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Hessen: Die Auferstehung des Roland Koch

Spendenaffäre, Gruselwahlkampf, Stimmenverluste: Eigentlich war Roland Koch schon am Ende. Seine Unterlagen in der hessischen Staatskanzlei hatte der CDU-Politiker bereits gepackt. Doch das Scheitern von SPD-Frontfrau Andrea Ypsilanti beschert ihm ein Comeback. Koch ist sicher: "Wir können die Dinge wieder in Ordnung bringen."

Ein Porträt von Hans Peter Schütz

Das jüngste Wochenende war für Roland Koch das angenehmste seit langem. Beim Saumagen-Essen saß er in Bad Homburg im Hause des Journalisten Hugo Müller-Vogg, mitten in einer politisch bunt gemischten Clique, auch SPD-Bundestagsabgeordnete waren dabei. Schön sei es, sagte der Pressemann, dass der Ministerpräsident da sei. Er wäre ihm allerdings auch ohne Titel willkommen gewesen. Ungewöhnlich sei es dennoch, denn man feiere nicht Ostern und habe gleichwohl einen Mann vor sich, "der in diesem Jahr schon zweimal seine Auferstehung erlebt hat".

Hämmern in der Staatskanzlei

Koch beschreibt seine Stimmung nach der dramatischen politischen Wende in Hessen am liebsten mit einem ganz bescheiden klingenden Satz: "Wir können die Dinge wieder in Ordnung bringen." Was er nicht sagt, aber bei diesen Worten ganz gewiss denkt: Den Wahlkampf zum Jahresauftakt habe ich verloren, der Sturz als Regierungschef schien programmiert - und jetzt bin ich noch immer da. So leicht ist ein Roland Koch nicht wegzuputschen.

Jetzt richtet sich die Koch-Crew wieder in der Staatskanzlei ein. Noch immer stolpert sie über Kisten, gepackt für den Auszug kurz vor dem geplanten Einzug der Andrea Ypsilanti. Während Kochs Sprecher und Alter Ego Dirk Metz am Montag telefonierte, hämmert er gleichzeitig an den Wänden seines Büros herum. "Entschuldigen Sie", brüllte er in den Hörer, "ich haue gerade einen Nagel in die Wand, denn ich bin dabei, mein Zimmer wieder einzurichten." 30 Handball-Wimpel mussten erneut dekorativ aufgehängt werden. Und alle Schalke-04-Fan-Artikel, die der gebürtige Nordrhein-Westfale von seinem Lieblings-Fußballclub über die Jahre gesammelt hat. Nur der Ball mit den Original-Unterschriften der Schalke-Kicker musste in einem der herumstehenden Kartons noch gefunden werden.

Junge Union für Koch

Heile Welt in Hessens Machzentrale. Schenkel klopfend las man die Berichte vom Deutschlandtag der Jungen Union. Wie Angela Merkel lange Zeit keinen Beifall bekam. Erst als sie sich auf Zuruf leicht mühsam den Satz abrang, natürlich werde die Bundes-CDU "unseren Freund Roland Koch nach Kräften unterstützen" bei der Neuwahl am 18. Januar, da tobte die Parteijugend wie wild. Schnell wechselte die Kanzlerin daraufhin das Thema.

Koch neigt nicht zu Gefühlsausbrüchen, nicht in der Niederlage Ende Januar, noch im Blick auf den Triumph, der ihn im nächsten Januar erwarten dürfte. Euphorie erlaubt er sich nicht, nicht einmal beim Blick auf seinen SPD-Gegenkandidaten Thorsten Schäfer-Gümbel, über den die Medien spotten "Thorsten Schäfer-Wer?" und der im Wahlkampf über die Scherben der Andrea Ypsilanti stolpern muss.

