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Angefeindeter Gesundheitsminister Ehrliche Corona-Bilanz: Warum das Eingeständnis von Gesundheitsminister Spahn problematisch ist

Sehen Sie im Video: Jens Spahn sagt, heute würde ein Lockdown weniger drastisch ausfallen.
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Wir sollten dankbar sein, wenn inmitten der großen Krise ein Politiker seine Entscheidungen kritisch hinterfragt. Gesundheitsminister Jens Spahn tut dies nicht zum ersten Mal seit März. Diesmal hätte er allerdings besser geschwiegen.

Jens Spahn weiß es eigentlich besser. Er weiß, dass dieser Tage jedes Wort auf die Goldwaage gelegt wird, weil er seit Monaten beinahe täglich irgendwo öffentlich spricht, sprechen muss. Spahn weiß: Die Krise macht die Menschen hellhörig.

Das hätte er bedenken sollen, als der Gesundheitsminister (CDU) gestern seine Runde durchs Ruhrgebiet gedreht hat. Da verteidigte Spahn am Rande eines Klinikbesuchs in Bochum, dass im März mit dem damaligen Wissen und der damaligen Infektionsdynamik weitgehende Eindämmungsmaßnahmen im öffentlichen Leben verhängt worden waren. Nun, Anfang September, wisse man aber, "wie wir etwa im Einzelhandel im Regelbetrieb gut damit umgehen können, vor allem wenn wir Masken tragen und Abstand halten, ohne dass es zu Einschränkungen kommt".

Jens Spahn
Bundesgesundheitsminister Jens Spahn bei einem Termin vor dem Pflege-Campus der St. Elisabeth-Gruppe im nordrhein-westfälischen Herne
© Roland Weihrauch/DPA

Jens Spahn: "Das wird nicht noch mal passieren"

Später, auf dem Marktplatz in Bottrop, ging Spahn noch einen Schritt weiter: "Man würde mit dem Wissen heute, das kann ich Ihnen sagen, keine Friseure mehr schließen und keinen Einzelhandel mehr schließen." Das werde nicht noch mal passieren. Und: "Wir werden nicht noch mal Besuchsverbote brauchen in den Pflegeeinrichtungen."

Nun ist es grundsätzlich begrüßenswert, wenn Politiker offen ihre früheren Entscheidungen hinterfragen, vielleicht sogar Fehler einräumen, wie es Spahn seit März schon häufiger vorbildlich getan hat. Und wahrscheinlich wollte er den Menschen mit seiner kritischen Analyse bloß die Angst vor einem zweiten Lockdown nehmen.

Aber dieses vermeintliche Eingeständnis – vom Boulevard bereits als "bittere Corona-Bilanz" überinterpretiert – hätte er sich angesichts der aufgeheizten Stimmung in Teilen der Bevölkerung trotzdem besser verkniffen.

Denn Spahns Äußerungen lassen sich prima verkürzen. Sie klingen einerseits zunächst wie ein Widerspruch zum Mantra, das zum Beispiel Virologe Christian Drosten seit Beginn der Pandemie immer wieder predigt: dass Prävention eine undankbare Sache ist, weil ergriffene Maßnahmen im Erfolgsfall gerne rückblickend als übertrieben abgekanzelt werden.

Die ersten Betroffenen melden sich zu Wort

Andererseits schürt die sinnlose Diskussion, die Spahn damit selbst anschiebt, nur Unverständnis oder im schlechtesten Fall sogar Wut. Bei "Bild" melden sich bereits die ersten Betroffenen, die ihren Job in den letzten Monaten verloren haben, zu Wort: "Wir fühlen uns für dumm verkauft." Die Inhaberin eines Souvenirgeschäfts in München sei sauer, sagt sie: "Eigentlich müssten wir den gesamten Umsatz, den wir eingebüßt haben, ohne Wenn und Aber erstattet bekommen."

Den zuletzt zunehmend angefeindeten Spahn ehrt seine Offenheit, seine Gegner wird er mit Eingeständnissen von – höchstens eventuellen – Versäumnissen aber ebenso wenig besänftigen wie die wirtschaftlichen Opfer der Krise.

Eine solche Haltung führt in dieser Phase also zu nichts als Unmut. Hätte, wäre, könnte? Es gibt ohnehin keine Alternative zu der Tatsache, dass wir alle mit den Folgen der letzten Monate leben müssen, also sollte auch niemand von uns seine Zeit mit Konjunktiven verschwenden. Erst recht nicht der Gesundheitsminister.


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