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Meinung

Berlin³: Warum die Debatte über Kühnerts Sozialismus-Thesen so gespenstisch ist

Kurze Leserwarnung: Dies ist ein Kommentar über den eher kleinen Revoluzzer und Kollektivierer Kevin Kühnert. Wer Bashing erwartet, sollte weiterscrollen – oder einfach mal das Interview im Ganzen lesen.

Twitter-Reaktionen auf Kühnerts Sozialismus-Thesen: "Lenin, Stalin, Kevin. Wir erkennen ein Muster."

Manchmal fällt unsereinem ja gar nicht auf, dass ihm etwas fehlt – oder jemand. Zum Beispiel hatten wir lange nichts mehr von Kevin Kühnert gehört. War eigentlich jammerschade, rückblickend betrachtet, denn man kann über den jungen Mann viel sagen. Dass er Kapuzenpullis trägt (Süddeutsche) etwa, "ohne Berufs- oder Studienabschluss" ist (so das Sozialismusfachorgan "Bild") oder dass er "zum Zeitpunkt des Mauerfalls gerade mal vier Monate alt war" (Welt). 

Eines aber darf man ihm mit Sicherheit nicht vorwerfen: dass er langweilig wäre. Wo Kühnert draufsteht, ist garantiert auch immer eine ausreichend fette Portion Jungsozialist drin – und damit so ziemlich alles Mögliche auf dem weiten Feld zwischen Genie und Wahnsinn, Sturm und Drang, Diskurs und Dämlichkeit. Munter ist das meistens, hilfreich für seine Mutterpartei SPD ist es nicht immer. Vor allem dann nicht, wenn sie ohnehin unter anhaltender Wählerskepsis leidet, mitten im Wahlkampf steht und eine Debatte über die Verstaatlichung von BMW und Wohnraum so dringend brauchen kann wie, sagen wir mal, die Kanzlerin Friedrich Merz in ihrem Kabinett.

Genau diese Debatte hat der Juso-Chef der SPD nun beschert. Projekt 15 Prozent – Kevin, der Kampf geht weiter! Und alle so: Backen aufblas und Empörung rausgelassen!

Ein Blick ins Grundsatzprogramm der SPD

Der als rhetorischer Krawallmaschinist nur wenig unbegabtere Genosse Johannes Kahrs twitterte sofort los: "Was für ein grober Unfug, was hat der geraucht?" Nun, vielleicht das Grundsatzprogramm seiner Partei? Sehr weit vorne, im Kapitel über "Unsere Grundwerte und Grundüberzeugungen", heißt es darin sperrig: "Der demokratische Sozialismus bleibt für uns die Vision einer freien, gerechten und solidarischen Gesellschaft" – diese "Gesellschaft der Freien und Gleichen" verlange "eine Ordnung von Wirtschaft, Staat und Gesellschaft, in der die bürgerlichen, politischen, sozialen und wirtschaftlichen Grundrechte für alle Menschen garantiert sind, alle Menschen ein Leben ohne Ausbeutung, Unterdrückung und Gewalt, also in sozialer und menschlicher Sicherheit führen können".

Es lohnt sich im Übrigen, vor der Empörungsarbeit ein wenig Lektüre zu betreiben – und das Interview ganz zu lesen, das Kevin Kühnert den Kollegen der "Zeit" gegeben hat. Die wollten nämlich mal etwas genauer wissen, was sich ein Juso-Vorsitzender heute so konkret unter Sozialismus vorstellt – und murrten zwischenzeitlich etwas enttäuscht: "So richtig überzeugt sind wir noch nicht, dass Sie wirklich ein Sozialist sind. Sie beschreiben eine soziale Marktwirtschaft, die keine Waffen produziert."

Nun gut, was Kühnert dann beschreibt, sprengt den Rahmen der sozialen Marktwirtschaft durchaus. Aber erstens: Was wäre das für ein Jusochef, der nicht einmal ein wenig an Visionen leidet oder deshalb sofort zum Arzt rennt? Und zweitens: BMW als Kollektivierungsbeispiel hat nicht Kühnert selbst ins Spiel gebracht und bei den Wohnungen schwärmt er von "genossenschaftlichen Lösungen". Und alles immer schön demokratisch legitimiert. Revolutionen gehen anders.

Kein Grund, sich über Kevin Kühnert aufzuregen

Das alles ist nicht sehr konsistent, nur in Maßen realistisch, aber auch kein Stuss von vorne bis hinten. Auf jeden Fall ist dieses Interview kein Grund, sich aufzuregen, die Wiederkehr von Lenin oder Stalin in Gestalt eines zugegebenermaßen begabten Nachwuchspolitikers an die Wand zu malen und sich darob schon mal rhetorisch in die Büx zu machen. Den Sozialismus in seinem Lauf haben bekanntlich schon viele Ochs und Esel sowie Erich Honecker aufgehalten. Daran wird auch Kevin Kühnert nichts ändern.

Wie man so etwas nennt, was nun losgebrochen ist? Geisterdebatte. Ziemlich gespenstisch eben.

Im Übrigen: Erst wenn 29-Jährige schon so denken und reden wie Angela Merkel oder Heiko Maas, sollte uns bange werden um die Zukunft. Ein bisschen mehr Diskurs könnte diesem Land nicht schaden. In diesem Sinne: Kevin, der Kampf geht weiter!

Twitter-Reaktionen auf Kühnerts Sozialismus-Thesen: "Lenin, Stalin, Kevin. Wir erkennen ein Muster."