Horst Seehofer Der Untote erklimmt den Thron


Mehrfach war er politisch schon so gut wie erledigt. Jetzt wird Horst Seehofer zur letzten großen Hoffnung für die CSU: Als bayerischer Ministerpräsident und Parteichef wird er die Geschicke des Freistaats und der Christsozialen künftig lenken. Die CSU holt sich mit ihm einen brillanten Redner, aber auch einen skrupellosen Populisten an ihre Spitze.
Von Tilman Gerwien

Er hat das Unheil kommen sehen. Es war ein merkwürdiger Wahlkampf, in der Erinnerung kommt er Horst Seehofer ein wenig unheimlich vor. Es war ja nicht so, dass die Leute schimpften und pöbelten, nein, das nicht. Aber sie jubelten auch nicht. Sie standen einfach nur da, gleichgültig und stumm, eine amorphe, nicht zu packende Masse Mensch.

"Es ist so schrecklich, was sollen wir bloß machen, hast Du noch eine Idee?", fragten ihn Parteifreunde per SMS. Horst Seehofer antwortete: "Weiterkämpfen. MfG, Horst."

Manchmal machten sich die Leute in den Fußgängerzonen sogar lustig über die CSU, diese große, stolze Partei - seine CSU. Das hat ihn sehr verletzt.

Jetzt ist das Unheil da, die große, stolze Partei hat die absolute Mehrheit verloren, zum ersten Mal seit fast einem halben Jahrhundert, sie ist in einen politischen Albtraum gestürzt - und viele Mitglieder sagen, dass er der Einzige ist, der sie wirklich retten kann. Als Parteichef wird Seehofer den glücklosen Erwin Huber ablösen, zugleicht erbt er vom genauso glücklosen Günther Beckstein das Amt des bayerischen Ministerpräsidenten.

Seehofer ist jetzt 59 Jahre alt, deshalb war es für ihn auch eine letzte Möglichkeit, ganz nach oben zu kommen. Für viele ist er nun die große Verheißung für eine andere CSU: mutig statt zerknirscht, Champions League statt Kreisklasse. Edmund Stoiber, der das Treiben seiner Nachfolger mit einiger Fassungslosigkeit verfolgt, hält diesen Horst Seehofer für das einzige verbliebene Alphatier unter den vielen Betatierchen der Partei. Der sagt vielsagend: "Ein einfaches 'Weiter so' kann es sicher nicht geben."

"Weil ihr es nicht könnt!"

Was Seehofer von Huber und Beckstein hält, hat er ihnen schon vor gut einem Jahr deutlich gemacht. Es war ein Krisentreffen des engsten Führungszirkels, es ging um die Stoiber-Nachfolge. Seehofer wollte schon damals um den Parteivorsitz kämpfen, aber Huber und Beckstein hatten Stoibers Posten längst unter sich aufgeteilt. Die beiden hockten nebeneinander zusammengesunken auf einem kleinen Sofa. Sie wollten von Seehofer wissen, warum er unbedingt auch kandidieren müsse. Seehofer baute sich vor ihnen auf, stolze 1,93 Meter hoch. Von dort oben bellte er dann nach unten: "Weil ihr es nicht könnt!"

Solche Gesten größter Herablassung gibt es viele im Leben des Politikers Horst Seehofer. Sie haben dazu beigetragen, dass selbst jetzt, da die Partei geschlagen und gedemütigt am Boden liegt, Zweifel seine Person umgeben. Er gilt als begnadeter Redner, scharfsinniger Analytiker, schlitzohriger Taktiker, aber auch als gnadenloser Egomane, der seinen Machtwillen nicht immer unter Kontrolle hat. Vielen ist er ein wenig unheimlich.

"Ich kann nicht buhlen, betteln, Netzwerke organisieren", sagt er von sich. "Honneurs machen, den Diener machen, das ist mir so was von zuwider." Er macht nicht den Eindruck, dass er unter diesem Unvermögen besonders litte, im Gegenteil: Immer wieder hat er sich als der große Solitär der deutschen Politik inszeniert. Er ist der Einzige im engsten Führungszirkel der CSU, der seit Jahren ohne Netzwerke und Seilschaften auskommt.

