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Kolumne "Berlin vertraulich!": Guttenbergomania total

Alle finden ihn toll, den Verteidigungsminister - nur Horst Seehofer nicht. Präsident Wulff kann noch nicht umziehen, die Renovierung läuft. Und der Innenminister liest Sarrazins Buch nicht.

"Berlin vertraulich" von Hans Peter Schütz

Polit-Berlin kann es nicht fassen: Bis hinauf in die höchsten Ränge der politischen Hierarchie staunen sie mit offenen Mündern über die "Guttenbergomania". "Wie ein Tropensturm", so die an sich sonst stets mit Worten moderate "Frankfurter Allgemeine", sei Karl-Theodor zu Guttenberg über die Republik gekommen. Die eher linke "Frankfurter Rundschau" entdeckte in ihrer Redaktion monarchistische Kollegen, die ganzseitig-schwärmerisch über "Das Königspaar aus Kulmbach" dichteten. Natürlich mischt "Bild" mit und fragt per Schlagzeile "In welches Amt stürmt Guttenberg 2011?" Als ob es noch ein anderes als die Kanzlerschaft geben könnte. Der "Spiegel" schwärmt mit Titelgeschichte vom "Paarlauf ins Kanzleramt". Selbst die dort vorerst noch ansässige Kanzlerin Angela Merkel redet neuerdings von einem "neuen deutschen Power-Paar", das sie "mit Wohlgefallen" zur Kenntnis nehme.

Und auch die Umfragen passen zu "KT", wie ihn alle inzwischen nennen, und seiner Angetrauten: Mit weitem Abstand führt er persönlich das Ranking der beliebtesten Politiker an. Dass jetzt seine Ehefrau Stephanie zu Guttenberg in einer Umfrage des Stern von 44 Prozent als eine potenziell gute Familienministerin bezeichnet wurde, hat aber zusätzlich verblüfft. Davon kann die amtierende Familienministerin Kristina Schröder (CDU) nur träumen - vermutlich kennt die kaum einer.

Wer der Verlierer der Guttenbergomania ist, steht fest: CSU-Chef Horst Seehofer. Auf dem Deutschlandtag der Jungen Union am vergangenen Wochenende redete er - und das Jungvolk applaudierte zweieinhalb Minuten lang begeistert. Peinlich nur: Nicht ihm galt der Jubel, sondern seinem Satz "Karl-Theodor ist ein starker Politiker". Seehofer wollte retten, was zu retten war und fügte an: "Immerhin habe ich den Karl-Theodor erfunden." Da wurde er ausgelacht und am Ende gab es nicht mal ein müdes Klatschen für ihn.

Selbst in der Linkspartei staunt man über "KT". Ihr Fraktionschef Gregor Gysi zu stern.de: "Seine Neider in der CDU haben ihn zum Verteidigungsminister gemacht, damit er unbeliebter wird – und was macht er? Er schafft ruckzuck die Wehrpflicht ab und wird noch beliebter." Der Unterton gewisser Sympathie bei Gysi über den politischen Adelsmann ist nicht zu überhören. Bundesinnenminister Thomas de Maizière findet dessen Auftreten "erstklassig" und fügt im Gespräch mit stern.de an: "Vermutlich spielt auch das Thema Adel eine Rolle." Und was sagt zu Guttenberg selbst auf die Frage, wozu Adel verpflichtet? Zu stern.de: "Zunächst einmal zur Leistung."

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Ein Bundespräsident mit kleinen Kindern ist in der Verfassung irgendwie nicht vorgesehen worden. Jedenfalls gibt es derzeit im Schloss Bellevue für Christian Wulff lediglich ein Schlafzimmer mit Bad. Die Räume, in denen die Präsidenten Johannes Rau (SPD) und Roman Herzog (CDU) einst lebten, sind in Konferenzräume umgebaut worden. Doch ab Mitte Dezember können Bettina Wulff, ihr Ehemann und die Kinder Balthasar (2) und Leander (7) gemeinsam in einer Villa in Berlin-Dahlem ein Familienleben pflegen, das jetzt nur am Wochenende nahe Hannover stattfindet.

Umgebaut wird eine Villa des Jahrgangs 1912, die einst auch Kanzler Gerhard Schröder als Berliner Amtssitz diente, danach Präsident Horst Köhler beherbergte. Doch erst muss sie "sauber" gemacht werden, was zum Beispiel heißt, die krebserregenden Stoffe unterm vergammelten Dach zu beseitigen. Wenn alles fertig ist, stehen Wulff im Paterre Arbeits- und Empfangsräume über 150 Quadratmeter zur Verfügung, im ersten Stock liegt eine ebenso große Privatwohnung mit zwei kleinen Kinderzimmern. Wulffs Tochter Annalena aus erster Ehe bekommt ein Zimmerchen unterm Dach für ihre Berlin-Besuche. Billig ist die Renovierung nicht: 900.000 Euro kostet sie und dabei wird gespart, wo es nur geht. Kosten, das Haus sicher zu machen, kommen hinzu. Aber Panzerglasscheiben müssen nun einmal sein. Immerhin, Wulffs zahlen auch Miete.

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Muss man als Spitzenpolitiker das umstrittene Buch von Thilo Sarrazin "Deutschland schafft sich ab" lesen? Nein, sagt beispielsweise Bundesinnenminister de Maizière. "Ich lasse lesen," gestand er stern.de. Er orientiert sich an einem 20-seitigen Dossier mit den wichtigsten Zitaten und Thesen, das ein Mitarbeiter des Ministeriums zusammengestellt hat. Auch die Lektüre des Buchs "Konservativ" seines Parteifreundes Roland Koch hat er noch nicht in Angriff genommen. "Ich bin selbst konservativ", sagte de Maizière zu stern.de. Wenn er am Ende der langen Ministertage Zeit finde, sich mit einem Buch zu entspannen, dann lese er gerne Belletristik. Auf zwei aus seiner Sicht bemerkenswerte Sachbücher wies er dennoch hin: "Betroffenheitskult" der Autorin Cora Stephan, eine politische Sittengeschichte, und "Reform" des Journalisten Ralph Bollmann. Das Buch schildert die Geschichte der Reformen vom Mittelalter bis heute. Von der Bildungsreform Karl des Großen bis Gerhard Schröders Agenda 2010. Fortbildungslektüre? Bollmann arbeitet bei der linken "tageszeitung".

  • Hans Peter Schütz