Haftanstalt Siegburg Leben und Sterben des Hermann H.


Gequält, vergewaltigt, aufgeknüpft - diesen unfassbar brutalen Tod starb ein junger Mann in der Haftanstalt siegburg, der von Geburt an eigentlich nie eine Chance hatte.

Die Mutter wagt nicht, genau hinzu schauen. Im schlichten Kiefernsarg liegt ihr Sohn Hermann. Der Bestatter hat sich viel Mühe gegeben und das Gesicht des Jungen dick mit Make-up abgedeckt. Doch die Flecken an Wangen und Armen sind nicht zu übersehen. Was ist mit seinen Fingern passiert, und warum ist das Kinn so verschoben? Dann entdeckt Marianne Musljii die Strangulierungsmerkmale am Hals. Sie schluchzt, ihr ganzer Körper bebt. "Was hat man meinem Kind nur angetan?"

Der Foltertod des 20-jährigen Hermann Heibach, den drei Mithäftlinge in einer 20 Quadratmeter großen Zelle im Haus 2 der Justizvollzugsanstalt Siegburg zwölf Stunden lang zu Tode quälten, ist zu einem Skandal erwachsen. Politiker fahren ihre Geschütze auf, fordern Ministerinnen-Rücktritt und einen Untersuchungsausschuss. Zunehmende Gewalt und katastrophale Überbelegung in deutschen Knästen wurden von ihnen offenbar allzu lange wegdiskutiert. Dabei mahnt der nordrhein-westfälische Landesvorsitzende des Bundes der Strafvollzugsbediensteten, Klaus Jäkel, schon seit Jahren: "Wir sitzen auf einem Pulverfass."

Dem Siegburger Anstaltsleiter Wolfgang Neufeind war dies offenbar nicht präsent. Er betrieb das Gefängnis im Vorland von Bonn eher wie ein Experiment: Die Arbeit ehrenamtlicher Helfer wurde zurückgefahren, Besuchszeiten an Wochenenden gestrichen, dafür hat er das Faustrecht weitgehend geduldet, wie sich ehemalige Häftlinge und ein Gefängnispfarrer erinnern.

Auch das Leben des Hermann Heibach endete am vorletzten Wochenende als Experiment. Seine Mithäftlinge Ralf A., 20, Pascal I., 19, und Danny K., 17, wollten "wissen, wie es ist, einen Menschen zu töten". Sie wissen jetzt, dass sich ein Mensch zu wehren versucht, wenn man ihn Salzwasser und Urin trinken lässt. Sie haben gesehen, dass ein Mensch sich dabei übergeben muss. Sie haben vielleicht begriffen, dass es wider die Natur des Menschen ist, das Erbrochene wie ein Tier vom Boden auflecken zu müssen. Sie haben erfahren, dass ein Mensch aus Leibeskräften brüllt, schreit und um sich schlägt, wenn man ihn mit dem Stil eines Handfegers vergewaltigt. Sie wissen jetzt auch, wie es ist, wenn Leid und Schmerz gegen den Willen zu leben überwiegen - und das Opfer schließlich fleht: "Bitte bringt mich um."

Die grausamen drei haben ihr Opfer eine letzte Zigarette rauchen und zwei Abschiedsbriefe schreiben lassen. Dabei haben sie in aller Ruhe einen Henker-strick geflochten. Erst aus Kabeln, dann aus zusammengeknoteten Bettlakenfetzen. Damit musste sich Hermann Heibach in der Toilette der Zelle hinter einer Sichtwand selbst erhängen. Der hagere junge Mann stirbt schließlich beim dritten Versuch durch Strangulation. Die Täter lassen ihn neben der Toilette baumeln.