Kampf gegen das (Partei-)Establishment

In elitärer Vereinzelung schaut er auf den Betrieb, der ihn umgibt. Dieser Betrieb stellt sich ihm als großer, wuselnder Ameisenhaufen der Aufgeregtheiten und Eitelkeiten dar. Ab und zu pikst er mit kleinen Gemeinheiten in den Haufen hinein - und freut sich dann, dass tief unter ihm alles noch schneller durcheinanderwuselt. Ein spöttischer Dauerzug hat sich in sein Gesicht eingegraben, er zeigt seine Haltung zur Welt: Auf keinen Fall will er Ameise unter Ameisen sein.

Im Volk sieht er seinen wahren Verbündeten. Unaufhörlich sucht er die Nähe zu den "einfachen Menschen", mit denen er antreten will gegen das (Partei-)Establishment, das ihm bis dato den ihm gebührenden Platz verweigert hatte. Eine "natürliche kollektive Intelligenz" wittert er im Volk, und zu Horst Seehofers unumstößlichen Wahrheiten gehört der Satz: "Sie können auf die Dauer gegen eine Grundströmung in der Bevölkerung keine Politik machen." Große Hallen schätzt er nicht für seine Auftritte, ebenso wenig Fußgängerzonen - nein, am liebsten redet er in Bierzelten. Hier, sagt Seehofer, kriege er die Menschen am besten zu fassen. Keiner kann ihm da so richtig entwischen, bierselig und schwülwarm ist es, und oben steht dann er und versorgt die Leute mit eingängigen, gleichsam handgemachten Weisheiten. "Achtet mir die Bauern! Ein Volk, das seine Axt an die Landwirtschaft legt, legt Hand an seine Zukunft!"

Er reitet Attacken gegen kriminelle Ausländer und Sozialschmarotzer und stellt dagegen das Bild "der Menschen, die frühmorgens aufstehen und ihre Pflicht tun". Dann wieder moduliert seine Stimme in einen Herz-Jesu-Ton, und er spricht von "Gemeinschaftssinn" und "menschlichem Füreinander in der Zeit von Chips und Bits". In diesen Momenten meint man, den kalten Hauch der Globalisierung schon zu spüren, wie er durch die Ritzen des Bierzeltes dringt, aber Seehofer spricht weiter, und es bleibt warm, warm, warm.

Anders etwa als bei Roland Koch erlebt man keine schneidende ideologische Eiferei - eher einen Konservatismus des gesunden Menschenverstands. Dieser Mann ist vielleicht der letzte große Versammlungsredner des bürgerlichen Lagers. Und nur wer kein Bier trinkt und genau hinschaut, registriert den seltsamen inneren Abstand, mit dem er all das macht, die Unbeteiligtheit, ja innere Kälte, mit der er seine Effekte setzt. Er genießt seine Wirkung, steigt ins Auto, und für Momente sieht er dann glücklich aus, glücklich und erlöst.

"In Bayern bin ich gegen Gentechnik"

Auf der Suche nach der vermuteten "Grundströmung in der Bevölkerung", aber auch im Kampf ums eigene politische Überleben, hat sich Seehofer höchst wandelbar in seinen Einstellungen gezeigt. Als Gesundheitsminister kämpfte er für mehr Wettbewerb, jetzt singt er das Hohelied auf die Sozialbürokratie, wie sie ist. Erst war er gegen Merkels Kopfpauschale, jetzt verteidigt er ihre Gesundheitsreform. Früher war er für Gentechnik in der Landwirtschaft, jetzt ist er eher dagegen, genau genommen ist seine Position noch abenteuerlicher: "In Bayern bin ich gegen Gentechnik."

Jede dieser Positionen vertritt er mit dem Pathos lutherischer Überzeugungsgewissheit - hier steht er und kann nicht anders, aber: Dann kann er doch wieder ganz anders. Das macht ihn interessant, aber immer auch zu einer irrlichternden Figur. Man kommt sich von diesem Horst Seehofer schnell ein wenig manipuliert vor. Die CSU dürfte mit ihm nicht nur den vielleicht besten Redner, sondern auch den wohl skrupellosesten Populisten des bürgerlichen Lagers an ihrer Spitze haben.