Hessen als Modell für den Bund

Natürlich weiß Koch, dass die Demoskopen die hessische SPD derzeit bei 25 Prozent sehen. Und er sieht die psychologischen Probleme der Bundes-SPD sehr genau, die im Jahr der Bundestagswahl gleich eine herbe Schlappe verkraften muss. Ganz zurückgenommen sagt er: "Wir können die Dinge wieder in Ordnung bringen." Aber er will zum Jahresanfang unbedingt ein Signal für die Bundestagswahl im kommenden September setzen: "Wir koalieren mit der FDP, wenn es geht." Man wolle auf der Basis von Schwarz-Gelb eine "stabile Koalition". Das heißt: Hessen wird zum Modell für den Bund erklärt.

Dem Kurz-Wahlkampf sieht Koch entspannt entgegen. Anders als im Januar, wo er und sein Team verzweifelt nach einem Thema suchten, sieht er sich jetzt glänzend bewaffnet - dank des von Ypsilanti ausgehandelten Koalitionspapiers. Ein Beispiel: Bei der letzten Hessen-Wahl habe man versucht, die CDU-Wähler für den drohenden Ausbau des Frankfurter Flughafens zu interessieren. "Die Wahlplakate dafür waren rausgeschmissenes Geld." Jetzt hätten die Wähler den mit Grünen und Linkspartei ausgehandelten Kompromiss vor sich liegen, der den Ausbau um mindestens zwei Jahre verzögert hätte. "Die Ausgangslage ist jetzt eine ganz andere."

Ein Leben nach Merkel

Von kriminellen ausländischen Jugendlichen wird er im Wahlkampf nicht mehr reden. Der Polarisierer Koch wird nicht stattfinden. Sondern ein CDU-Politiker, der soziale Sicherheit predigt, seine Bildungspolitik korrigiert, sich zum Umweltschutz bekennt und zum sachkundigen Umgang mit der Finanzkrise. Über den Grünen-Chef Tarek al-Wazir redet er mit Respekt. Ja, man habe sich mehrfach getroffen und unterhalten. Nein, er sei nicht dagegen, dass inzwischen schwarz-grüne Gespräche bundesweit stattfänden. Den Buhmann Koch, über den selbst führende Parteifreunde in anderen Bundesländern leicht lästern hatten, wird er nicht mehr geben. Er kehrt, wenn er die Wahl gewinnt und die Koalition mit den Liberalen schafft, wieder auf seine Position als erster Mann hinter Angela Merkel zurück. Der Schatten-Kanzler - das ist seine wichtigste politische Option. Denn er ist der älteste unter den "jüngeren" CDU-Spitzenpolitikern. Für einige Monate sah es so aus, als ob er tatsächlich alsbald wieder einmal als Rechtsanwalt arbeiten müsste. Ein kurzfristiger politischer Wechsel nach Berlin oder Brüssel war nicht möglich. Daher ist es schon so, wie Hubert Kleinert, der grüne hessische Professor für Politikwissenschaft sagt: "Andrea Ypsilanti hat ihm ein neues politisches Leben gesichert." Das Lebensziel ist immer noch: Kanzler werden - nach Angela Merkel.

Vorteil Lernfähigkeit

Er wird die unerwartet geschenkte Chance nutzen. Der Korpsgeist der hessischen CDU ist hoch entwickelt. Und noch einmal wird der Mann, der in aller Regel seine jeweilige Situation kühl auf Vor- und Nachteile durchkalkuliert, nicht mehr auf Zuflüsterungen seines Bauchs und der "Bild"-Zeitung horchen, die ihn in einen Wahlkampf verführt hatten, bei dem er nur verlieren konnte. Für ihn war schon immer entscheidend, "wie wir mit unseren Fehlern umgehen". Das verleiht ihm ein besseres Stehvermögen als den meisten konkurrierenden Politikern. Die Untiefen seiner Persönlichkeit wird er so schnell nicht wieder erkennen lassen. Er wird stattdessen immer mal wieder den Satz von Ödön von Horvath zitieren: "Eigentlich bin ich ganz anders, ich habe nur selten Zeit dazu."

  • Hans Peter Schütz