HOME

Henryk Wichmann: "Hätte nur nicht gewählt werden dürfen"

Der Nachwuchspolitiker Henryk Wichmann aus der Uckermark wurde 2003 durch die Dokumentarsatire "Herr Wichmann von der CDU" (Regie: Andreas Dresen) kurzzeitig zum Kinostar. stern fragte nach, warum der Unions-Politiker nicht am Wahlkampf 2005 teilnimmt.

Herr Wichmann, im Land tobt der Wahlkampf, selten waren die Chancen für die CDU besser, und Sie sitzen in der Uni rum ...

Tja, da hat der Kanzler mir wohl einen Strich durch die Rechnung gemacht. So kurz vor dem Staatsexamen kann ich mir nicht viel Politik leisten, da rasseln schon so genug durch.

Mensch Wichmann, Sie sind doch ein Politikjunkie ...

Na ja, ich habe mir natürlich schon kurz überlegt, ob ich es nicht doch jetzt direkt noch mal versuchen soll. Gerade weil ja der Wahlkampf diesmal so kurz ist. Ich hätte eben nur nicht gewählt werden dürfen.

Und diese Gefahr war nicht auszuschließen?

Wer weiß. Ich will jedenfalls erst meinen Abschluss. Das Schlimmste ist es, finanziell von der Politik abhängig zu sein. In den Parteien machen viele doch nur deshalb den Mund nicht auf, weil sie von ihrem Mandat leben müssen. Das ist grausam!

Große Worte für jemanden, der mit 25 in den Bundestag wollte.

Mir war völlig klar, dass ich da nicht reinkomme. Das war für mich nur ein Testlauf. Ich wollte in der Region bekannt werden. Und das hat ja auch geklappt.

Hut ab! Das Experiment hat Sie schlappe 30.000 Euro gekostet ...

Da war eben auch jugendlicher Leichtsinn dabei. Aber wenn schon, denn schon - und die Schulden sind inzwischen fast abbezahlt.

Dann war der Film von Andreas Dresen ein Geschenk des Himmels?

Aber sicher! Hinterher hat mich meine Gemeinde mit 1500 von 1700 Stimmen in den Kreistag gewählt. Außerdem habe ich den Film inzwischen mehr als 70mal gesehen - da lernt man eine ganze Menge über sich.

Zum Beispiel wie man es erträgt, verarscht zu werden?

Natürlich - man lacht am besten mit. Klar hätte ich manche Szene verhindern können. Aber da ist dann eben Ehrlichkeit und Mut gefragt. Und den sollte man schon haben, wenn man mit 25 für den Bundstag kandidiert.

Wie haben Ihre Parteioberen auf den Film reagiert?

Norbert Blüm hat im "Spiegel" geschrieben, ich sei ein politischer Don Quichotte. Und Angela Merkel hat sich gefreut, dass ich so populär wurde. Die kenne ich über Ihre Eltern auch so ganz gut. Den Vater über die Kirchenarbeit, die Mutter war mal bei uns im Kreistag.

Sie könnten von hier aus ein paar Ratschläge erteilen.

Es ist echt verheerend, dass inzwischen alle in der Partei so tun, als ob Merkel bereits Kanzlerin sei. Das ist extrem gefährlich! So was stößt die Menschen ab und erzeugt Trotzreaktionen. Im Schlafwagen an die Macht - das wird nichts.

Sie wissen, wovon Sie sprechen!

Aber sicher. Die Leute interessieren sich nicht mehr für Politik. Die halten am Wahlkampfstand nur an, wenn es Kugelschreiber oder Feuerzeuge gibt. Und dann für exakt 30 Sekunden! Denen ist inzwischen völlig egal, wer da steht oder was der will.

Was heißt das für Ihre Karriere?

Ich bekomme meine Chance schon noch. Immerhin sind die meisten Politiker, die in Deutschland was zu sagen haben, nicht im meiner Altersgruppe. Also mache ich weiter: Konservativ und trotzdem unkonventionell. Das zeichnet mich aus.

Von wegen konservativ... in Berlin leben Sie in wilder Ehe als Vater einer unehelichen Tochter im linksalternativen Kiez!

Hier gab's ganze sechs Stimmen für die CDU bei der Europawahl - ich will so schnell wie möglich weg. Und was mein Privatleben angeht: Das hat die Partei nicht zu interessieren!

Interview: Ulla Hockerts