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Klaus Uwe Benneter: Der Genossen-Flüsterer

Vom Rausgeworfenen zum Retter: Der neue SPD-Generalsekretär Klaus Uwe Benneter soll der Basis mehr Reformwillen einflößen. In der Bundespolitik ist er ein beschriebenes Blatt.

Wem das linke Herz voll ist, dem läuft schon mal die Galle über. Dann muss er einfach raus. Der Zorn über "Rentenklau" und eine Steuerpolitik, die "die Reichen beschenkt". Der Ärger über den Regierungskurs, "der im Gegensatz zum Programm der SPD steht", über das "Desaster" von Reformpolitik, das "mühevoll mit Durchhalteparolen und Maßhalteappellen überbrückt" wird.

Wenn der neue SPD-Generalsekretär wissen will, was ihm demnächst an der Basis um die Ohren gehauen wird, muss er nur bei sich nachlesen. Er hat es selbst geschrieben oder gesagt, wütendes Wort für Wort, Oskar-reif, schon 1977. Damals war Helmut Schmidt Kanzler und Klaus Uwe Benneter Juso-Vorsitzender; einer vom ganz linken Stamokap-Flügel. "Benni Bürgerschreck" nannten sie ihn. Als er auch noch Bündnisse mit Kommunisten befürwortete und CDU und CSU als "Parteien des Klassengegners" verteufelte, warf ihn die Mutterpartei kurzerhand raus.

Bisher keine Rolle in der Bundes-SPD

Knapp 27 Jahre später sitzt er im Willy-Brandt-Haus und sagt parteitragende Sätze wie: "Ich möchte erreichen, dass unsere Mitglieder wieder stolz darauf sind, Sozialdemokraten zu sein." Dass aus dem einstigen Parteischädling der (nominell) zweitmächtigste Mann der SPD wird, ist mindestens so überraschend wie die Ernennung von Horst Wer? zum Präsidentschaftskandidaten der Union. Und keineswegs ohne Risiko. Denn der Anwalt und Notar Benneter ("Ich bin noch nicht so lange Berufspolitiker") ist in seinem Leben nur einmal politisch richtig auffällig geworden: in jenen drei Monaten zwischen seiner Wahl zum Juso-Chef und dem Partei-Ausschluss. Später zog er zwar als Berliner Lokalpolitiker ein paar Strippen, in der Bundes-SPD aber spielte er keine Rolle. Im November fiel Benni, wie sie den 57-Jährigen heute noch nennen, bei der Wahl zum Parteivorstand durch.

Er sitzt erst seit Herbst 2002 im Bundestag und tappst auf den wichtigen Themenfeldern Ökonomie und Soziales noch reichlich unbeholfen herum. Talkshows kennt er fast nur als Zuschauer. Und während Vorgänger Olaf Scholz seine Sätze im Transrapidtempo stanzt, rumpelt Benneters Rhetorik, trotz seines Mutterwitzes, ziemlich interregiomäßig daher. Auch das keine reine Freude.

Dennoch, als Franz Müntefering und der künftige Bundesgeschäftsführer Kajo Wasserhövel Anfang Februar die Reihen nach einem geeigneten Kandidaten sichteten, blieben sie relativ rasch bei Benni hängen. Der hatte als Vorsitzender den "Wahllügen"-Ausschuss souverän in die Bedeutungslosigkeit geleitet und der Regierung Ärger vom Hals gehalten. Und in der Fraktion hatte er zwar eher selten geredet, dann aber so heftig wie kaum ein anderer für die konsequente Umsetzung der Agenda 2010 geworben - und das als Mitglied der "Parlamentarischen Linken".

Damit hatte er bei Müntefering einen dicken Stein im Brett: Der Kerl ist druckresistent, den wirft so leicht nichts um. "Ich bin jemand, der ein positives Bild ausstrahlt, der im Leben steht, der sich gegen Widrigkeiten durchgesetzt hat und der mit Brüchen umgehen kann", beschreibt Benneter seine Qualifikation.

Alter Kumpel vom Kanzler

Zudem ist er ein alter Kumpel vom Kanzler, der gerne mal einen mit seinem "Lieblingslinken" heben geht. Vielleicht verbindet die beiden sogar wirkliche Freundschaft; auf jeden Fall besitzt der bisherige Hinterbänkler Benneter besseren Zugang zu Gerhard Schröder als mancher Minister. Schröder hatte zu Juso-Zeiten das Links-Bündnis geschmiedet, das Benni ins Amt bugsierte, er folgte ihm nach als Juso-Vorsitzender, und seiner Fürsprache war es auch zu verdanken, dass Benneter 1983 in Gnaden wieder aufgenommen wurde in die Partei.

Da hatte er sich längst gewandelt. Zum einen hielt er es zunächst einmal weniger mit Marx als mit dessen Schwiegersohn Paul Lafargue, der das "Recht auf Faulheit" verfochten hatte. Jedes Jahr eine Woche länger Urlaub wollten sich Jung-Anwalt Benneter und seine Angetraute gönnen. Sie starteten bei 14 Tagen und kamen immerhin auf sieben Wochen, dann vereitelte die Geburt ihres heute 20 Jahre alten Sohnes Philipp die Fortführung des Plans.

Zum anderen lernte er das Leben jenseits der Juso-Theorien besser kennen. Nach seinem Rausschmiss, erzählt er, "hatte ich ein Leben ohne Parteiabende. Ich habe mich relativ natürlich von dem abgenabelt, was mich vorher umgeben hat. Ich musste dann auch dafür sorgen, dass meine Angestellten pünktlich ihr Gehalt erhielten. Da kriegt man eine andere Vorstellung davon, was wünschbar und was machbar ist."