Ein von der Politik Besessener und oft auch Zerfressener: Als Untoter geistert Horst Seehofer seit Jahren durch den politischen Betrieb. Viermal schon war er fast erledigt: 1998, als er mit der Abwahl Helmut Kohls seinen Posten als Gesundheitsminister verlor. 2002, als eine Entzündung des Herzmuskels ihn fast das Leben gekostet hätte. 2004, als er im Streit um Angela Merkels Kopfpauschale vom stellvertretenden Fraktionsvorsitz in Berlin zurücktrat. Und, unvergessen, 2007, als er mit einem Liebesdrama samt außerehelich gezeugtem Kind monatelang die Öffentlichkeit in Atem hielt. Aber: Jedes Mal ist er wiedergekommen. Er selbst hält das Bild vom Bestatteten, der von innen an den Sargdeckel klopft, für zutreffend. Er kann sich darüber köstlich amüsieren.

Wieder und wieder hat er diese Erlebnisse in der Rückschau mythologisch verdichtet und überhöht. Seehofersche Mythen handeln von Selbstfindung, innerer Umkehr und Wiederauferstehung - aber, und das ist womöglich der Grund für das Unwohlsein, das er seiner Umgebung immer wieder einflößt: Zeigen sie nicht auch Zerrissenheit und fast schon wahnhafte Züge, verweisen sie nicht auch auf eine gewisse innere Haltlosigkeit der Person?

"Meine CSU ist auch mein Leben"

Einiges spricht dafür, dass er die CSU sogar noch mehr braucht als sie ihn. Denn Horst Seehofer ist alles andere als ein Quereinsteiger: 1969 in die Junge Union eingetreten, am Beginn der Willy-Brandt-Ära, ist er wie nur wenige ein Gewächs der großen Staatspartei. Die CSU ermöglichte ihm, dem Sohn eines Lastwagenfahrers und Bauarbeiters, der nur die mittlere Reife hat, den Aufstieg vom Sachbearbeiter im Ingolstädter Landratsamt zum Spitzenpolitiker, der in höchste Staatsämter vordringt. "Ich lasse mir diese Partei nicht kaputt machen", hat er vor einigen Tagen, mitten im Bayern-Wahlkampf, einmal gesagt. "Weil meine CSU auch mein Leben ist."

Horst Seehofer ist Fleisch vom Fleische der Partei - er teilt mit ihr das Denken in den Kategorien von 50-Prozent- und 60-Prozent-Mehrheiten, damit aber auch das Hypernervöse, das sie auszeichnet, all die bis ins Hysterische gesteigerten Ängste im Angesicht des tatsächlichen oder vermeintlichen Volkswillens. Politik hat in diesem Denken und Fühlen nur begrenzt die Aufgabe voranzugehen und zu gestalten, vielmehr muss sie den Menschen und ihren Vorstellungen, vor allem denen von "Gerechtigkeit", nachspüren, nachfühlen und nachsetzen.

Der Parteitag im Juli, auf dem CSU-Delegierte in kollektiver Amnesie der Kanzlerin zujubelten, war für ihn der Anfang der Selbstunterwerfung der CSU unter die Herrschaft der Angela Merkel. Schon vor seiner Nominierung hatte er angekündigt, dass er - wenn er die Partei übernehmen sollte - "eine feinsinnige Auseinandersetzung mit den Lebensängsten" führen würde. Er will sie sozialkatholischer ausrichten - hin zu einer Art Konservatismus von links.

Seehofer, der Prediger

Vor einigen Wochen hatte Horst Seehofer einen Auftritt in Vilshofen. Die Landwirte dort leiden unter dem Maiswurzelbohrer, einem Schädling, der sich rasant ausbreitet - die Gegend ist Quarantäne Quarantänegebiet. Nach dem Auftritt trafen sie sich mit dem Minister im Klubhaus des Fußballvereins. Noch bevor sie richtig schimpfen konnten, zog der eine Verordnung aus der Tasche, die das Gebiet als "natürliche Befallszone" ausweist und den weiteren Anbau von Mais erlaubt. Denn: "Die Natur lässt sich nicht mit Paragrafen vorschreiben, wie sie sich zu verhalten hat." Die Bauern klopften auf die Tische.

