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Bundestagswahl 2017: Jens Spahn: Mission Kanzler

Jung, schwul, konservativ. Jens Spahn geht seiner Parteichefin Angela Merkel schwer auf die Nerven. Auf seinem Weg nach ganz oben muss das kein Nachteil werden. Porträt eines Angriffslustigen.

Jens Spahn

Jens Spahn, Staatssekretär im Bundesfinanzministerium und CDU-Präsidiumsmitglied

Britische Botschaft in , Defilee für die Queen. Zwei junge Männer in eng geschnittenen Anzügen warten brav in der Schlange. Als sie endlich an der Reihe sind, begrüßt Elizabeth II einen von ihnen: "Mr Secretary ..."

Weiter kommt sie nicht.

Der andere geht gleich dazwischen: "Ihre Majestät, ICH bin der Staatssekretär!"

Na gut, so etwas kann schon mal passieren auf dem Weg nach oben.

Dabei ist , der Mann, den die Queen nicht auf Anhieb erkannte, keiner, der in eigener Sache die Trauben besonders niedrig hängt. Als er vor fast 20 Jahren auf dem Gymnasium von seiner Französischlehrerin nach seinem Berufswunsch gefragt wurde, gab der Pennäler keck an: "Bundeskanzler". Mittlerweile stellt sich der Eindruck ein: Ganz aus den Augen verloren hat er dieses Ziel seitdem nicht mehr.

Jens Spahn ist in der CDU der Mann, der nach Merkel kommen wird

Dies ist die Geschichte von einem ambitionierten Mann, und sie hat eine ambitionierte These: Jens Spahn wird – Bundeskanzler. Nein, nicht mehr in diesem Jahr, aber eben auch nicht in allzu weiter Ferne. Er ist in der CDU der Mann, der nach kommen wird. Er wird Ursula von der Leyen überholen. Und Thomas de Maizière auch. Okay, das Leben bietet genügend Raum für Irrungen und Wirrungen. Die Politik zumal. Aber ist das jetzt nicht zu dick aufgetragen? Spahn Kanzler? Ist das nicht so, als ob, sagen wir, Preußen Münster demnächst auch mal Deutscher Fußballmeister werden könnte?

Wer das alles für absurd hält, kann hier gern aufhören zu lesen.

Andererseits: Leicht zu übersehen ist dieser 1,91-Meter-Hüne mit Schuhgröße 49 ja nun wahrlich nicht. Hände wie Bratpfannen, breitschultrig, die Arme muskelbepackt, was daran liegt, dass er gegen den Rat seines Fitnesstrainers lieber Gewichte stemmt, als auf dem Laufband Meter zu machen. Der Rest? Wuchernde Geheimratsecken, tief hinein ins modisch kurz geschorene Haar, davor eine hippe Brille. Doch davon später.

Machen Sie eine typische Handbewegung. Ja, dieser Mann will tatsächlich Kanzler werden: Jens Spahn in Berlin

Machen Sie eine typische Handbewegung. Ja, dieser Mann will tatsächlich Kanzler werden: Jens Spahn in Berlin

Jens Spahn ist in der . Aber das sieht man ihm nicht unbedingt an. Er erinnert entfernt an den Kultregisseur Quentin Tarantino. Das ist der mit den Massakern ...

Klappe, die Erste. Spahn, der Angriffslustige. Verden an der Aller. Ein auf niedersächsische Gemütlichkeit gepeitschtes Wirtshaus. Kellnerinnen mit dicken Oberarmen tragen Teller mit deftigem Grünkohl und Würsten durch den Saal. Wir erwähnen das, weil längere Texte, selbst wenn sie von längeren Menschen handeln, schon früh eine aktuelle Kennenlernszene brauchen.

