Karikaturen-Streit Quo vadis Islam?

Wüten die Menschen aus spontaner Empörung über die Mohammed-Karikaturen oder weil sie angestachelt wurden von hetzerischen Regimen? Gilt das islamische Bilderverbot auch für Andersgläubige? Hinweise von stern-Autor Christoph Reuter.

Was nun, fragt man sich angesichts einer streckenweise immer mehr ins Absurde abgleitenden Debatte um die zwölf Karikaturen der dänischen Zeitung "Jyllands-Posten", die in den vergangenen anderthalb Wochen in der gesamten islamischen Welt zu brutalen Ausschreitungen, Massenprotesten und Toten in mehreren Ländern geführt haben? So wurde nun bekannt, dass eines der Bilder, mit denen die Imame aus Dänemark im Nahen Osten Stimmung machten, in Wirklichkeit den Teilnehmer eines Wettbewerbs im Schweinequieken auf einer Landwirtschaftsmesse in Südfrankreich im Sommer 2005 zeigt. Mit Prophetenbeleidigung hat das nichts zu tun. Höchstens durch die Lüge der Zweckentfremdung des Fotos.

Nach und nach kommt heraus, dass die angeblich spontane Empörung planmäßig orchestriert war – etwa in Beirut, wo Busladungen voller Syrer und palästinensischer Flüchtlinge hin- und wieder weggekarrt wurden. In Tschetschenien hat der von Russlands Gnaden eingesetzte Vize-Ministerpräsident Ramsan Kadyrow zum Kampf gegen die Dänen aufgerufen – kaum aus Empörtheit, denn die hat er auch angesichts tausendfacher Morde an Tschetschenen durch die russische Armee nie an den Tag gelegt. Sondern, um Handhabe gegen den "Dänischen Flüchtlingsrat" zu haben, einer Hilfsorganisation, die seit 1997 Hilfe im weitgehend muslimischen Nordkaukasus Hilfe für Flüchtlinge und Bedürftige leistet.

Mohammeds Leben als Bildergeschichte

Während also mit einiger Verspätung noch die dümmsten Brandredner den Mob losschicken wollen und sich die Hetzer beider Seiten Karikaturenwettbewerbe liefern – schwedische Rechtsradikale fordern zum "Mohammed-Karikieren" auf, die einst liberale iranische Tageszeitung Hamshari will die beste "Holocaust-Karikatur" mit Goldstücken im Wert von 120 Euro prämieren – fragt sich das unfreiwillige Publikum: Was war das jetzt? Jäh gespürte Empörung? Geschürter Hass von Regimen, die den Mob lieber skandinavische Botschaften abbrennen lassen als sich der Kritik ihrer ansonsten mundtot gemachten Bürger zu stellen?

Und was stimmt am immer wieder vorgebrachten "Bilderverbot" des Islam, insbesondere dem Tabu, Mohammed abzubilden? Allah und seinen Sendboten abzubilden, ist Muslimen nach Überlieferung des Propheten untersagt – aber darüber, ob Andersgläubige dies dürften, sagt die Überlieferung gar nichts.

Dass Mohammed in den vergangenen Jahrhundert immer wieder in europäischen Büchern abgebildet wurde, noch 1928 als Sammelbildchen von "Liebig Fleischextrakt" und 1977 auf dem Cover eines französischen "Tin Tin"-Comic auftauchte, störte seinerzeit niemanden. Und auch innerhalb der islamischen Welt ist das so eindeutig mit dem Bilderverbot nicht: Jahrhundertelang haben vor allem persische und indische Miniaturenmaler den Propheten Mohammed abgebildet, meist ohne, manchmal auch mit Gesicht. Nicht, um ihn zu karikieren, sondern um das Leben Mohammeds, seine Verkündigung, Himmelfahrt jenen Muslimen zu zeigen, die des Arabischen nicht mächtig waren.

Wer mehr wissen will darüber, welche Strömungen es in der muslimischen Welt gibt, welche Reformer was wollen, wie das mit Bilderverbot Mohammeds genau ist, dem seien die aktuell besten Websites und Bücher zum Thema wärmstens empfohlen:
Zum aktuellen Verlauf der Debatte berichtet sowohl aktuell wie ausführlich mit zahllosen Links: www.wikipedia.org , "Das Gesicht Mohammeds"
Speziell zum islamischen Bilderverbot informiert (mit Abbildungen Mohammeds aus alten muslimischen Miniaturen): www.zombietime.com/mohammed_image_archive
Wer sich – allerdings auf englisch – davon überzeugen möchte, dass Iraner per se keine humorlosen Bilderstürmer sind, sondern es dort eine breite Szene satirischer Texte und Bilder gibt, ist gut beraten mit: www.iranian.com/satire.html
Das just erschienene Buch "Islam am Wendepunkt" (Herder Verlag, 9,90 Euro) von Katajun Amirpur und Ludwig Ammann dreht sich um die großen Themen: Krieg und Frieden. Sind Islam und Moderne vereinbar? In der islamischen Welt selbst wird diese Frage heftig diskutiert. Es geht um den Koran und seine Auslegung, um Demokratie und Scharia, um Islam in Europa, Frauen und Menschenrechte. Das Raffinierte am Buch ist, dass es diese Themen nicht trocken erörtert, sondern in biographischen Portraits erzählt – sowohl anhand von "Aufklärern", die Macht und Glauben trennen wollen wie auch "Fundamentalisten", die den "Islam als Lösung" propagieren. In den 19 Porträts werden so unterschiedliche Personen vorgestellt wie der konservative Fernsehprediger Yussuf Qaradawi, der mit seiner wöchentlichen Sendung auf dem Satellitensender "Al-Jazeera" berühmt geworden ist und vergangene Woche zum "Tag des Zorns" aufrief, als auch zwei der brillantesten Denker eines aufgeklärten Islam: Abdolkarim Sorusch und Mohammed Schabbestari - zwei Iraner. Es ist eine Reise durchs Denken in der islamischen Welt.
Christoph Reuter

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