Es ist Samstag. Wochenendbetrieb in der JVA Siegburg. Das Abendessen hat es schon, in Plastikbeuteln verpackt, beim Frühstück gegeben. Nur vier Aufseher sind noch im Haus. Zuständig für 715 Gefangene. Als Hermann die Qualen kaum noch aushält, gelingt es ihm, den Notknopf zu drücken, den es in jeder Zelle gibt. Ein Wärter meldet sich, doch Hermanns Peiniger können ihn abwimmeln. "Fehlalarm". Als das Foltergepolter in der Zelle bald darauf heftiger wird, beschweren sich Häftlinge aus der Nachbarzelle über den Lärm. Ein Aufseher kommt, lässt die Zelle öffnen, sieht den fast bewusstlosen Hermann auf einem Bett liegen und glaubt den drei Tätern, sie hätten "nur die Möbel ein wenig verrückt". Erst am nächsten Morgen rufen sie die Vollzugsbeamten und sagen: "Da ist jemand tot auf dem Klo."

Das grausame Sterben von Hermann Heibach sollte als "Freitod" vertuscht werden. Und beinahe wäre das auch gelungen. Anstaltsarzt Carl-Thomas Möller ist am Sonntagmorgen der Ansicht, dass "keine äußere Gewaltanwendung" erkennbar sei. Doch Staatsanwalt Robin Fassbender, der in der Bonner Justiz wegen seiner Unbeirrbarkeit den Spitznamen "Fass-ihn-Baby" trägt, wird misstrauisch. Als er hört, dass das Opfer auf einer Vier-Mann-Zelle gelegen hat, fährt er in die Haftanstalt, um den Toten selbst zu sehen. Die Schwellungen in Heibachs Gesicht bestätigen seinen Verdacht. Er lässt eine Rechtsmedizinerin kommen. Auch die ist sich nicht ganz sicher: Die vielen Hämatome, mit denen der Körper übersät war, seien nur schwer von den Leichenflecken unterscheidbar. Daraufhin ordnet Fassbender eine Obduktion an. In der Rechtsmedizin werden schwerste Verletzungen entdeckt, die von dem zwölfstündigen Martyrium herrühren. Der bereits ausgestellte Totenschein ist Makulatur. Die Zellengenossen gestehen: "Wir haben ihn aufgeknüpft."

Wer versucht, sich ein Bild über Täter und Opfer dieses Gefängnismordes zu machen, der muss sich in die unterste Etage der deutschen Gesellschaft begeben. Dorthin, wo laut Friedrich-Ebert-Stiftung das Prekariat rangiert und Kurt Beck die Unterschicht wiederentdeckt hat. Man findet es etwa in Leverkusen-Rheindorf, wo Hermann Heibach am 7. März 1986 per Kaiserschnitt geboren wird. Der kleine Hermann trägt noch Windeln, als sich Mutter Marianne von seinem Vater trennt. Sie zieht mit den beiden Söhnen Martin und Hermann und Tina, einer Tochter aus erster Ehe, zu Verwandten. Bald wächst ihr die Erziehung über den Kopf. Sie geht zum Jugendamt, klagt, sie sei den Kindern nicht mehr gewachsen und wolle das Sorgerecht an den Vater übertragen lassen.

Das Amt willigt ein, fortan ist der Vater für das Wohl der Kinder zuständig. Die behördliche Entscheidung ist ein Fehler, wie sich bald herausstellt. Mehr als zehn Jahre nimmt der Mann jede Gelegenheit wahr, seine Stieftochter zu missbrauchen. Schließlich geht Mutter Marianne zur Polizei und erstattet Selbstanzeige. "Ich habe zu lange geschwiegen", sagt sie heute. Die Ermittlungen kommen in Gang. Ihr Ex-Mann muss für dreieinhalb Jahre hinter Gitter. Aber auch sie selbst bekommt eine Bewährungsstrafe von zweieinhalb Jahren. Das Sorgerecht geht an das Jugendamt. Hermann kommt in ein Heim, das den Namen Nazareth trägt.

