INTERVIEW »Schwul, na und? Hauptsache, er macht gute Politik«


SPD-Generalsekretär Franz Müntefering hat eine lesbische Tochter und rät schwulen Kollegen: Outet euch! Es hilft allen.

SPD-Generalsekretär Franz Müntefering hat eine lesbische Tochter und rät schwulen Kollegen: Outet euch! Es hilft allen

Herr Müntefering, Ihre Tochter Mirjam hat Ihnen vor zwölf Jahren offenbart, dass sie lesbisch ist. Wie haben Sie reagiert?

Gelassen. Ich habe ihr gesagt: Mach dir keine Sorgen, das ist in Ordnung.

Sie waren kein bisschen geschockt?

Nein. Ich war natürlich überrascht. Aber man muss jedem Menschen zugestehen, dass er seine Eigenarten hat. Das kann auch heißen, lesbisch zu sein. Ich hatte damit nie Probleme und bei meiner Tochter schon gar nicht.

Keine Angst, dass Ihnen eine lesbische Tochter politisch schaden könnte, gerade in Ihrer konservativen Heimat Sauerland?

Die Angst hatte ich nicht, die würde ich aber auch aushalten. Ich glaube übrigens, dass unsere Gesellschaft in dieser Frage toleranter ist, als manche unterstellen. Wenn man offen mit Homosexualität umgeht, wird das durchaus akzeptiert.

Sagen Sie homosexuell oder schwul und lesbisch?

Schwul bei Männern und lesbisch bei Frauen. So wie die das auch sagen.

Sind Sie durch Ihre Tochter toleranter geworden?

Im Gespräch mit Mirjam ist mir erst klar geworden, dass es für junge Menschen außerordentlich schwer ist, den Weg zu finden, mit ihrer Homosexualität umzugehen. Dass es viel Unsicherheit gibt, weil sie nicht wissen, wie Eltern, Freunde und

Bekannte reagieren. Das war mir vorher nicht bewusst. Deshalb rede ich auch darüber. Wenn wir es ernst meinen mit Gerechtigkeit, Solidarität und Freiheit, müssen wir allen helfen, dass sie selbstbewusst mit ihrer Homosexualität umgehen können. Das ist keine Schande, nicht mal was Besonderes.

Vor einem Jahr hat Ihre Tochter in einem »Emma«-Interview geklagt, der SPD fehle eine »medienwirksame Persönlichkeit wie Volker Beck von den Grünen«, um Homosexuelle besser anzusprechen. Hat sie die nun mit Klaus Wowereit?

Ja. Er hat auf sympathische Art für Klarheit gesorgt. Er sagt allerdings: Ich bin ein Schwuler, der Politik macht, und kein Schwulenpolitiker. Ich werde mit meiner Tochter telefonieren. Ich bin mal gespannt, was sie meint.

Seit wann wissen Sie, dass der neue Berliner Bürgermeister schwul ist?

Seit vier, fünf Monaten.

Fürchten Sie, dass das der SPD im Wahlkampf schaden kann?

Das wird nicht schaden. Klaus Wowereit hatte offensichtlich das Gefühl: Ich muss da klar Schiff machen, damit das nicht im Hintergrund gegen mich verwendet werden kann. Damit hat er seiner Partei auch Sicherheit gegeben. Das war ein Zeichen von Souveränität. Es mag sein, dass aus einem 105-prozentigen Konservativen nun ein 110-prozentiger wird. Aber Grenzwähler werden damit leben können. Das ist ein Thema von Vorvorgestern.

Der Arbeiter im Wedding dürfte aber kaum in Begeisterung ausbrechen.

Gerade der Malocher weiß, dass das Leben bunt ist. Man darf nur nicht zulassen, dass darüber im Dämmerlicht getuschelt wird.

Der gemeine Genosse hat weniger Probleme mit Schwulen als Christdemokraten?

Ich glaube nicht, dass es da große Unterschiede gibt. Ich komme ja aus einer katholischen Tradition, für mich ist ein anderes Beispiel sehr lehrreich gewesen: die Debatte um die Abtreibung. Da hat mancher oben auf der Kanzel gestanden und gepredigt. Und die Gläubigen unten in der Kirche haben sich ihren Teil gedacht. Sie waren menschlicher im Umgang miteinander als die Prinzipienreiter.

Sie beschwören eine tolerante Gesellschaft. Parteichef Schröder hatte aber ordentlich Muffensausen, die SPD-Klientel könnte ihm die Homo-Ehe verargen.

Da wissen Sie mehr als ich.

Sogar das kann vorkommen.

Dass die Parteiführung sich fragen muss, wie eine Entscheidung in der Bevölkerung ankommt, ist doch selbstverständlich. Vor allem, wenn ein Gesetz so auf den Bauch geht. Aber da fühlte ich mich ganz sicher.

Was halten Sie dann von der Einschätzung Ihres Verteidigungsministers Rudolf Scharping, Schwule seien als Ausbilder bei der Bundeswehr nicht geeignet?

Das ist leider Tradition in dieser bisher reinen Männergesellschaft Bundeswehr. Ich sehe das nicht so.

Wowereit hat nach seinem Outing gesagt: »Damit ist das Thema hoffentlich erledigt.« Ist das mehr als ein frommer Wunsch?

