafel. Für manche Migrantenkinder ist die erste Klasse der erste intensive Kontakt mit der deutschen Sprache

Ein Grundschüler vor einer Buchstabentafel. Für manche Migrantenkinder ist die erste Klasse der erste intensive Kontakt mit der deutschen Sprache

DPA

In Deutschland gehen die Sommerferien zu Ende, für viele Kinder steht die Einschulung vor der Tür – und in der deutschen Innenpolitik entbrennt ein Streit darüber, wie unser Bildungssystem mit Kindern umgehen soll, die nicht ausreichend Deutsch sprechen.

Eigentlich ist das Thema uralt – im Netz findet man lange Berichte beispielsweise aus dem Jahr 2013, in denen sich Experten darüber Gedanken machen, wie man die Sprachbarrieren in Schulen abbauen kann. Denn für manche Migrantenkinder ist die Grundschule der erste intensive Kontakt mit der deutschen Sprache – für einen normalen Schulalltag reicht das nicht aus. Frustrierend für die Kleinen, anstrengend für die Lehrer – und oft auch schlecht fürs Lernniveau der ganzen Klasse.

Carsten Linnemann spricht und gestikuliert

 Carsten Linnemann

DPA

Vor dem Hintergrund dieser seit langem schwelenden Debatte schlug der stellvertretende CDU/CSU-Fraktionschef Carsten Linnemann CDU/CSU in der "Rheinischen Post" jetzt vor, Kinder, die kein Deutsch sprechen, nicht zur Grundschule zuzulassen – und erntet teils harsche Kritik, vor allem vom politischen Gegner. Besonders scharf äußerte sich Linke-Chefin Katja Kipping: Mit seinen Äußerungen zu Grundschulkindern gehe Linnemann auf "Stimmenfang im rechten Sumpf", sagte sie der Deutschen Presse-Agentur und warf dem CDU-Politiker vor, das Thema mit Meldungen über Gewalttaten von Erwachsenen zu vermengen. "Ist ihm nicht bekannt, dass der Täter von Frankfurt, der offensichtlich eine psychotische Störung hatte, fließend Deutsch spricht und als Schweizer praktisch den gleichen Migrationshintergrund hat wie Alice Weidel?"

Carsten Linnemann warnt vor neuen "Parallelgesellschaften" 

In der Ausgabe von diesem Dienstag hatte Linnemann der "Rheinischen Post" mit Verweis auf "neue Parallelgesellschaften" gesagt: "Um es auf den Punkt zu bringen: Ein Kind, das kaum Deutsch spricht und versteht, hat auf einer Grundschule noch nichts zu suchen". Für betroffene Kinder schlug er eine Vorschulpflicht vor. Notfalls müsse eine Einschulung auch zurückgestellt werden. Erwähnt hatte er auch die Vorfälle in Freibädern, die Tat auf dem Frankfurter Bahnsteig und die Schwertattacke in Stuttgart. Das alles wühle die Menschen auf und befeuere die Sorge, dass neue Parallelgesellschaften entstehen könnten.

Die SPD-Bildungspolitikerin Marja-Liisa Völlers sagte der DPA, die Aussagen Linnemanns seien "wirklich zum Fremdschämen und populistisches Getöse wie in Wahlkampfzeiten". Man könne Kinder nicht von der Grundschule ausschließen, nur weil sie schlecht Deutsch sprächen. Das schaffe Parallelgesellschaften und langfristige Integrationsprobleme, anstatt sie zu lösen. "Die Kinder sind genau richtig da, wo sie sind. Ein besseres Lernumfeld für alle Kinder als Schulunterricht mit Gleichaltrigen gibt es doch gar nicht."

Und sogar eine Parteifreundin Linnemann, die schleswig-holsteinische Bildungsministerin Karin Prien (CDU) wies den Vorstoß Linnemanns vehement zurück. Prien sprach in der "Süddeutschen Zeitung" von "populistischer Unfug" und einem "völlig falschen Weg". Solche Kinder gehörten "im Rahmen der Regelbeschulung" in Deutsch-als-Zweitsprache-Klassen. "Im Jahr 100 nach Einführung der Schulpflicht" sollten gerade Christdemokraten "auf die soziale und gesellschaftliche Errungenschaft einer allgemeinen Schulpflicht hinweisen", sagte die Politikerin der Zeitung. Sie ist in ihrem Bundesland auch stellvertretende CDU-Vorsitzende.

Lehrerverband sieht das Problem - und fordert erneut Sprachtests vor der Grundschule

Der deutsche Lehrerverband reagierte dagegen etwas differenzierter auf Linnemanns Vorstoß – schließlich hatte der CDU-Politiker ja auch nicht den kompletten Ausschluss der Kinder ohne ausreichende Deutschkenntnisse von deutschen Schulen gefordert, sondern, dass die Einschulung zurückgestellt werde, bis die Kinder diese Kenntnisse erworben hätten – etwa in einer Vorschule. So erneuerte der Lehrerverband seine Forderung verpflichtender Sprachtests vor der Grundschule. "Ich bin ein absoluter Anhänger von bundesweiten, flächendeckenden Sprachstandtests bei Drei- und Vierjährigen", sagte Verbandspräsident Heinz-Peter Meidinger der DPA. Linnemann habe natürlich damit Recht, dass die eigentliche sprachliche Förderung vor der Grundschule erfolgen sollte, sagte Meidinger. Es gebe Ansätze für Sprachtests von Drei- und Vierjährigen in einigen Ländern, "aber leider passiert dann bei festgestellten Defiziten zu wenig, auch weil dazu spezifisch ausgebildete Personen, unter anderem Logopäden gebraucht würden, die wir nicht haben". Grundschullehrer seien sowieso Mangelware. "Es ist eine Binsenweisheit: Was an Frühförderung versäumt wurde, lässt sich später kaum mehr aufholen", sagte Meidinger.

In einer ersten Fassung des Artikels war in der Überschrift von einem "Grundschulverbot" die Rede. Die Nachrichtenagentur DPA hatte den Begriff in einer Überschrift verwendet, Linnemann hatte ein solches Verbot in seinem Vorstoß allerdings nie explizit gefordert, sondern lediglich eine Vorschulpflicht für Kinder angeregt, die Sprachstandstest vor der Grundschule nicht bestehen. Wir haben die Überschrift präzisiert. Die Redaktion.

anb / DPA