Lange bleibt der Junge dort nicht. Es gibt immer wieder Ärger mit anderen Kindern. Er verteidigt gerne die Kleineren gegen die Größeren und wird aggressiv, wenn jemand seine Familie beleidigt. Eines Tages wirft er aus Zorn mit Messern um sich. Im Haus Nazareth hat man dafür kein Verständnis, Hermann kommt in ein Heim nach Münster. Dort überlegen die Erzieher eine besondere Maßnahme für den wilden kleinen Kerl. Sie schicken ihn in ein pädagogisches Projekt nach Andalusien, ein sogenanntes Resozialisierungscamp. Wo das genau war, wusste seine Mutter nicht. Sie hat auch nie danach gefragt. Zwei oder drei Jahre, die Mutter weiß es nicht genau, bleibt Hermann in Spanien. Vormittags ist Unterricht, am Nachmittag wird Laub gefegt und das Schwimmen erlernt. Manchmal telefoniert Hermann mit seiner Mutter. Dann schwärmt er und sagt: "Nach Deutschland will ich nicht mehr zurück."

Doch als er 17 wird, läuft das Programm für ihn aus. Vom sonnigen Andalusien muss er zunächst wieder ins Heim nach Münster. Mit offenen Armen empfängt ihn dort niemand. Einen Schulabschluss hat er auch nicht. Es beginnt eine Odyssee durch die Kölner Trabantenstädte. Er zieht zum Vater, der inzwischen wieder aus dem Knast ist. Doch da gibt es schnell Zoff, der Alte schmeißt ihn raus. Hermann bricht in den Keller ein, um sich dort einen Schlafplatz einzurichten. Das bekommt der Hausverwalter mit und erteilt ihm Hausverbot. Der Junge schnappt sich ein Zelt und lässt sich am Von-Diergardt-See nieder. Hier hat er erst mal seine Ruhe und einen schönen Blick auf das Industriegelände von Dynamit Nobel. Essen besorgt er sich bei den Streetworkern im nächsten Ort.

In dieser Zeit lernt Hermann Kuki kennen, eine Thailänderin. "Sie ist der einzige Mensch, der ihm jemals Zuneigung gegeben hat", erzählt sein Schwager Jürgen Karstädt. "Wenn ich ihn mal in der City gesehen habe, sah er wirklich glücklich aus." Die Liebe seines Lebens währt nicht lange. Kukis Eltern sind nicht erbaut von der Beziehung zum obdachlosen Hermann. Sie muss sich trennen.

"Der Hermann hat sicher viel Scheiße erlebt", sagt Schwager Jürgen, ein gutmütiges Schwergewicht. "Aber er hat sich nie unterkriegen lassen. Er hat immer gelacht und Späße gemacht." Und Dummheiten.

Bei der Polizei ist er bald als Kleinkrimineller bekannt, immer wieder lässt er was mitgehen. Mal ein paar Flaschen Bier, mal etwas zum Essen. Einmal klaut er einen Motorroller. Der Besitzer erstattet Anzeige gegen Unbekannt. Hermann wird beim ersten Ausflug mit dem Roller von der Polizei geschnappt. Die überprüfen und wundern sich: Der Besitzer des Rollers ist ausgerechnet Hermanns Schwager. Hermann wusste das nicht. "Typisch", sagt Ex-Freundin Lydia Fröhlke. "Er war unser Tollpatsch." Hermann habe aus Versehen Flaschen umgeschmissen oder die Grasmischung für den Joint vom Tisch gewischt. "Auch wenn das jetzt blöd klingt, aber er war ein richtig liebenswerter Trottel, der manchmal den Mund etwas zu voll genommen hat."

Acht Monate vor seinem Tod entdeckt Hermann die Gothic-Szene. Er trägt jetzt schwarze Kluft mit Nietenarmbändern und einem umgedrehten Kreuz um den Hals. Er will sich auch ein Pentagramm in den Nacken stechen lassen, aber dafür fehlt das Geld. Er schlüpft in gefährlich anmutende Springerstiefel und muss drei Paar Socken tragen, weil ihm sonst seine Füße schmerzen. Seine Lieblingsband ist Slipknot, eine Death-Metal-Band, die in martialischen Kostümen auf die Bühne geht und zu lautem Gitarrengeschrammel schwer verständliche Laute brüllt. Hermanns Lieblingssong ist "Heretic Anthem", ein vierminütiger Wutausbruch eines Menschen, der angewidert ist von der Heuchelei der Gesellschaft. Verstanden hat Hermann den Text nie. Er kann kein Englisch, außerdem hat er eine Lese- und Rechtschreibschwäche.

