Kommentar Ein Alptraum für Platzeck und die SPD


Der Rücktritt von SPD-Chef Matthias Platzeck ist ein schwerer Rückschlag für die Sozialdemokraten. Regionalfürst Kurt Beck wird den vermeintlichen Erneuerer nur schwer ersetzen können.
Von Florian Güßgen

Matthias Platzeck tritt zurück. Jenseits aller politischen Konsequenzen ist zu hoffen, dass er sich von seiner Krankheit wieder vollständig erholt - auch wenn er dann nicht mehr an der Spitze der deutschen Sozialdemokratie stehen wird.

Die politischen Konsequenzen haben es allerdings in sich. Platzecks Rücktritt ist ein Alptraum für die Sozialdemokraten. Nach der Achterbahnfahrt durch das Jahr 2005, nach dem Kamikaze-Abgang von Kanzler Gerhard Schröder und nach der geschwinden Selbstentleibung Franz Münteferings hatten sie auf Ruhe gehofft, hatten sich nach einer Atempause gesehnt. Personell hatten sie im November des vergangenen Jahres auf ihrem Parteitag in Karlsruhe eine neue, jüngere Riege ins Rennen geschickt: Platzeck, den 52-Jährigen, an die Spitze, Hubertus Heil, den 33-Jährigen, hoben sie ins Amt des Generalsekretärs. Was nun anstand, war eine inhaltliche Neuorientierung, die auch in der großen Koalition für ein eigenes Profil sorgen sollte. Platzeck, der auf dem Parteitag fast 100 Prozent der Stimmen erhielt, war die Projektionsfläche aller Hoffnungen der Sozialdemokraten, er personifizierte ihre Wünsche.

Beck und das Glaubwürdigkeitsproblem

Jetzt ist diese Projektionsfläche weg. Für die Genossen ist das ein Alptraum. Sicher, es gab in den vergangenen Wochen Kritik an Platzeck. Immer wieder, immer lauter. Er sei - gerade in der Auseinandersetzung mit Arbeitsminister Müntefering - zu schwach, hieß es. Er habe zu wenig Durchsetzungskraft bewiesen, kein programmatisches Profil erkennen lassen. Aber trotz dieser Mäkeleien war eigentlich klar, dass man mit einem relativ jungen Ostdeutschen, der noch unverbraucht war in der Bundespolitik, gut aufgestellt sein würde für die nächste Bundestagswahl, für 2009, für das Duell mit der Ostdeutschen Angela Merkel. Es würde sich schon alles fügen, hofften die Genossen.

Diese Überlegungen sind jetzt allesamt hinfällig. Jetzt herrscht erst einmal wieder Chaos in der SPD. Das eben vorsichtig aufgebaute Machtgefüge im Willy-Brandt-Haus muss nach nur etwas mehr als vier Monaten wieder neu justiert werden. Dazu kommt mit Kurt Beck ein neuer SPD-Chef, der etwas grundsätzlich anderes verkörpert als Platzeck. Der Brandenburger stand für Elan und Jugendlichkeit, auch für eine modernisierungswillige SPD, Beck haftet der Ruch des regional verwurzelten, etwas behäbigen Landesfürsten an. Zwar hat Beck bei genauerem Hinsehen in Rheinland-Pfalz einiges erreicht, zwar ist er ein gewiefter Medienpolitiker, aber ob das reicht, um in Berlin bella figura zu machen, sei dahin gestellt. Zudem bleibt Beck in Rheinland-Pfalz verhaftet. Vor zwei Wochen erst hat dort auch deshalb einen haushohen Sieg eingefahren, weil er sich dafür entschieden hatte, im Land zu bleiben, als er im vergangenen Jahr schon einmal für das Amt des SPD-Chefs im Gespräch war. Übernimmt er das Amt jetzt, hat er ein Glaubwürdigkeitsproblem, wenn auch unverschuldet. Beck steht zudem für die alte, westdeutsche Sozialdemokratie, nicht für eine gesamtdeutsche, frische SPD.

Franz Müntefering hat das Amt des SPD-Chefs einmal in höchsten Tönen gepriesen, es sogar mit dem des Papstes verglichen. Betrachtet man die jüngste Geschichte, das Pech, das den Ober-Genossen anhaftet, so scheint der Vergleich arg zu hinken. Das Amt scheint kaum ein Segen zu sein - sondern eher ein Fluch. Aber vielleicht hat Kurt Beck künftig ja mehr Glück als seine Vorgänger.


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