Spahn ist ständig auf der Suche nach der Abrisskante zu den Sozis

Spahn, der Grünkohl, die örtliche CDU, die ihn als "Freund der klaren Sprache" und irgendwie auch als Merkel-Gegenmodell eingeladen hat – es passt. Eine Dreiviertelstunde läuft der Mann wie ein Entertainer durch den Saal, geht mal in die Hocke, hält mal sein Handy in die Höhe, hat spürbar Spaß am eigenen Auftritt. Hören wir mal einen Moment rein, gerade greift er nämlich an, den Kanzlerkandidaten der anderen, der die Agenda 2010 verändern will. "Wo hat sich dieser Schulz eigentlich all die Jahre versteckt, dass er den Erfolg der Reformen nicht mitbekommen hat?" Den Sozis mal richtig eins auf die Mütze geben – das kommt an in der niedersächsischen Provinz.

So geht das in einer Tour. Spahn ist seit Monaten schon ständig auf der Suche nach der Abrisskante zu den mitregierenden Sozis. Schließt SPD-Kandidat Schulz im Wahlkampf die Anhebung des Renteneinstiegsalters kategorisch aus, twittert Spahn prompt: "Wie hieß noch der mutige Mann, der die Rente mit 67 eingeführt hat. Ach ja, Franz Müntefering. Damals waren SPD und Realität noch versöhnt." Gratuliert Schulz dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron zum Wahlsieg, twittert Spahn süffisant: "Macron plant übrigens genau die Liberalisierung f frz. Arbeitsmarkt, die Sie in D zurückdrehen wollen. Sie finden Reformen nur woanders gut?" Mittlerweile funktioniert das gegenseitige Feindbild schon ganz gut. "Ich kann einen Nationalkonservativen wie Jens Spahn aus der CDU verstehen, dass er mit uns nicht koalieren will", giftete Außenminister Sigmar Gabriel im stern-Gespräch zurück. Spahn will nämlich nicht nur den Verteidigungsetat erhöhen, sondern "dafür etwas weniger die Sozialleistungen erhöhen".


Angela Merkel wankte ein paar Wochen, wirkte angeschlagen, ausgerechnet zu Beginn des Wahljahres

Ja, stimmt, leicht zu überhören ist dieser 37-jährige Katholik mit Hang zum konservativen Hardlinertum nicht. Denn erstens sitzt er oft genug in Talkshows rum, gern sonntagabends bei Anne Will zum Beispiel oder montags bei Frank Plasberg. Und zweitens nimmt er, schon aus ur eigenstem Interesse, in strategisch aussichtsreichen Momenten kein Blatt vor den Mund. Auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise spricht er von "einer Art Staatsversagen". Die CDU dürfe nicht länger als die Partei "der alten weißen Männer" wahrgenommen werden. All das macht ihn, drittens, absolut TV-tauglich. Und viertens unbequem.

Noch gut gelaunt in Essen: Später düpiert Spahn die Kanzlerin auf dem CDU-Parteitag

Noch gut gelaunt in Essen: Später düpiert Spahn die Kanzlerin auf dem CDU-Parteitag


Auf dem CDU-Parteitag in Essen im Dezember vergangenen Jahres gelang es Jens Spahn beim heiklen Thema doppelte Staatsbürgerschaft, eine Mehrheit in der Union gegen die eigene Parteivorsitzende zu mobilisieren. Angela Merkel war düpiert. Man kann das Putsch nennen, Kurswechsel oder, in Anlehnung an Tarantino, ein Mini-Massaker. Es war jedenfalls etwas, was man eigentlich nicht tut. Nicht, wenn man im Präsidium der CDU sitzt. Und Jens Spahn sitzt im Präsidium der CDU.

Angela Merkel wankte ein paar Wochen, wirkte angeschlagen, ausgerechnet zu Beginn des Wahljahres. Der Prozess der Entfremdung von der eigenen Partei hat begonnen. Spahns Essener Attacke war für viele so etwas wie der längst überfällige Startschuss dazu. Die CDU ist wieder auf dem Weg nach rechts und auf der Suche nach potenziellen Führungsfiguren für die Post-Merkel-Ära. Womit wir wieder am Anfang wären. Bei Jens Spahn.