Eigentlich habe das finstere Äußere gar nicht zu ihm gepasst, sagt Lydia Fröhlke. Es sei wohl eher Ausdruck der Wut gewesen, die er in sich trug. Überhaupt wollte Hermann nur dazugehören, irgendwo Halt haben. Natürlich wusste er, dass der Überfall auf einen Kiosk in Leverkusen eine dumme Idee war. Mit einem Kumpel war er in den Laden gegangen und hatte sich drei Flaschen Schnaps und Zigaretten geben lassen. Um nicht bezahlen zu müssen, bedrohten sie den Verkäufer mit einem Messer. Wieder wird Hermann gefasst. Er erhält Bewährung und wird zu 80 Sozialstunden in einem Krankenhaus verdonnert. Aber er kommt mit dem Hausmeister des Klinikums nicht zurecht. Nach dem dritten Tag schwänzt er. Der Amtsrichter in Leverkusen ist verärgert und stellt einen Haftbefehl aus.

Hermanns Leben in Freiheit endet Anfang Oktober auf der Suche nach einem WC. Am Kölner Hauptbahnhof fragt er Polizisten nach dem Abort. Es ist spät nachts und Hermanns Outfit zu auffällig. Die Beamten überprüfen seinen Ausweis und nehmen ihn sofort fest. Hermann kommt ins Gefängnis nach Köln-Ossendorf, zwei Wochen später wird er nach Siegburg verlegt. Sechs Monate soll er dort bleiben. Am 31. Oktober besucht ihn seine Mutter. "Er sah gut aus", erinnert sie sich. "Er erzählte mir, dass er mit einem Mazedonier und einem Araber auf der Zelle ist. Sie haben sich gut verstanden."

Doch so ist es nicht. In Wirklichkeit wohnt Hermann mit einem seiner späteren Folterer, Ralf A., auf der Zelle, ein Einbrecher, der noch knapp ein Jahr abzusitzen hat. Die beiden verstehen sich tatsächlich. Am 7. November kommen Pascal I. und Danny K. hinzu, weil deren Zelle renoviert wird. Die beiden sehen aus wie "süße Knäblein, die kein Wässerchen trüben können", sagt ein Anwalt. Dabei zählen die beiden Jungs aus Bottrop zur übelsten Sorte. Danny, dem Jüngsten, hatte ein Bottroper Amtsrichter 2005 "ungezügelte Gewaltbereitschaft" attestiert. Er sitzt wegen Körperverletzung und Raubes ein und gilt als Anstifter der Folterorgie. Pascal I., mit dem er seit Wochen die Zelle teilt, ist wegen gefährlicher Körperverletzung und Drogendelikten in Haft. Selbst Pascals Kumpels am "Eigen" in Bottrop, Treffpunkt der Gescheiterten, Stricher und Junkies, gehen auf Abstand zu ihm. "Er wurde immer brutaler. Schlug sofort zu." Nachbarn sagen: "Pascal war als Kind schon völlig emotionslos." Er warf bei eisiger Kälte Spielkameraden in einen Teich, tötete Tiere, plünderte die Geschenke aus dem Wagen eines Hochzeitspaares und brach einem Freund des Brautpaares den Schädel. "Der Junge ist ein Albtraum", stöhnt Nachbar Toni Keil, der eine 80 Seiten starke Akte über die Attacken zusammengestellt hat.

Fünf Tage nachdem die beiden Neuen auf die Zelle kamen, war Hermann tot. Ralf A., behauptet inzwischen, er habe beim Foltern mitmachen müssen, sonst hätte auch er nicht überlebt.

"Wenn die Mischung stimmt, ist eine Vier-Mann-Belegung okay", sagt Oberstaatsanwalt Fred Apostel. Warum jedoch auf die Zelle des freundlichen, aber schwachen Hermann Heibach die beiden Gewalttäter gelegt wurden, werde ermittelt. Eine Antwort hatte die Staatsanwaltschaft auch Anfang der Woche noch nicht gefunden. Anstaltsleiter Wolfgang Neufeind wurde am Montag versetzt.

Gerd Elendt, Frank Gerstenberg, Christian Parth print

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