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Kommentar: Die Ära Stoiber ist vorbei

Die CSU kann es drehen und wenden wie sie will. Die Ära Stoiber ist vorbei, selbst wenn ihr Chef vorerst noch in Amt und Würden bleiben sollte. Stoiber hat der Partei grandiose Erfolge und einen rapiden Verfall beschert. Nun muss sie sich neu erfinden - ohne ihn.

Von Florian Güßgen

Es war ein schwerer Gang, den Edmund Stoiber am Mittwoch angetreten hat. Es war ein Spießrutenlauf, wie es ihn im herrschertreuen Bayern selten gegeben hat. Die CSU-Landtagsfraktion hat den bayerischen Ministerpräsidenten nach allen Regeln der Kunst gemaßregelt, ins Benehmen gesetzt. Sie hat ihm seine Grenzen aufgezeigt. Spätestens mit diesem Bußgang, den Stoiber trotz der heftigen Prügel reuevoll ertrug, ist seine Ära vorbei. Es ist nicht der Nimbus des Freistaates, wie es der notorische Stoiber-Gegner Alfred Sauter geschwollen formulierte, der zerstört ist. Es ist die Glaubwürdigkeit Stoibers, die unwiderbringlich verloren ist. Noch scheut sich die Partei, dieser Erkenntnis konkrete Taten folgen zu lassen. Nichtsdestotrotz wird die CSU sehr bald beginnen müssen, sich neu zu erfinden. Der neue, mächtige Spieler heißt dabei Joachim Herrmann.

Erfolgsmodell Laptop und Lederhose

Die CSU hat Stoiber viel zu verdanken. Er war es, der das Dickicht des Strauß'schen Erbes weggeschlagen hat, obwohl er selbst darin groß geworden war. Er hat Schluss gemacht mit den sinistren Seilschaften und der halbkriminellen Hinterzimmer-Philosophie, die sie in Bayern so gerne mit einem "Mir-san-mir-Gefühl" garniert haben.

Aber nicht nur das. Stoiber hat eine moderne Industrie-Politik betrieben, die dazu führt, dass der Freistaat eben nicht nur bei der PISA-Studie vorne liegt, sondern auch in der Wirtschaftspolitik. Dass er seinen Bürgern hartes Sparen und eine herbe Verwaltungsreform zugemutet hat, mögen die Betroffenen beklagen - eine vorbildliche Politik war es dennoch. Stoiber hat es, ungeachtet allen Hohns, geschafft, Laptop und Lederhose zusammenzuführen. Die Bürger haben Stoiber lange goutiert, und deshalb hat ihn auch die CSU lange als ihren Säulenheiligen betrachtet - Edmund, Du bist unser Held.

Stoiber muss sich den Autoritätsverlust selbst zuschreiben

Dass es jetzt so schnell bergab gegangen ist, das hat sich Stoiber selbst zuzuschreiben. Dabei geht es im Kern weniger um seine schlussendliche Entscheidung, in München zu bleiben. Der Knackpunkt ist sein totaler und rapider Verlust an Glaubwürdigkeit. Stoiber hat den Bürgern vorschwadroniert, es gäbe nichts Wichtigeres, als sich um das Wohl des Landes zu kümmern, dann aber genau in dem Moment gekniffen, indem er die Chance hatte, sich für genau dieses Wohl einzusetzen. Die Gründe für dieses Verhalten liegen zu offensichtlich im Persönlichen, als dass Stoiber dies mit wohlfeilen Worten über Müntefering, Statik-Geschwurbel oder Ähnliches kaschieren könnte. Entweder konnte er mit Merkel nicht oder er fühlte sich als Wirtschaftsminister zu ohnmächtig. Beides sind keine hinreichende Gründe dafür, den Bettel einfach hinzuschmeissen und nach München zu flüchten.

Noch fehlt ein starker Herausforderer

Hätte es in München einen starken Herausforderer gegeben, wäre Stoiber vermutlich noch in diesen Tagen von der allenthalben spürbaren Empörung an der Basis hinweggefegt worden. Diesen starken Gegner, und das ist Stoibers Glück, gibt es jedoch nicht. Noch nicht. Innenminister Günther Beckstein und Staatskanzlei-Chef Erwin Huber haben in den vergangenen Wochen um die Nachfolge Stoibers in München gerungen. Aber bevor es zum Showdown kam, war der Chef schon wieder da. Nun neutralisieren sich die beiden. Es ist unwahrscheinlich, dass einer den Mord an dem Ziehvater wagt. Joachim Herrmann, der Chef der Landtags-Fraktion, ist noch nicht so weit. Noch fehlt ihm die Verwaltungs-Erfahrung, noch ist der Weg nicht frei. Aber Herrmann hat in diesen Tagen an Statur gewonnen. Er hat Stoiber öffentlich gerügt - und ihm damit klar gemacht, dass die Fraktion den Regierungs-Chef künftig an einer sehr kurzen Leine halten wird. Dass Stoiber Grenzen gesetzt werden, das ist die neue Wirklichkeit in Bayern. Dass derjenige, der diese Grenzen im Namen der Fraktion setzt, Herrmann heißt, ebenfalls.

Herrmann steht in den Startlöchern

Die Chancen stehen gut, dass Herrmann demnächst in Stoibers Kabinett aufrücken wird. Dort kann er die Regierungserfahrung sammeln, die ihm bisher noch fehlt. Dann ist er der erste Kandidat für die Stoiber-Nachfolge. Schon jetzt versucht er, die verwundete Seele der Partei zu streicheln, wo er kann. Herrmann verspricht Offenheit und Glaubwürdigkeit - und er verspricht den Parteifreunden, sie anzuhören. Wenn der Schein nicht trügt, wird Herrmann in den nächsten Monaten sich ganz besonders um ein nun neu empfundenes Urbedürfnis in der Partei kümmern - das Gehört-Werden, das Ernst-Genommen-Werden. Er wird sich um die "Demokratisierung" der CSU verdient machen, während der unglaubwürdig gewordene Stoiber noch seine Ämter verwaltet. Dann, 2006 oder 2007, wird der Wechsel erfolgen. Die Partei wird Herrmann unterstützen, denn sie fürchtet nichts so sehr wie den Verlust der absoluten Mehrheit im bayerischen Landtag im Jahr 2008. Die Ära Stoiber wird dann auch formell abgewickelt sein.