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Interview

"... und dann kam Spahn": Hier spricht die Frau, die Jens Spahn mit einer Petition in Bedrängnis bringt

Sandra S. fordert Jens Spahn gerade mit einer Online-Petition heraus – sehr erfolgreich. Sie will, dass der Gesundheitsminister einen Monat lang von Hartz IV lebt. Mehr als 100.000 Menschen haben bereits unterschrieben.

Screenshot der change.org-Petition zu Jens Spahn

"Jens Spahn – leben Sie einen Monat von Hartz IV!" Mit dieser Forderung hat Sandra S., die selbst Hartz-IV-Empfängerin ist, eine Change.org-Petition gestartet und bereits über 100.000 Unterschriften gesammelt. Wir haben mit ihr über ihre Arbeitslosigkeit, den Startschuss für die Petition und ihre Wut aufs System gesprochen.

Warum haben Sie die Petition gestartet?

Ich habe die Aussage "Hartz IV bedeutet nicht Armut" im Fernsehen gehört und brauchte erstmal zehn Sekunden, um überhaupt zu begreifen, was er da genau gesagt hat. Ich war so schockiert in dem Moment. Das ist eine Verhöhnung von Menschen wie mir, die ohnehin schon am Rande der Gesellschaft stehen. Spahn hetzt damit ja auch und festigt ein Meinungsbild, dass Hartz-IV-Empfänger Schmarotzer seien.

Ihre Petition hat mittlerweile die 100.000er-Marke geknackt. Als Ziel sind 150.000 Unterschriften ausgeschrieben. Was passiert, wenn das Ziel erreicht ist?

Eigentlich war das Ziel gar nicht 150.000. Das wird bei change.org automatisch immer höher. Eigentlich habe ich auf 10.000 Unterschriften gehofft und mir gesagt: "Dann feiere ich 'ne Runde. Doch jetzt denken offensichtlich ein paar Menschen darüber nach. Wir sind an einem Punkt, an dem klar ist: Das Ding ist erfolgreich. Herr Spahn kann sich dem nicht mehr entziehen. Er muss sich mit mir unterhalten.

Wie waren die Reaktionen auf die Petition?

In meinem persönlichen Umfeld waren viele erschüttert, denn sie wussten teilweise gar nicht, dass ich Hartz IV beziehe. Die heftigste Reaktion war: "Ich habe dir das gar nicht angesehen." Auf der anderen Seite gab es online Feedback. Das war überwiegend positiv. Ein paar Hater gibt es immer, aber die sind mir egal.

Sie haben auf der Petitionsseite angekündigt, dass Sie Jens Spahn die Unterschriften gerne persönlich übergeben möchten. Wann und wie wollen Sie das machen?

Ich schicke ständig Anfragen an das Büro von Jens Spahn und wir fordern auch andere dazu auf. Ich warte eigentlich nur auf den Anruf aus Berlin, dass ich kommen kann. Mit der Hilfe von change.org kann ich das realisieren. Alleine könnte ich mir das gar nicht leisten.

Ich wäre schon froh, wenn ich kurz mit ihm sprechen könnte

Haben Sie die Hoffnung, dass Jens Spahn tatsächlich auf Ihre Forderung eingeht?

Mir ist klar, dass er das nicht machen wird. Wenn er es machen würde, dann wäre seine Glaubwürdigkeit, dass er sich für Hartz-IV-Empfänger einsetzen will, wieder hergestellt. Um ehrlich zu sein: Ich wäre schon froh, wenn ich kurz mit ihm sprechen könnte – damit sich endlich sein Denken ändert.

Glauben Sie, dass Sie mit der Petition anderen Hartz-IV-Beziehern in Deutschland helfen?

Einigen hat das schon geholfen, wenn ich die Kommentare zu der Petition richtig verstehe. Viele finden es toll, dass endlich mal jemand ausspricht, wie wir behandelt und angesehen werden. Die Petition gibt vielen Hoffnung, dass sich etwas ändert.

Sie sind alleinerziehende Mutter eines zehnjährigen Jungen und selbst auf Hartz IV angewiesen. Woher nehmen Sie die Kraft für Ihr Engagement?

Ich habe es selbst nie leicht gehabt. Ich hatte eine schwere Krankheit, bin traumatisiert. Daher darf und kann ich auch nicht alles arbeiten. Trotzdem bin ich immer positiv geblieben. Ich sage mir selbst: "Nie wieder soll ein Kind es so schlecht haben wie ich." Deshalb setze ich mich für andere ein.

Und dann kam auch noch Spahn

Wie kam es dazu, dass Sie auf Hartz IV angewiesen sind?

Ich habe früher viel gearbeitet. Schon zehn Monate nach der Geburt meines Sohnes habe ich wieder angefangen. Das waren meistens aber nur Zeitverträge, die irgendwann nicht mehr verlängert wurden. Ich konnte tun und machen, was ich wollte. Es hat sich einfach nichts Neues ergeben. Im Dezember 2017 habe ich einen neuen Job angefangen. Am letzten Tag der Probezeit wurde mir wieder gekündigt. Jetzt bin ich seit zirka vier Wochen wieder im Bezug. Das macht mich alles wütend – wie die Arbeitgeber mit einem umgehen, einfach das ganze System. Und dann kam auch noch Spahn. Das hat meine Wut noch größer gemacht. Es muss sich schleunigst etwas ändern in der Gesellschaft.

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