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Kommentar

Gewalt-Studie: Warum der Ruf nach Abschiebung nicht hilft

Mehr Zuwanderung erzeugt mehr Gewalt. Dieses Ergebnis einer Studie ist ein gefundenes Fressen für die AfD. Mit ihrem simplen Ruf nach Abschiebung der Täter trägt sie wenig zur Lösung bei. Im Gegenteil.

Ein Mann wirft bei Krawallen in Leipzig Flaschen Richtung Polizei - zu Gewalt-Studie

Silvester-Krawalle in Leipzig: Eine Studie belegt zwar, dass die Zahl der Gewalttaten durch die Zuwanderung gestiegen ist, doch populistische Argumentation stützt sie dennoch nicht.

Das musste ja so kommen. Einen Tag nach Veröffentlichung einer Studie im Auftrag des Bundesfamilienministeriums "zur Entwicklung der Gewalt in Deutschland" zieht die AfD ihre Schlüsse. "Niedersächsische Studie bestätigt: Migranten bis zu sechs mal krimineller als Einheimische", veröffentlichte der Berliner AfD-Landesvorsitzende Georg Pazderski über die sozialen Medien seine Interpretation des Studienergebnisses, das besagt, dass die Zahl der Gewaltdelikte in Deutschland vor allem durch Zuwanderung in den vergangenen beiden Jahren angestiegen ist. "Sechs mal krimineller als Einheimische" - das klingt schön plakativ, ist aber falsch, lässt diese Schlussfolgerung doch praktisch alle Bezugsgrößen, die von den Autoren der Studie genannt werden, außer Acht. Vor allem, dass der Anteil junger Männer zwischen 14 und 30 Jahren, auf deren Konto in jeder Kultur ein Großteil solcher Taten geht, unter den Flüchtlingen besonders groß ist.

Es ist fast müßig, die Gegenargumentation zu führen, ist die Alternative doch ohnehin nicht an einer Lösung interessiert. Ihr geht es darum, Flüchtlinge und Asylbewerber jenseits jeden Gedankens an humanitäre Hilfe schlicht und einfach loszuwerden. Mit einem "Rückflugticket ins Heimatland" (Pazderski) sei das Problem gelöst, wird suggeriert. Und schert man sich nicht weiter um das Schicksal von Menschen, die aufgrund von Notsituationen bei uns Hilfe suchen oder in ihrer Heimat möglicherweise Krieg und Verfolgung ausgesetzt sind, dann erscheint das auf perfide Art sogar logisch.


Gewalt gar nicht erst entstehen lassen

Die aktuelle Studie macht aber klar: Menschen, die für sich eine Perspektive sehen, die nicht sich selbst überlassen bleiben und die durch Freunde und Familie Bezugspersonen um sich haben, sind nicht die, die die Zahl der Gewalttaten steigen lassen. Es ist daher richtig und wichtig, dass die Autoren der Studie um den Kriminologen Christian Pfeiffer nichts vom Prinzip "Abschiebung, Abschiebung, Abschiebung" halten. Sie fordern völlig zurecht Präventionsmaßnahmen, die verhindern helfen, dass Gewalt überhaupt erst entsteht. Dazu kann der Familien-Nachzug zählen. Das können aber auch Maßnahmen sein, die darauf abzielen, dass Flüchtlinge nach einer Rückkehr in ihre Heimatländer bessere Perspektiven haben. Und die Autoren fordern ebenso rechtmäßig, diese Heimatländer bei der Re-Integration ihrer Bürger zu unterstützen, ja sie zu ihrem Glück zu zwingen. In den Worten Pfeiffers: "Wir unterstützen euren Arbeitsmarkt, wir tun alles, damit diese Rückkehr gelingt. Aber: Ihr müsst sie nehmen. Diese Klarheit hat es bislang so nicht gegeben." Das wird Geld kosten, aber es ist Geld, das letzten Endes Gewalt vorbeugt und das Flüchtlingsproblem nachhaltig lösen hilft.

Dass eine solche Hilfe nicht selbstverständlich ist, sondern in der öffentlichen Diskussion regelrecht gerechtfertigt werden muss, ist vermutlich eine jener "Kurskorrekturen", die Alexander Gauland, Co-Chef der AfD-Bundestagsfraktion, derzeit zufrieden seiner Partei auf die Erfolgsliste schreibt. In Wahrheit bringt die AfD damit allerdings gar nichts voran, sondern sie trägt dazu bei, dass sich unter anderem über den aus falsch verstandener Rücksicht auf populistische Stimmungen geführten Streit um Familien-Nachzug und Kürzungen von Sozialleistungen für Flüchtlinge eine Regierungsbildung immer und immer wieder verzögert.

Neue Regierung muss klare Antworten finden

Dabei gehört die Flüchtlingsfrage zweifellos zu jenen drängenden Problemen, für deren Lösung wir dringend eine neue Koalition im Bund benötigen. Dass die künftige Regierung klare Antworten auf die drängenden Flüchtlingsfragen liefert, fordern auch die Autoren der aktuellen Studie. Dazu bedarf es keiner populistischer "Kurskorrekturen".