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Meinung

Die Grünen und die K-Frage: Habeck kann Kanzler – und Baerbock mindestens genauso gut!

Seit die Grünen im Umfragehoch schweben, fragen sich Journalisten wie Wähler: Will der Habeck Kanzler? Kann er Kanzler? Dabei hat der Grünen-Vorsitzende mit Annalena Baerbock eine gleichberechtigte Co-Vorsitzende, die mindestens genauso gut Kanzlerin könnte. Ein Kommentar.

Robert Habeck und Annalena Baerbock

Sie überragte ihn mit knapp 97 Prozent: Annalena Baerbock erzielte ein Rekordergebnis bei der Wahl zur Bundesvorsitzenden. Ihr Co-Vorsitzender Robert Habeck erreichte "nur" 90,4 Prozent. 

DPA

Mit solchen Ergebnissen hat kaum jemand gerechnet: Robert Habeck und seine Co–Vorsitzende Annalena Baerbock sind beim Parteitag der Grünen am Wochenende mit beachtlichen Ergebnissen erneut zur Doppelspitze der Partei gewählt worden. Einen Rekord hat dabei Annalena Baerbock geknackt: Mit 97,1 Prozent hat sie das beste Ergebnis seit der Verschmelzung von Bündnis 90/Die Grünen im Jahr 1993 eingefahren. Robert Habeck schaffte mit 90,4 Prozent auch einen gewaltigen Achtungserfolg, konnte er sich doch um knapp neun Prozent verbessern.

Die Spitzenwerte bei den Grünen – ob bei der Doppelspitze oder in den Sonntagsfragen – lassen bei Parteimitgliedern, Wählerinnen und Wählern und bei Titelseiten von Zeitungen und Magazinen die Fragenaufkommen: Kann Robert Habeck Kanzler? Will er Kanzler? Soll er Kanzler? Eine berechtigte Frage, immerhin ist Habeck ein prominentes Gesicht, kann gut reden, hat gute Ideen. Aber warum stellt man diese Fragen nicht auch seiner – immerhin gleichberechtigten – Co-Vorsitzenden Annalena Baerbock? Hat sie nicht mindestens genauso das Zeug fürs Kanzleramt, wie Habeck?

Grünen–Spitze fasst Kanzlerfrage nicht mal mit Kneifzange an

Die beinahe schon obligatorische Frage zur Kanzlerkandidatur Habecks stellte auch Dunja Hayali am Montagmorgen im ZDF–Morgenmagazin: "Haben Sie Lust aufs Kanzleramt?" Habeck reagierte darauf genervt und beinahe schon zickig und beleidigt und antwortete: "Vielleicht sollte ich eine Ansage machen für alle ihre Kollegen und Sie. Wir melden uns, wenn wir was zu sagen haben. Da kommt nix bei raus! Was wollen Sie mich da fragen?" Man sei stark geworden, weil man sich nicht auf solche Fragen eingelassen habe, so Habeck weiter. Man fange nicht an zu spekulieren. Als Hayali ihn korrigierte, dass es keine Spekulation sei zu fragen, ob man Lust aufs Kanzleramt habe, konterte Habeck: "Wenn Sie mich fragen, wie wird das Wetter in zwei Jahren sein, weiß ich's auch nicht" und führt fort: "Es hat eher was mit Sinn oder mit Sinnhaftigkeit zu tun. Diese Lustfrage tut so, als ob Verantwortung sowas wäre wie ein Picknick oder ein Kindergeburtstag!"

Die Spitze der Umweltpartei scheint momentan also keine Lust auf die K-Frage zu haben, sie wird – zumindest nach außen hin – noch nicht mal mit der Kneifzange angefasst. Dennoch wird sie gestellt und es dreht sich (fast) immer nur um einen: Robert Habeck. Und dass er im Mittelpunkt der Frage um die grüne Kanzlerkandidatur steht, zeigte seine Reaktion gegenüber Hayali, die ja nun auch nicht die Erste war, die ihm diese Frage gestellt hat. 

All eyes on Habeck. Warum nicht auf Frau Baerbock?

Klar fällt der Blick schnell auf Habeck, denn immerhin ist die Partei so stark wie nie und er ist ein charismatischer Vorsitzender. Er hätte das Zeug dazu, um Kanzler zu werden. Er ist ein Mann, der als Anhänger des "Realo"–Flügels eine realistische Politik anführt. Ein Mann, der als langjähriger Minister in Schleswig-Holstein schon mal auf der Regierungsbank saß. Ein Mann, der wortgewandt ist. Wenn Robert redet und über Politik und Gesellschaft philosophiert, hängen ihm nicht selten Mitglieder und Wählerinnen und Wähler mit Herzchen in den Augen an den Lippen. Und Habecks politischer Aufstieg und seine Ambitionen der letzten Jahre deuten darauf hin, dass er sich vielleicht auch ganz gerne auf dem Kanzlerposten sehen könnte – nur nicht eben gerne darüber redet.

Habecks Co-Vorsitzende Baerbock wird in dieser ganzen Debatte aber eher stiefmütterlich behandelt – zu Unrecht! Denn sie ist ja mit Habeck an der Spitze gleichgestellt und wird wie er auch dem "Realo"-Flügel zugeordnet. Warum also nicht die Frage: Kann Baerbock Kanzlerin? Ihre Wahlergebnisse vom Parteitag am vergangenen Wochenende zeigen ja, dass sie in der Partei einen enormen Rückhalt hat und man der 38–Jährigen nicht nur vertraut sondern auch einiges zutraut.

Die Qualitäten und Erfahrungen von Baerbock können sich sehen lassen

Und nicht nur ihr Wahlergebnis, auch ihr Lebenslauf spricht für Annalena Baerbock als Kanzlerin: Sie war – wie Habeck auch – Mitglied des Sondierungsteams der Grünen, das die (gescheiterten) Jamaika-Verhandlungen 2017 begleitete. Sie sitzt seit 2013 als Abgeordnete im Deutschen Bundestag, ist in zwei Ausschüssen. Als ehemaliges Vorstandsmitglied der Europäischen Grünen Partei hat sie auf internationaler Ebene einen Fuß in der Tür – und als frühere Parteivorsitzende der Grünen in Brandenburg könnte sie eventuell bei den Wählerinnen und Wählern in den ostdeutschen Bundesländern punkten. Und wer den Grünen-Parteitag verfolgt hat, der weiß: Annalena Baerbock kann auch gut reden – und begeistern! Sie ist jung, dynamisch und hat was drauf, so wie Robert Habeck. Doch es ist Letzterer, der es in die Schlagzeilen schafft.

Auf dem Grünen-Parteitag hält Robert Habeck eine flammende Rede

Ungeachtet dieser Dinge: Die Grünen galten und gelten als eine Partei, die sich Gleichberechtigung auf die Fahnen geschrieben hat. Deshalb hat die Partei ja auch schon seit Jahrzehnten mindestens eine Frau als Bundesvorsitzende, meist in einer Doppelspitze. Und auch, wenn sich Frau Baerbock ebenso wenig zur K–Frage äußern wird, wie ihr Parteikollege: Wäre es in Anbetracht der Geschlechtergleichheit der Partei nicht besser die Frage zu stellen, ob Baerbock Kanzlerin sein kann, möchte oder sollte? Sollten wir unsere Augen (auch) auf Annalena Baerbock richten und nicht nur auf sie schielen? Oder andersherum gefragt: Liebe Frau Baerbock, haben Sie Lust aufs Kanzleramt?