Viermal hat Jens Spahn seinen Wahlkreis direkt gewonnen

Spahn hat in Essen keine zwei Minuten für seine Attacke gebraucht. Das Verhältnis zur Kanzlerin ist seitdem abgekühlt.

Wenn man sieht, wo andere, die später Kanzler wurden, mit Mitte 30 waren, dann muss man sagen: Der Mann hat es vergleichsweise weit gebracht. Angela Merkel etwa sah in diesem Alter noch reichlich verhuscht aus, trug Topfschnitt, wallende Röcke, war Pressesprecherin einer längst vergessenen Partei namens Demokratischer Aufbruch. Gerhard Schröder war Anwalt, raubauziger Juso-Chef und machte gerade seinen ersten Schnupperkurs im Bundestag. Dies mal nur nebenbei.

Jens Spahn aber sitzt schon seit 15 Jahren im Hohen Haus. Viermal hat er seinen Wahlkreis direkt gewonnen, 2013 mit 52 Prozent der Erststimmen. Er ist fast schon ein Urgestein. Man kann sagen, er war in den vergangenen Jahren ständig in Bewegung, hat sich in Themen vertieft, sich positioniert, sich profiliert. Vielleicht ist Friedrich Merz, der ehemalige Fraktionschef der Union, deshalb die bessere Bezugsgröße für die Aufstiegschancen von Spahn als Merkel oder Schröder.

Party-People: Jens Spahn und sein Lebenspartner Daniel Funke hätten gern ein Kind

Party-People: Jens Spahn und sein Lebenspartner Daniel Funke hätten gern ein Kind

Spahn ist eine Art Merz 4.0 der CDU. Er stammt auch aus NRW, ist fast genauso konservativ, rhetorisch ähnlich geschliffen, machtfixiert, sogar die Geheimratsecken ähneln ein bisschen denen des Sauerländers, der einst als größtes politisches Talent in der Union galt, im parteiinternen Machtkampf mit Angela Merkel aber irgendwann den Kürzeren gezogen hat. Spahn jedoch hat einen Vorteil. Er stammt nicht, wie Merz, aus der Generation Merkel, er gehört zur Nachfolgegeneration. Zur Zukunft der Partei.

Längst hat sich Jens Spahn auf der Berliner Bühne eingerichtet. Er hat Koalitionsverhandlungen geleitet, sich ausgerechnet gegen den Merkel-Intimus Hermann Gröhe ins CDU-Präsidium geboxt, obwohl ihn viele verhindern wollten. Seit gut zwei Jahren ist er Parlamentarischer Staatssekretär im Finanzministerium unter Wolfgang Schäuble – ein Karriereschub. Das erweitert sein Themenspektrum, bringt internationale Kontakte und hört sich auf Englisch sogar noch bedeutsamer an: Deputy Finance Minister.

Schäuble ist seit Langem so etwas wie das zweite Machtzentrum in der CDU

Anfang des Jahres war Schäubles Deputy einer der Ersten, die über den großen Teich flogen, um beim "transition team" Donald Trumps auszuloten, wie der neue US-Präsident die (Finanz-)Welt sieht. Spahn findet – Achtung! –, Trump habe in vielen Dingen gar nicht so Unrecht. Mainstream geht anders.

Die Nähe zu Wolfgang Schäuble ist kein Fehler. Schäuble ist seit Langem so etwas wie das zweite Machtzentrum in der CDU. Spahn hat in ihm einen Mentor. Mutig nennt der seinen "Kollegen aus der jüngeren Generation". Vor einiger Zeit hat der Alte den Jungen ganz besonders nobilitiert. Spahn gehöre "ganz unbestritten zur erweiterten Führungsspitze der Union". Schäuble: "Wir brauchen solche Leute."

Das will was heißen.

Oder etwa nicht, Herr Spahn?