Er sagt, das ist mein Privatleben – damit hat er Recht. Das Liebesleben von Politikern sollte keine Rolle spielen. Der Bürgermeister von Paris ist auch schwul, na und? Hauptsache, er macht gute Politik.

Würden Sie Wowereit auch raten, sich zu outen, wenn er Ministerpräsident in Nordrhein-Westfalen werden wollte?

Man baut damit Vertrauen auf, und es wird nicht getuschelt. Einer, der in diesem Punkt sagt, was Sache ist, sagt auch an anderer Stelle die Wahrheit – so sehen das die Menschen.

Das klingt ja fast wie ein Angriff auf die Politiker, die sich nicht outen.

Nein, das muss jeder selbst wissen. Ich glaube aber, dass Schwule und Lesben in der Politik sich, ihrer Partei und der Öffentlichkeit helfen können, wenn sie daraus kein Geheimnis machen. Schaden würde es ihnen jedenfalls nicht, davon bin ich fest überzeugt.

Im Bundestag sitzen mindestens 20 Schwule, aber nur drei bekennen sich. Warum versteckt sich die große Mehrheit?

Das ist keine Frage von Verstecken. Manche möchten nur nicht darüber sprechen. Ich halte auch nichts davon, dass nun alle auf den Markt gehen und rumschreien, was ihre speziellen sexuellen Bedürfnisse oder Eigenarten sind.

Deformiert das heimliche Sexualleben, das Versteckspielen nicht auf Dauer?

Man sollte jenen, die sich nicht outen, keine charakterlichen oder persönlichen Verformungen unterstellen. Da muss jeder seinen eigenen Weg finden. Es gibt auch andere Formen von Sexualität, wo es schwierig ist, sich zu outen. Da kennt man auch Leute, die betroffen sind.

Wovon sprechen Sie? Bisexualität? SM?

Ich verstehe, wenn jemand nicht möchte, dass das bekannt wird. Man muss sich bewusst sein, dass das von Natur so ist und sich die Menschen gar nicht entscheiden können. Das ist wie mit Linkshändern.

Würden Sie sich denn auf jeden Fall selbst outen?

Ich bin hinreichend geoutet als zum zweiten Mal verheiratet. Keine Ahnung. Aus heutiger Sicht würde ich sagen: Ja. Aber das ist nicht wichtig. Entscheidend ist, wie Betroffene das erleben: wenn Papa und Mama sich schämen, wenn es in der Verwandtschaft nicht zugegeben wird, wenn es die Nachbarn stört.

Apropos stören: Läuft alles nach Plan, ist Klaus Wowereit ab November Bundesratspräsident und damit Stellvertreter von Johannes Rau. In der Funktion hat er offizielle Termine wahrzunehmen, auch im Ausland. Normalerweise tauchen Politiker dabei mit Frau auf.

So wie ich Klaus Wowereit einschätze, wird er ganz souverän damit umgehen. Da ist eben ein Platz mehr am Tisch für jemand anderes, was soll?s.

Ex-Bundespräsident Herzog sagte zu seinen Wieder-Heiratsplänen: »Bei den vielen, gerade auch ausländischen Verpflichtungen kommt man ohne Frau häufig nicht durch.«

Das zeigt nur die Hilflosigkeit der Männer, sonst aber auch nichts.

Würden Sie Wowereit empfehlen, seinen Partner zu Empfängen mitzunehmen?

Das müssen die beiden wissen, vor allem aber der Partner. Wenn sie zusammen auftauchen, ist es in Ordnung. Wenn nicht, auch. Ich würde keiner Frau oder keinem Mann zumuten, als schmückendes Beiwerk parat zu stehen.

Hat ein Spitzenpolitiker überhaupt noch die Chance, sein Privatleben abzuschotten?

Manche schaffen es, das einigermaßen herauszuhalten.

Obwohl die Versuchung groß ist, es für politische Zwecke zu instrumentalisieren?

Es gibt natürlich eine Chance. Man kann mit guten Home-Storys die Sympathie-Kurve heben. Das ist auch keine Schande. Politiker sind eben auch nur Menschen.

Man darf nur nicht jammern, wenn man die Geister, die man in guten Zeiten gerufen hat, in schlechten nicht mehr los wird.

Ich bin dankbar dafür, dass ich eine private Ecke habe, wo ich in Jeans, T-Shirt und Turnschuh marschieren kann.

Wie weit haben die Wähler ein Recht darauf zu erfahren, wen sie wirklich wählen?

Einen Anspruch des Wählers, dass man seine privatesten Dinge offenbart, gibt es nicht. Entscheidend ist, welche Politik jemand vertritt, nicht, welche sexuellen Neigungen er hat.

Können Sie sich vorstellen, dass Deutschland von einem schwulen Kanzler oder einer lesbischen Kanzlerin regiert wird?

Wenn das jetzt nicht so interpretiert wird, dass da bald eine Veränderung ansteht, dann sage ich: Na klar. Im Prinzip sind Lesben und Schwule für alles geeignet – sogar als Papst.

Interview: Andreas Hoidn-Borchers/Lorenz Wolf-Doettinchem


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