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Landtagswahl in Bayern: Messias ohne Volk

In München ist er König, in Bayern - na ja, ein Sozi eben. Auch Spitzenkandidat Christian Ude wird die CSU-Herrschaft kaum beenden. Und das weiß er.

Von Laura Himmelreich

Vor ein paar Wochen, in seinem Wahlkampfbus, erklärte der bayerische SPD-Spitzenkandidat Christian Ude, wie er nach 56 Jahren CSU-Herrschaft die Revolution plant: mit der Bierzeltregel. Wenn er durch die Bierzelte toure, sagte er, klatschten die Parteisoldaten in der vorderen Hälfte des Festzelts sowieso. Er könne aber nur Ministerpräsident werden, wenn er auch die hinteren Reihen des Zelts zum Kochen bringt: "Da sitzen die, die nur ihr Bier trinken wollen." Und vor allem jene 40 Prozent, die noch nicht wissen, wen sie wählen.

Die muss Ude erreichen. Besser gesagt: müsste.

Als er vor ein paar Wochen im Festzelt von Weiden spricht, nickt ein älterer Herr über seinem Maßkrug ein. Anfang September auf dem Volksfest Gillamoos wirkt Ude fast schon resigniert. Er sagt, trotz unzähliger Affären der CSU wählten die Leute "wie es Brauch ist." Einmal CSU, immer CSU.

Die Münchner lieben ihn

Es sieht so aus, als ob diese bajuwarische Zwangshandlung auch am kommenden Sonntag bestätigt wird. In den Umfragen liegt die CSU im Bereich der absoluten Mehrheit. Die SPD droht auf ihrem historischen Tiefststand von 18 Prozent zu verharren.

Als Ude vor zwei Jahren ankündigte, Ministerpräsident Horst Seehofer herauszufordern, waren die Sozialdemokraten wie berauscht. Die CSU zitterte. Denn eigentlich sticht Ude wie ein Messias aus der Mittelmäßigkeit der bayerischen Spitzensozis heraus. Seit 20 Jahren ist er Münchens Oberbürgermeister. Er hat zwei CSU-Ministerpräsidenten überlebt und zehn Trainer des FC Bayern. Als Mieteranwalt kämpfte er für die Schwachen. Als Hobbykabarettist bringt er das Volk zum Lachen. Auf dem Oktoberfest ruft er nach nur zwei Schlägen: "O'zapft is!" Die Münchner lieben ihn und verwöhnten zuletzt mit einer satten Zweidrittelmehrheit.

Den Bayern fehlt der Glaube

Doch jetzt, auf den Bühnen jenseits der Landeshauptstadt, wirkt es, als nehme ihm die Größe der Herausforderung seine Leichtigkeit. Er doziert in seinem Stakkato-Sprech über "ein soziales Vergaberecht, das an die Mindestarbeitsbedingungen anknüpft". Er verkrampft. Viel zu selten lässt er den selbstironischen, spontanen Ude aufblitzen, den die Großstädter so schätzen. Aus dem Bürgerkönig ist ein bayerischer Sozi geworden - nett, aber chancenlos.

"Man kann sich ja kaum mehr glückliche Kühe vorstellen, ohne zu denken: Hier wird CSU gewählt", sagt er selbst. Eben das ist sein Problem. Solange die Kuh zufrieden ist und die Arbeitslosigkeit niedrig, verzeihen die Wähler der CSU fast alles: selbst Verwandten-Affäre, PKW-Maut-Populismus und Landesbank-Desaster. Da hilft es selbst nichts, dass Ude im TV-Duell eine deutlich bessere Figur machte als Seehofer. Den Bayern fehlt schlicht der Glaube, dass es ihnen mit der SPD am Ende noch besser ginge.

Seehofers Tricks

Jahrzehntelang haben sich die Sozialdemokraten in der Opposition selbst zerfleischt. Nun gehen ihnen auch noch die Themen aus. Bei der Abschaffung der Studiengebühren, der Mietpreisbremse oder beim umweltverträglichen Donau-Ausbau ist Horst Seehofer aus Angst vorm Wähler längst auf SPD-Linie eingeschwenkt.

Auch Udes potenzielle Partner schrecken die Bürger ab. Mit einem labilen Dreierbündnis will er regieren, gemeinsam mit den Grünen und den populistischen Freien Wählern. "Niemand nimmt diese Koalition ernst", sagt der Politikwissenschaftler Heinrich Oberreuter.

Udes Vorsorge

Die Revolution in Bayern wird wohl scheitern. Für den 65-jährigen Ude endet 2014 aus Altersgründen auch seine Zeit als Monarch der Metropole München. In ein Loch fallen würde er nicht. "Wenn man in der Bayern-SPD ist und als Fußballfan zu den Münchner Löwen hält", sagt er, "ist das die beste Schule, um Niederlagen zu verkraften."