Die Nachwuchshoffnung der CDU sitzt an einem extrem trüben Mittwoch in einer Art halbem Schneidersitz in seinem Staatssekretärsbüro im Bundesfinanzministerium in Berlin. Er windet sich plötzlich ein bisschen. Einerseits hat Schäuble im Spahn'schen Sinne grundsätzlich recht. Andrerseits zieht so ein Lob die Neider an wie Motten das Licht. "Die Zahl derer, die hören wollen, wie toll Spahn ist", sagt Spahn, "ist doch sehr überschaubar." Er kennt seine Pappenheimer.

Jens Spahn, eigentlich bekennender Anhänger eines schwarz-grünen Bündnisses und Mitglied der sogenannten Pizza-Connection, hat es seit einiger Zeit ziemlich präzise geschafft, exakt jene Themen zu besetzen, die Merkel in der jüngsten Vergangenheit rechts hat liegen lassen: Verhältnis zum Islam, Burkaverbot, Kinderehen. Er sieht mit Sorge, dass sich die Mitte der Gesellschaft nach rechts verschoben hat. Er will die verlorene Mitte für die Union zurückgewinnen.

Sieh da, ein Konservativer!

"Ein liberal Konservativer", verbessert Spahn.

Spahn erzeugt Reibung. Das gab es in der Partei schon lange nicht mehr

Klappe, die Zweite. Spahn also, der liberal Konservative. Ist er einer – oder tut er nur so? Jedenfalls ist er konservativer als Merkel. Das will was heißen in der CDU. Spahn erzeugt Reibung. Das gab es in der Partei schon lange nicht mehr.

Sein Aufstieg begann 2001. Die Art, wie er begann, sagt viel aus über Spahns Zielstrebigkeit. In seinem Heimatort Ahaus an der niederländischen Grenze entstand ein neuer Wahlkreis, Steinfurt 1-Borken 1. Spahn saß, gerade Angang 20, im Stadtrat, leitete die heimische Junge Union, hat in jener Zeit an vieles gedacht, nicht aber daran, dass es mit dem Bundestag so schnell gehen könnte. Plötzlich lockte ein sicheres Mandat. Das Münsterland gilt als "Mistbeet" der CDU, gut gedüngt, stabile Mehrheitsergebnisse, wenn man sich nicht komplett dämlich anstellt. Damals allerdings hatte der örtliche CDU-Fürst Karl-Josef Laumann bereits einen Parteisoldaten für den neuen Wahlkreis ausgesucht. Mehrheit an der Parteibasis garantiert.

Doch Spahn beackerte das Münsterland in eigener Sache, besuchte gegnerische Delegierte, bearbeitete sie. Vor der entscheidenden Abstimmung sagte er den entscheidenden Satz: "Ich weiß, ich bin jung, aber dieses Argument wird jeden Tag schwächer."

Spahn gewann.

So lief es immer. Immer gab es einen Gegner. Immer musste Spahn kämpfen. Und immer bereitete er sich gewissenhaft vor. "Der weiß, wovon er redet", sagen selbst seine Kontrahenten. Als die Gesundheitsexperten von CDU und SPD in den Koalitionsverhandlungen 2013 zu ihrer ersten Runde zusammenkamen, erhielten sie einen mehrseitigen Text, in dem bereits stand, was die Parteien beschließen werden. Die Experten hakten das Papier ab. Spahn hatte mit seinem SPD-Gegenspieler Karl Lauterbach alle Details unter vier Augen vereinbart. Man kann sagen: Jens Spahn war Architekt der großkoalitionären Gesundheitspolitik. Nicht schlecht für jemanden mit Anfang 30.

"Neben Spahn merkt man erst seine eigene Unzulänglichkeit", sagt einer, der ihn lange kennt. Ein anderer "Parteifreund" sagt allerdings: "Dem geht's immer nur um Jens Spahn. Verglichen mit Spahn ist eine Ich-AG eine soziale Veranstaltung. Der ist unser Markus Söder."

