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Johannes Kahrs: Mit etwas Wein ins Eigenheim

Hamburg, St. Pauli, Ende Juli: Der SPD-Bundestagsabgeordnete Johannes Kahrs lässt sich nach Hause bestellen. Er kommt mit Wein, lästert über Partei und Volk und macht erstaunlich wenig Wahlkampf. Ein Ortstermin.

Von Niels Kruse

Johannes Kahrs kommt nach Hause. Es ist "Tagesschau"-Zeit, er hat eine Kiste "Dr. Pauly-Bergweiler Spätburgunder" unterm Arm und einen Praktikanten zur Seite. Kahrs kommt regelmäßig nach Hause, man kann ihn bestellen. Bei der Neu-Genossin Judith ist er an diesem freundlichen Mittwochabend zum ersten Mal. Flink hinauf in den vierten Stock einer Altbau-Wohnung auf St. Pauli, die Parteibasis wartet. ´

Allerdings ist sie heute schmal, die Basis: Judith ist das einzige SPD-Mitglied - und auch das erst seit dem 5. März dieses Jahres. Zu ihr sind noch zwei Handvoll Freunde erschienen: Juristen, Lehrer, Studenten, ein Grünen-Mitglied. Manche hier sind der Anarchistischen Pogo-Partei näher als der PDS. Sozialdemokratisch wird hier nicht gewählt.

Gekommen sind sie trotzdem. Aus Freundschaft, aus Interesse, weil es Bier, Wein und Brötchen gibt. Und einige der Raucher möchten jemanden wegen der Tabaksteuer ausbuhen. Tun sie aber nicht, denn der Bundestagsabgeordnete Johannes Kahrs macht an diesem Abend erstaunlich wenig Wahlkampf. Stattdessen fraternisiert er sich mit dem Dutzend, schnoddert über die Opposition, seine Sozis, über Reformen und Linksbündnisse, über das Volk.

Mit 27 Stimmen die Mehrheit auf Neuwerk errungen

Johannes Kahrs, 41, ist seit 23 Jahren SPD-Mitglied, seit 1998 Bundestagsabgeordneter. Er vertritt Hamburg-Mitte, dem mit 380.000 Einwohnern größten Wahlbezirk Deutschlands. Dazu gehört unter anderem das Inselchen Neuwerk in der Nordsee, mit 27 SPD-Wählern fest in sozialdemokratischer Hand, Billstedt, mit seinen in die Jahre gekommenen Problembürgern, das Schwulenquartier St. Georg, die noble Uhlenhorst, St. Pauli.

Er ist Sprecher des "Seeheimer Kreises", des rechten SPD-Flügels. Sie, die Seeheimer selber, sehen sich als Realpolitiker. Halbwegs berühmt wurde Kahrs, als er im Juni Bundespräsident Horst Köhler wegen seines Verhaltens zur Vertrauensfrage mit den Worten anging: Das sei eine "Schmierenkomödie der billigsten Art - aber der Mann ist eben so". Kahrs mag klare Worte. Spekulationen über eine Große Koalition hat er jüngst als "Scheißdebatte" abgetan. Bei den Jusos ist er eher unbeliebt und es halten sich Gerüchte, er soll innerparteiliche Gegner mit unfeinen Methoden drangsaliert haben.

"Ich mache überdurchschnittlich viel Basisarbeit", sagt Kahrs unbescheiden am Anfang des Abends, während die Basis noch schnell noch ein paar SMSe schreibt. Kahrs ist Direktkandidat. Deshalb tourt er durch die Hansestadt, "karrt das Volk" in Bussen nach Berlin und macht solche Abende wie heute. Manchmal auch Nachmittage. Auf seiner Homepage heißt es, er würde auch Apfelkuchen mitbringen. Nur Tee erwartet er. Meistens gibt’s Darjeeling, hell. Mindestens 30 Tassen trinkt er davon auswärts pro Jahr - auch ohne Wahlen. Wein und Bier hat der Politik- und Getränke-Lieferant auf Wunsch auch im Angebot.

