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Holocaust-Mahnmal: Alle "Steine des Anstoßes" stehen

Bei einem Festakt wurde die letzte der rund 2700 Betonstelen des umstrittenen Holocaust-Mahnmal in Berlin gesetzt. Dass das abstrakte Bauwerk nicht jeder mögen wird, ist dem Architekten Peter Eisenman klar.

Die knappe Feier zur Vollendung des Stelenfeldes im umstrittenen Holocaust-Mahnmal in Berlin geriet zur Versöhnungsgeste. Kurz bevor der Kran den letzten der 2.751 grauen Betonquader am Mittwoch an seinen Platz hievte, ergriff Architekt Peter Eisenman aus New York das Wort. "Keine Witze mehr," sprach er am Rednerpult und zog damit einen Schlussstrich unter einen Eklat, den er unbedacht vor neuen Monaten selbst ausgelöst hatte.

"Witz" führte zum Eklat

Ein "Witz" des renommierten Architekten hatte im März in die noch offenen Wunden aus der erbittert geführten Kontroverse um die Anti-Graffiti-Beschichtung der Betonstelen neues Salz gerieben. Die Schutzschicht stammte aus den Laboren der Degussa, die zur NS-Zeit Mutter der Firma war, die auch das Gas Zyklon B für die Vernichtungslager der Nazis hergestellt hatte.

Eisenman hatte ausgerechnet in der damaligen Sitzung des Kuratoriums des Holocaust-Mahnmals erklärt, er sei bei einem Zahnarztbesuch in New York gefragt worden, ob seine - Eisenmans - Goldfüllungen von der Firma Degussa aus den Zähnen ermordeter Juden stammten. Später sagte er, habe mit diesem "ironisch" gemeinten Hieb eine erneute Degussa-Debatte im Keim ersticken wollen, die in der Sitzung wieder aufzubrechen drohte.

Der Schlag traf ihn aber selbst. Der damalige Vorsitzende der Berliner jüdischen Gemeinde, Alexander Brenner, stürmte unter Protest aus dem Saal, mit ihm auch der damalige Berliner Bausenator Peter Strieder (SPD) und Mahnmal-Initiatorin Lea Rosh. "Es war eine peinliche Entgleisung, und alles schwieg betreten", sagte Rosh später. Eisenman habe nichts begriffen, setzte sie hinzu. Brenner erklärte: "Solche infamen Witze auf Kosten der Toten darf man nicht machen. Wir können unmöglich zur Tagesordnung übergehen." Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Paul Spiegel, forderte eine Entschuldigung. Eisenman entschuldigte sich schriftlich beim Vorsitzenden des Stiftungskuratoriums, dem Bundestagspräsidenten Wolfgang Thierse.

Alle standen wieder beisammen

Und nun, bei der Setzung der letzten Stele, standen alle wieder zusammen: Eisenman, Thierse, Rosh und viele andere, die seit Beginn der Kontroversen über das Mahnmal für die ermordeten Juden Europas vor mehr als einem Jahrzehnt dabei sind. Er habe gelernt, sagte Eisenman, dass ein Witz in einem Land in einem anderen Land nicht genauso verstanden werden müsse.

Er sprach von einem "erstaunlichen Tag", der ohne den prinzipienfesten Thierse, ohne Rosh, die manchmal über ihn hinweggewalzt sei, und ohne die jüdische Gemeinde trotz mancher Differenzen nicht möglich geworden wäre. Das mache den Unterschied: "Ohne den Unterschied wäre ich heute nicht hier," fügte er an.

Thierse sagte, der Streit um das Denkmal spreche nicht gegen das Denkmal. Er sagte voraus, dass die Gedenkstätte pünktlich am 10. Mai 2005 eingeweiht werde und dass die Kontroverse auch danach weitergehen werde. Der Bundestag hatte 1999 entschieden, die Gedenkstätte an dieser Stelle in den ehemaligen "Ministergärten" zu bauen. Nicht weit, in der Voßstraße, stand Hitlers Reichskanzlei. Seine Leiche war in der nahen Gertrud-Kolmar-Straße verbrannt worden.

Demonstrationsverbot wird erwogen

Zentraler Bestandteil des Mahnmals ist nach den Plänen Eisenmans das Stelenfeld. Die Quader unterschiedlichster Größe sollen frei begehbar sein. Uniformen und Zäune zum Schutz des 19.000 Quadratmeter großen Geländes soll es nicht geben. Dafür wird ein Demonstrationsverbot erwogen. Gebaut wird noch an einem "Ort der Information". Dieses unterirdische Museum soll an die systematische Vernichtung der Juden während der NS-Diktatur erinnern. Der Kostenrahmen von 27,5 Millionen Euro wird laut Thierse eingehalten.

Frieder Reimold/AP / AP