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Illners Krisen-Talk: Dauerklingeln in der Verbraucherzentrale

Maybrit Illners ZDF-Talkrunde zur Finanzkrise hat gezeigt, wer die wahren Helden dieser Tage sind: Nicht die Politiker, die sich in Schuldzuweisungen ergehen, nicht die Banker, die ihre Verantwortung kleinreden. Sondern die Verbraucherzentralen, die sich um verängstigte Sparer kümmern.

Von Mandy Schünemann

Normalerweise ist an seiner Mimik zu erkennen, ob die Kurse rauf oder runter gehen. Aber diesmal hatte er nur wenige Falten auf der Stirn. Dirk Müller, auch bekannt als "Mister Dax", hätte sein Gesicht auch gar nicht so stark verziehen können, wie es die Finanzkrise derzeit erfordert. Wie sieht es an den Börsen aus?, wollte Maybrit Illner in ihrem ZDF-Talk am Donnerstagabend wissen. "Ich glaube, das wollen sie nicht wirklich sehen", antwortete der Frankfurter Börsenmakler. Denn für die Zukunft sieht Müller schwarz. Auch wenn sich direkte Vergleiche verböten: Wir befänden uns in einer ähnlichen Situation wie 1929. Keiner hat Erfahrung, keiner kann die Krise einfach so stoppen. "Das ist eine Operation am offenen Herzen von einem Chirurgen, der das zum ersten Mal macht." Gute Nacht.

Umso wichtiger schienen Müller die Sorgen der ganz normalen Sparer. Er sei sicher, dass sie häufig nicht wüssten, in was sie investieren. Deshalb müssten sie darüber aufgeklärt werden, was mit ihrem Spargroschen passiert. Da nickte auch Otto Fricke (FDP), der Vorsitzende des Haushaltsausschusses im Deutschen Bundestag. Die beiden hatten den Zweck der Sendung verstanden. Umso peinlicher, dass Müller mit Sprache und Handzeichen dauernd um sein Wort kämpfen musste. Dabei wollte er doch nur das Einlagensicherungssystem kurz erklären - und kritisieren, dass der Schutz zwar "klasse" sei, aber auch kein "Vollkaskoschutz" existiere, wie es vor Verbrauchern oftmals dargestellt wurde.

Hubertus Heil macht Wahlkampf

Hubertus Heil, SPD-Generalsekretär, gingen die Predigten von Müller gewaltig gegen den Strich. "Sie haben genug geredet!", rief er dazwischen. Jetzt wollte er auch mal was sagen - und ein bisschen Parteipolitik machen. Also zog er das FDP-Wahlprogramm aus seiner Jackett-Innentasche. Von Deregulierung sei dort die Rede - völliger Quatsch, meinte Heil. Er plädierte für ein ordentliches Krisenmanagement und Krisenprävention. In Zukunft müssten die Banken ihre Kreditrisiken stärker mit eigenem Kapital unterlegen, außerdem dürfe man nicht nur moralisch an Manager appellieren. Der kritische Blick ging an seinen Gegenspieler: Otto Fricke.

Der FDP-Politiker schien Heils Vorwürfe auf die leichte Schulter zu nehmen. Er war der Einzige - neben Maybrit Illner - der ab und zu lächelte. Er verglich Merkels Staatsgarantie für Spareinlagen mit der Aussage von Norbert Blüm, die Rente sei sicher. "Einfach nur ein Wort zu sagen, reicht auf Dauer nicht", warf Fricke in die Runde. Er brauche eine konkrete Gesetzesvorlage. Dafür wäre wohl auch Verbraucherschützerin Irmgard Czarnecki. Denn in der Bremer Verbraucherzentrale, berichtet sie, klingele zurzeit ständig das Telefon. Ist mein Sparbuch sicher? Was ist mit meiner privaten Altersvorsorge? Fragen über Fragen. Und die Verbraucher würden einfach von der Regierung alleine gelassen.

Verbraucherschützer als Helden

Czarnecki stellte deshalb klare Forderungen auf: Es muss ein besseres Sicherungssystem her, vor allem wenn es um die Altersvorsorge geht. Letztendlich habe die Politik die Menschen animiert, auch privat etwas beiseite zu legen. Berater dürften zudem nicht im Sinne der Bank, sondern nur zugunsten des Verbrauchers beraten. Und die Manager müssten bei einer Falschberatung zur Verantwortung gezogen werden.

Peng. Endlich mal eine harte Ansage. Die Verbraucherschützer, das wurde im ZDF-Talk klar, sind die wahren Helden dieser Tage. Sie schwadronieren nicht, sondern kümmern sich.

"Die Kunden sind schuld"

Wie nicht ganz von dieser Welt wirkte der Sozialethiker Friedrich Hengsbach, der sich in Appellen erging. Die nationalen Regierungen seien jetzt gefordert, allerdings müssten sie auch international kooperieren. Aha. Außerdem empfinde er die Dramatik in der Finanzkrise als ein wenig "imaginär". Bei ihm trat Maybrit Illner übrigens in ihr erstes Fettnäpfchen: Sie hielt Hengsbach anscheinend für ein bisschen älter, als er ist. So hätte er als "kleiner Junge" ja noch die Krisenjahre 1929 und 1930 miterlebt. Doch der Wissenschaftler korrigierte: Er wurde erst 1937 geboren.

Überhaupt Illner: Sie war mal wieder nicht Herrin ihrer Runde. Niemand hörte ihr richtig zu - außer bei der Einleitung und beim Schlusssatz. So zogen ihre Worte auch am Präsidenten des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes, Heinrich Haasis, einfach so vorbei, er ließ sich bei seiner Selbstrechtfertigungs-Arie einfach nicht reinreden. Der Vorwurf, die Kunden seien beim Kauf von Zertifikaten der Pleitebank Lehman-Brothers nicht anständig beraten worden, wies Haasis einfach zurück. Es war nämlich, hört, hört, die Schuld der Kunden. "Keiner hat an den alten Grundsatz geglaubt: Wo mehr Rendite drin ist, ist auch mehr Risiko."