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Josef Schlarmann: Der konservative Rebell

Teile der CDU verstehen ihre Kanzlerin nicht mehr: Verstaatlichungen und Enteignungen kennen sie nur aus der DDR. Der Chef des CDU-Wirtschaftsfügels, Josef Schlarmann, weiß viele Christdemokraten hinter sich, wenn er Merkel immer wieder frontal angreift. Zu Besuch bei einem Parteirebellen.

Von Axel Hildebrand

Der Parteirebell isst Käsekuchen. Wenn er einen Bissen im Mund hat und dabei redet, dann nimmt er die Hand entschuldigend vor den Mund. Seine Krawatte sitzt eng am Kragen, er lässt auch am Schreibtisch sein kariertes Jackett an, eines von der Sorte, die Engländer gerne beim Jagen im Sommer tragen. Er ist auf Konflikt gepolt, mit der Kanzlerin, seiner Parteifreundin. Aber den Aufstand der Konservativen führt er mit feinen Manieren.

Josef Schlarmann repräsentiert das Wertkonservative in einer konservativen Partei. Das heißt zurzeit: Er vertritt Menschen, die sich in der CDU unwohl fühlen. Angela Merkel will die Partei zu einer Großstadtpartei machen, die auch dort wählbar ist, wo Frauen nicht prinzipiell die Kinder großziehen und der Papst eine Person ist, die auch kritisiert werden darf. Aber sie hat - zumindest in ihrem Handeln - den Schwenk von einer Wirtschaftsliberalen zur Staatsinterventionistin gemacht.

Schlarmann steht für den Mittelstand, einst treue Basis der CDU

Schlarmann ist kein Gesellschaftspolitiker, aber er repräsentiert den Mittelstand, die Handwerksbetriebe und Einzelhändler, die einst treue Basis der CDU waren. Er führt den CDU-Wirtschaftsflügel. Seit 2005 ist er Chef der Mittelstandsvereinigung MIT. Und Schlarmann ist unzufrieden mit seiner Partei. Die geplante Enteignung von Aktionären der Hypo Real Estate ärgert ihn maßlos, er versteht nicht, warum der Staat anderthalb Milliarden mit der Abwrackprämie verpulvert, anstatt es den Bürgern als Steuererleichterung direkt zu geben. Frau Merkel ist nur noch "eine Machtpolitikerin" für ihn.

Die Machtpolitikerin hat ein Problem. Sie kann nicht einfach sagen: Das ist keiner von uns, das ist ein Marktradikaler oder ein verkappter Sozialist. Schon vor drei Jahren beklagte Schlarmann das Streben von Managern nach kurzfristigem Gewinn. Unternehmen sind für ihn nicht nur betriebswirtschaftliche Einrichtungen, sondern auch soziale. Schlarmann steht für eine soziale Marktwirtschaft im Sinne Ludwig Erhards. Er steht für CDU pur. Das macht seine Kritik für die Kanzlerin so gefährlich.

Das Wahlprogramm "auf dem Müllhaufen"

Im vergangenen Jahr griff Schlarmann die Kanzlerin direkt an. Das Wahlprogramm sei "auf dem Müllhaufen" gelandet. Die Reformpolitik "ungenügend". Die Kanzlerin habe zu 100 Prozent ihre Rolle der Reformpolitikerin verlassen. Es war ein Schlag ins Gesicht für Merkel, ein offener Affront.

Sie reagierte nicht offiziell, aber im kleinen Kreis von Vertrauten brach es aus ihr heraus. "Warum ist da keiner, der dem Schlarmann sagt, er soll das Maul halten?", soll sie gegiftet haben.

Er steht für die Unzufriedenen

Zwar ist Schlarmann nicht besonders mächtig. In der CDU wird die Politik über die starken Landesverbände gemacht. Aber er steht für eine große Zahl an Christdemokraten, die bei "Enteignungen" und "Verstaatlichungen" instinktiv an die DDR denken. Und jene, die sich nicht mehr wohlfühlen in der Christdemokratie mit Elterngeld und Papstkritik, projizieren ihre Sorgen auf ihn. Das ist nicht mehr die CDU, die sie kennen.

Schlarmann ist derjenige, der sich zu sprechen traut. Er kann das auch machen, weil er weiß: Ich bin nicht der einzige, der so denkt. Und: Frau Merkel kann mir nichts.

Schlarmann ist unabhängig von Merkels Groll

Er ist Gründer und Partner einer gut laufenden Kanzlei mitten in Hamburg, die Alster plätschert vor seinem Bürofenster, die Sonne scheint auf den Sandstein an der Hausfassade. An der Wand hängt ein modernes Bild, darauf steht: "Wenn der Gedanke auch eilt bleibt immer etwas zurück."

Er ist 69 Jahre alt, er hat kein Bundestagsmandat. Berlin ist weit weg. Er ist einer der wenigen CDU-Politiker, dem die Meinung der Kanzlerin über sich egal sein kann.

"Die Riege der Wirtschaftspolitiker ist ausgedünnt"

Die Stimme der Unzufriedenen trifft eine Partei, deren Umfragewerte seit Wochen knapp über 30 Prozent dümpeln. Dabei galten die 35 Prozent bei der Bundestagswahl 2005 bereits als mittelschwere Katastrophe.

Die Wirtschaftspolitik war einst zentrales Kompetenzfeld der Christdemokraten. Heute kommt die Stimme in der Wirtschaftskrise vom Sozialdemokraten Peer Steinbrück. Die früheren Kämpfer gegen Staatseingriffe und für niedrigere Steuern gibt es nicht mehr.

Friedrich Merz hat sich aus der Politik verabschiedet, Matthias Wissmann ist Lobbyist geworden. "Die Riege der Wirtschaftspolitiker ist ausgedünnt", sagt Schlarmann. Die Regierung will die Aktionäre des Immobilienfinanzierers Hypo Real Estate enteignen. Die Commerzbank wurde teilverstaatlicht. In der Krise bläst sich der Staat auf. Die schlanke Version eines Staates, der mit einer Steuererklärung auf dem Bierdeckel zufrieden ist, ist ganz weit weg.

"Austreten werde ich nicht"

Und nun kommt einer wie Schlarmann, der im niedersächsischen Christdemokratenland um Oldenburg aufgewachsen ist. Dessen Vorfahren Handwerker und Bauern waren. Der sagt: "Selbstständigkeit war eine Selbstverständlichkeit." In dessen Vaters Gastwirtschaft der örtliche CDU-Verband gegründet wurde. Der in der Herzkammer der Christdemokratie jedes Zucken kennt. Und der jetzt sagt: "Ich wundere mich nicht, dass sich unsere Anhänger in größerer Zahl der FDP zuwenden."

Würde er heute wieder in die CDU eintreten? "Die Frage will ich nicht beantworten", sagt er und wiegt sich in seinem Stuhl. "Austreten werde ich nicht." Er lächelt kurz.