Plauderlaune will aber dennoch nicht richtig aufkommen. Trotz sechs Flaschen "Dr. Pauly-Bergweiler" und einer Kiste Astra. Kahrs erzählt Privates. Dass er aus Bremen kommt etwa, Jura studiert und seit zwölf Jahren keinen Fernseher mehr hat. Er erzählt wie seine Kollegen, auch bei wichtigen Abstimmungen, vom Nachbarn angestupst werden, um ihren Arm zu heben. Nicht weil sie schlafen würden, "weil sie sich in ihren Aktenbergen vergraben haben". Behauptet Johannes Kahrs und lacht nicht. Im Bundestag nämlich, so plaudert der Abgeordnete, würden keine Entscheidungen mehr gefällt, da werde nur noch abgenickt, was vorher in den Ausschüssen beschlossen wurde.

Flair des Eingeweihten macht Judiths Freunde neugierig

Es sind keine Sensationen, die Kahrs seinem Publikum auf St. Pauli offenbart, doch das Flair des Eingeweihten macht Judiths Freunde neugierig. Also Ausschüsse. Er selber habe zunächst im Verteidigungsausschuss gesessen, so Kahrs, seit 2002 aber sei er für den Haushalt zuständig, da habe man mehr Einfluss. Militär jedoch klingt spannender als Haushalt und zum Wehrdienst kann jeder Kerl was sagen, zumal hier kaum jemand bei der Bundeswehr war.

Eine Dreiviertelstunde nach Ende der "Tagesschau" branden erste Diskussionen auf. Und Kahrs macht auf Realpolitiker, als den er sich gerne sieht. "Die Wehrpflicht bleibt. Denn das Grundgesetz kennt keine Wehrgerechtigkeit, nur die Notwendigkeit, Soldaten bereitzustellen." Basta. Eine Berufsarmee komme nicht in Frage. Der These einiger Anwesender, sie würde ohnehin nur den gesellschaftlichen Bodensatz anlocken, widerspricht er nicht.

Überhaupt das Volk. Es muss schwierig sein, es zu regieren. Große Reformwürfe würde es nicht verstehen, philosophiert der Volksvertreter, also lieber Salami-Reformen: klein anfangen und scheibchenweise draufpacken. So lässt er über das eigene Zuwanderungsgesetz ein unhöfliches Wort fallen, sagt aber auch: "Ein Anfang ist damit gemacht."

Gegenfrage: "Warum gehen den Politikern denn die Visionen ab?" Antwort, sinngemäß: Politik ist eine ständige Güterabwägung, auf jeden muss Rücksicht genommen werden, alle geben ihren Senf dazu, außerdem: Kleinrederei, Wichtigtuerei, Eitelkeiten, Interessenskonflikte. Das fängt in der Parteibasis an und zieht sich bis ganz nach oben. Auch bei den Sozialdemokraten ist das nicht anders. Und das Volk? Tja, das sieht es genauso. Und vielleicht sehnt es sich nach strafferer Führung, ohne die ganze Diskutiererei, aber Demokratie ist eben anstrengend. Auch für Politiker.

Mit dieser Analyse bricht der große Konsens in Judiths Wohnzimmer aus. Die ganz Linken nicken eifrig, sie haben sowieso immer ihre speziellen Probleme mit "dem Volk", die Nicht-ganz-so-Linken sind spätestens seit ihrer WG-Zeit von Ausdiskutiererei genervt und Kahrs wirkt so, als freue er sich, mal nicht der Politiker sein zu müssen. Rücksicht auf Befindlichkeiten möglicher Wähler braucht er hier jedenfalls nicht zu nehmen.

Später am Abend, gegen halb elf, macht der Abgeordnete im Haus, dann doch etwas Wahlkampf: Schlagworte zu Mehrwertsteuererhöhung, Kopfpauschale versus Bürgerversicherung, innere Sicherheit, EU-Beitritt der Türkei. Keine halbe Stunde später wird schon wieder über Grundsätzliches gesprochen, diesmal über Werte. Johannes Kahrs erklärt, warum er Münteferings Heuschrecken-Debatte für äußerst wichtig hält. Auch hier: Konsens. Eine Diskussion über "Was wollen wir eigentlich" halten alle für dringend notwendig. Kurz nach elf weiß Herr Kahrs was er will, nämlich nach Hause. Seine Offenheit hat die viele in der Runde erstaunt, erschrocken aber sind sie darüber, dass sie ihm in vielem zustimmen würden. Linken jenseits der SPD ist das unheimlich.