Nun schult er um auf Generalsekretär. Obwohl kein ambitionierter Frühaufsteher, saß er schon Wochen vor seiner Wahl jeden Tag um acht Uhr in der SPD-Zentrale und probte den Ernstfall: Morgenlage mit Münteferings Vertrautem Wasserhövel - während ein paar Zimmer weiter Olaf Scholz sein Amt verweste. Ein paar bitter nötige Trainingseinheiten im Umgang mit den Medien gab's auch. Das neue SPD-Programm solle "neue Antworten auf neue Herausforderungen, orientiert an unseren Grundwerten, geben", scholzt es nun schon mal aus ihm heraus.

Erst "tief Luft geholt" und dann fix zugesagt

Als Müntefering ihm den Job anbot, hat Benneter "tief Luft geholt" und dann fix zugesagt. Worauf er sich da eingelassen hat, scheint ihm aber erst allmählich aufzugehen. "Gelegentlich", gibt er zu, habe er doch Bammel - und das dürfte ziemlich beschönigt sein angesichts der katastrophalen Lage, aus der er die SPD mit herauswuchten soll. Bei seinem Rauswerfer Egon Bahr holte sich Benneter ein paar Tipps dafür ab. Er solle, empfahl ihm der einstige SPD-Bundesgeschäftsführer, die Basis abklappern und sich erstens den Unmut anhören, zweitens für die Reformen werben und drittens Mut für die Zukunft machen. Das entspricht exakt der Stellenbeschreibung, die Benneter zugedacht ist: Münteferings Außendienstler. Frustableiter und Muntermacher. Die Rolle muss er aber noch kräftig üben. Seine Vorstellungsrede auf dem SPD-Parteitag fiel eher unters Betäubungsmittelgesetz.

Die Route für die Roadshow ist bereits geplant. Sein ABE dafür hat der Genossen-Flüsterer brav gepaukt. Ausbildungsumlage, Bürgerversicherung, Erbschaftsteuer - alles, was das linke Herz begehrt, wird angepackt, so schnell es geht und so weit es der Bundesrat zulässt. Und, natürlich, werde "der demokratische Sozialismus auch künftig seinen Platz in unserem Programm haben". Benneter weiß, was Sozialdemokraten wünschen. Und wie man sie leicht etwas glücklicher und sich damit die Arbeit etwas einfacher machen kann. Aber die Hoffnung auf ein Wunder, auf die ersehnte Rücknahme der Reformen, wird auch er enttäuschen. "Einen Politikwechsel wird es nicht geben", sagt er. Schließlich lautet sein Auftrag, der Basis beizupulen, dass die Regierung "die richtige und notwendige Politik in schwieriger Zeit" macht.

Eher emotional als intellektuell

Genauso gut könnte Benneter sich auch vornehmen, mal Boris Becker im Tennis zu bezwingen. Aber vielleicht gelingt es ihm ja doch, den regierungs- und reformmüden Mitgliedern wieder etwas Kampfeslust und Überlebenswillen einzuhauchen. Die intellektuelle Schärfe seines Vorgängers mag ihm abgehen, dafür besitzt er etwas, woran es Scholz mangelt: Emotionalität. Er kann gut kumpeln, muss das auch nicht spielen. "Der Benni mag die Leute", sagt Wolfgang Roth, der Anfang der siebziger Jahre die Jusos anführte.

Benneter strahlt die schwer erschütterbare Lebensfreude eines in sich ruhenden Aufsteigers aus, der die schönen Seiten des Daseins nicht zuletzt deshalb zu schätzen weiß, weil er nicht unter Kronleuchtern aufgewachsen ist. Sein Vater hat als Eisenbahner in Karlsruhe gearbeitet; der Sohn, der sich am Tag nach der Musterung zum Studium ins wehrdienstfreie Berlin absetzte, jobbte als Briefträger und Straßenbahnschaffner. "Ich würde mich heute noch als Linken bezeichnen", sagt er. "Ein Linker achtet darauf, dass die kleinen Leute nicht unter die Räder kommen."

Seine Definition der "kleinen Leute" weicht allerdings vom gängigen Rentner-Arbeitslosen-Sozialhilfeempfänger-Muster ab: Für ihn zählen dazu "zum Beispiel allein erziehende Frauen mit zwei Kindern und einem gering bezahlten Job". Da weiß Benneter auch genau, wovon er spricht. Er hat lange genug Scheidungssachen bearbeitet. Einmal ist eine verzweifelte Mandantin aus dem Fenster im vierten Stock gesprungen, während er die Unterhaltsklage diktierte. Sie fiel auf ein Auto, das hat ihr wahrscheinlich das Leben gerettet.

"Über was für einen Scheiß reden die da eigentlich?"

Gut möglich übrigens, dass der Jungsozialistenführer B. seine radikalen Anfälle selbst viel weniger ernst genommen hat als alle anderen. Als die Jusos zwei Jahre nach seinem Rauswurf in Aschaffenburg tagten, verfolgte Benneter als Gast, wie sie sich vorne am Mikrofon mit Schmackes darüber stritten, ob der Staat als ideeller Gesamtkapitalist agiere. Nach ein paar Minuten drehte er sich zu seinem Nachbarn und sagte: "Über was für einen Scheiß reden die da eigentlich?"

Andreas Hoidn-Borchers / DPA