"Wofür oder wogegen ich demonstriere, das suche ich mir lieber selber aus"

Wie wird man so? Eine Nachtfahrt durchs Münsterland. Die Route führt vorbei am Brennelemente-Zwischenlager Ahaus. Spahn zeigt aus dem Fenster. "Dadurch bin ich politisiert worden." Echt jetzt, er, ein Atomkraftgegner? Doch die Pointe ist eine andere. Als die Anti-AKW-Bewegung in den 90er Jahren das westliche Münsterland erreicht hatte, hätten die Lehrer in seiner Schule aufgerufen, zur Demo zu gehen. "Da habe ich mir gedacht: Wofür oder wogegen ich demonstriere, das suche ich mir lieber selber aus."

Als die Politik ihn erwischt hatte, ließ sie ihn nicht mehr los. Auch wenn sie zunächst hauptsächlich darin bestand, mit Kumpels von der Jungen Union in Düsseldorf ordentlich einen zu saufen. Karriere bedeutete: Banklehre, BWL-Studium, Geld verdienen. An was man eben so denkt, wenn man mit zwei Geschwistern in Ahaus-Ottenstein aufwächst, der Vater einen mittelständischen Betrieb leitete, die Mutter als Sekretärin arbeitete.

Die Banklehre schloss er noch ab, dann aber machte er die Politik zu seinem Beruf. Das Studium musste warten. Erst kürzlich hat er seinen Master in Politikwissenschaften an der Fernuni Hagen gemacht. Nach Feierabend schrieb er an 15-seitigen Seminararbeiten. Warum der Aufwand? "Ich wollte immer Akademiker werden." Er weiß, das kann nicht schaden in Zeiten wie diesen, in denen die Republik am Beispiel von Martin Schulz diskutiert, ob man ohne Abitur überhaupt Kanzler werden könne.

Jens Spahn weiß aber auch, dass es manchmal Kleinigkeiten sind, die über politische Karrieren entscheiden können. Die Form der Brille zum Beispiel. Als ausgerechnet die Frau des früheren Berliner Regierenden Bürgermeisters Eberhard Diepgen (Spitzname übrigens: "Der blasse Eberhard") sagte, "der Jens" müsse seine Brille ändern, weil sie zu kantig sei und ihn deshalb zu aggressiv erscheinen lasse, schleppte sein Lebenspartner Daniel Funke ihn durch zahlreiche Optikerläden Berlins. Sie fanden ein Gestell mit abgerundeten Ecken. Spahn wirkt nun weicher.

"Meine Homosexualität hat mir nie geschadet"

Funke ist der Mann, den die Queen beim Defilee irrtümlich für den Staatssekretär gehalten hatte. Man sieht ihn manchmal im eng geschnittenen Anzug an Spahns Seite auf Empfängen in Berlin-Mitte. Im Büro des richtigen Staatssekretärs steht er auf dem Sideboard als ausgedruckte 3-D-Figur, etwa 20 Zentimeter hoch, direkt neben einer Spahn-Figur.

Spahn ist schwul. Man muss das seit Klaus Wowereit ("Und das ist auch gut so") und Guido Westerwelle im Berliner Politkosmos nicht mehr erwähnen. Andererseits reden wir hier von der Union und den Ambitionen eines jungen Konservativen. Kann es sein, dass das Ende der Karriereleiter deswegen dann doch bald erreicht ist? Nicht weil er schwul ist? Sondern weil er ein Schwuler in der CDU ist?

Jens Spahn sagt: "Meine Homosexualität hat mir nie geschadet."

Er sagt diesen Satz oft. Er ist sein Schutzschild. Nur, so ganz stimmt dieser Satz nicht. Spahn hat Verletzungen erlebt. Am Anfang seiner politischen Karriere stand er als CDU-Bundestagskandidat auf einem Marktplatz im Münsterland, als ein Geschäftsmann lauthals auf ihn zustürmte: "Sie sind doch schwul, oder?" Spahn wollte im Erdboden versinken. Jahre später kam der Geschäftsmann wieder auf ihn zu. Diesmal kleinlaut: "Ich habe mich damals geirrt. Sie machen Ihren Job gut."