Draußen vor der Tür sagte Horst Seehofer: "Sehen Sie, so macht man das!"

Ja, so macht man das. So stellt er auch die aufgebrachten Milchbauern ruhig, die ihn vor der Agrarministerkonferenz in Meißen abfangen und dann immer wieder applaudieren, während er in ihrer Mitte steht und wie ein Pfarrer predigt. So etwas muss man als Landwirtschaftsminister erst mal hinbekommen. Aber so funktioniert für ihn Politik, sie geht nicht voran und beansprucht Führung, nein, sie ist der große Kümmerer der Bürger und betüdelt die Menschen. "Wir können die Menschen doch nicht im Stich lassen", sagt Seehofer. Er bewegt sich damit in der Tradition eines paternalistischen Politikverständnisses, das typisch ist für seine Partei, die über Jahrzehnte immer auch ein leicht zynisches Bild vom Menschen hatte, weil sie ihn letztlich für beliebig korrumpierbar hält: Man muss ihm nur das zu fressen geben, was er fressen will - dann macht er am Wahltag das Kreuz schon an der richtigen Stelle.

Bewährungsprobe für den Menschenfänger

Natürlich wird er als Parteichef am Aschermittwoch in Passau endlich wieder richtige Reden halten - reden, dass es nur so donnert. Doch längst hat sich die Moderne in Bayern vorgefressen, die Menschen sind emanzipierter, kritischer, politisch beweglicher geworden. Ob er als Menschenfänger auch die Moderne wieder einfangen kann? Oder ist er nicht doch auch ein Gefangener des politischen Betriebs, den er so verachtet, dessen Beschränktheiten und Einseitigkeiten er aber ebenso wenig entkommt? Das bürgerliche Lager hat sich aufgefächert in unterschiedlichste Interessengruppen und Lebenswelten - kann so einer wie er diese für die CSU wieder zur absoluten Mehrheit zusammenführen?

Wer mit ihm unterwegs ist, lernt einen geistreichen, amüsanten Plauderer kennen, stellt jedoch auch bald eine eigenartige Form von Interessenarmut fest. Ja, es gibt eine Märklin-Modelleisenbahn im Keller. Ja, er dreht ab und zu Runden auf seinem Motorroller. Doch das Gespräch versickert schnell, wenn es nicht um Politik geht. Auf dem Nachttisch zu Hause liegt das Buch "Welt mit Zukunft - Überleben im 21. Jahrhundert" von Franz Josef Radermacher. Er liest es nicht zur geistigen Erbauung, sondern weil er wissen will, was die Menschen von der Politik erwarten.

"Mein liebster Aufenthaltsort ist der Wald", erzählt er, "da treffe ich nur Wildschweine und Waldbesitzer." Solche kleinen Rückzüge sind allerdings eher selten. Manchmal macht er sich, getarnt mit Käppi und Sonnenbrille, auf zum Brötchenholen. Die Leute erkennen ihn trotzdem. Er scheint sich über diese Tatsache mehr zu freuen, als dass er sie bedauert.

Süchtig nach dem Politikerleben

"Natürlich bin ich auch süchtig nach dieser Art zu leben", gibt er zu. Aber er versichert, dass er jetzt 59 ist, da seien die Jahre des Sturms und Drangs vorbei. Also ruhig bleiben jetzt! Cool bleiben! Geschickt lavieren im Machtgeflecht der CSU, den blitzenden Machtinstinkt aus den Augen vertreiben. Den Ameisenhaufen immer schön unter sich lassen. Er macht sich keine Illusionen darüber, dass sich das große Gewimmel, das ihn gleichermaßen abstößt wie fasziniert, irgendwann auch mal gegen ihn kehren könnte.

"In der Politik stehen Sie so lange vorne, wie Sie nützlich sind", hat Horst Seehofer einmal gesagt. "Wenn Sie nicht mehr nützlich sind, dann ist Politik grausam."

Mitarbeit: Georg Wedemeyer

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