Spahn ist kein Held der Schwulenbewegung. Szenemagazine halten ihn für das "Role Model des konservativen, angepassten Schwulen", wie das Berliner Blatt "Blu" schreibt. Als er vor einiger Zeit in einer Podiumsdiskussion über den Umgang mit Schwulen und Lesben in Berlin redete, musste er sich harsche Worte anhören. Er sprach über seine eigenen Erfahrungen. Wenn er durch die Hauptstadt laufe, habe er nicht "den Eindruck, dass die Katholiken unser Thema sind. Die Homophobie kommt eher aus arabischer und muslimischer Richtung".

Typisch Spahn. Erst Aufruhr im Saal bei den Jüngern der Political Correctness. Und als Zugabe dann der Vorwurf, er spiele eine Minderheit gegen die andere aus. Doch Spahn fühlte sich im Recht. Wie er sich oft im Recht fühlt. Beim Hinausgehen kamen einige auf ihn zu und meinten: "Endlich sagt mal einer, wie es wirklich ist." Das erlebt er oft.

Der Mann ist einen weiten Weg gegangen

Als Jens Spahn mit seinem Freund vor einiger Zeit beim früheren CSU-Chef Edmund Stoiber zu Hause in Wolfratshausen eingeladen war, da war sogar er ein wenig aufgeregt. Am Küchentisch der Stoibers wurde schließlich schon einmal eine Kanzlerkandidatur ausgedealt. Und nun, er und Funke, ein schwules Pärchen, das sich vorstellen kann, später mal Kinder zu adoptieren – die beiden also Hand in Hand zu Hause beim CSU-Schlachtross Stoiber? Zu seiner Überraschung lief es harmonisch ab. "Muschi", Stoibers Frau, wirbelte in der Küche, die Männer redeten im Wohnzimmer über Politik, geschlagene fünf Stunden lang. Stoiber hörte gar nicht mehr auf zu fragen, wollte wissen, wie der junge Konservative die Welt sieht. Spahn fühlte sich geschmeichelt. Seine Homosexualität? War Stoiber nicht eine einzige Frage wert.

Mit Funke, dem Leiter des Hauptstadtbüros der Illustrierten "Bunte", lebt Spahn in Berlin-Schöneberg in einer weitläufigen Wohnung unterm Dach, Holzböden, hohe Wände, an denen schrill poppige Bilder des Berliner Künstlers Lennart Grau hängen. Das alles ist Lichtjahre entfernt von jener Spießergemütlichkeit, die Spahn in den Wohnstuben seiner CDU-Anhänger mutmaßlich vorfinden kann. Oh ja, der Mann ist einen weiten Weg gegangen.

Daniel Funke, der Medienprofi, liest daheim auf dem Sofa manchmal Interviews von Spahn gegen. Er sagt ihm, dass er sein Gesicht nicht in jede Talkshow halten soll, damit er nicht zu einem zweiten Wolfgang Bosbach werde. Einem Talkshow- König ohne Einfluss. Funke war es auch, der seinem Lebenspartner im vergangenen Jahr den Rat gab, die Kanzlerin lieber vorab darüber zu informieren, dass er ein Buch mit dem Titel "Ins Offene. Deutschland, Europa und die Flüchtlinge" herausgebe, in dem Merkel, nun ja, nicht allzu gut wegkommt.

Spahn hat das dann gemacht. Bevor das Buch in Druck ging, in dem er von einer "Disruption unseres Staates" schreibt, schickte er ein Manuskript ins Kanzleramt. Als das Buch erschien, lud Spahn Merkel zu einem Empfang in seine Wohnung ein. Sie konnte aber nicht.