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Lebensmittel-Kennzeichnung: Seehofer präsentiert Kuschelvariante

Wie müssen Lebensmittel gekennzeichnet sein, damit Verbraucher einschätzen können, wie viel sie davon essen dürfen, ohne fettleibig zu werden? Verbraucherschutzminister Horst Seehofer hat heute wieder einmal jene Variante präsentiert, mit der auch die Industrie liebäugelt.

Wie erkenne ich jene Lebensmittel schon im Supermarkt, die mich dick und so möglicherweise krank machen? In der Debatte um die Kennzeichnung von Lebensmitteln liefern sich Verbraucherschutzminister Horst Seehofer (CSU) und die Opposition, allen voran die Grünen, schon seit einiger Zeit Scharmützel. Auf der Lebensmittelmesse Anuga hat Seehofer nun Eckpunkte Pläne für eine erweiterte Kennzeichnungsregelung vorgestellt.

Demnach sollen fünf Nährwerte wie Kalorien, Zucker und Fett in einer von zwei möglichen Varianten gut sichtbar auf Verpackungen oder Etiketten angegeben sein. "Wir wollen eine freiwillige Lösung in Deutschland", sagte der Minister. Verbraucher-Organisationen und Politiker hatten die in einzelnen Punkten zuvor bekannt gewordenen Eckpunkte bereits als unzureichend kritisiert.

Seehofer setzt auf freien Willen der Industrie

Nach dem präsentierten Modell "1 plus 4" sollen die Kalorien immer auf der Schauseite der Verpackung oder des Etiketts angegeben sein, sagte Seehofer. In freier Platzierung sollen die Hersteller zudem den Gehalt von Zucker, Fett, gesättigten Fettsäuren und Salz entweder auf der Schauseite oder an anderer Stelle auflisten.

Nach dem Modell, das eine Idee der Wirtschaft aufgreife, solle der Nährwert immer pro Portion angegeben werden und außerdem - als Orientierung - in Bezug gebracht werden zu dem durchschnittlichen Tagesbedarf an Kalorien einer erwachsenen Frau (2000 Kalorien). Seehofer betonte, er setze bei der Umsetzung des Modells auf eine "Partnerschaft mit der Wirtschaft" statt auf Verbote oder Sanktionen.

Regierung kämpft gegen Fettleibigkeit

"Es muss wahr sein, was drauf steht und es muss verständlich sein und den Verbraucher in die Lage versetzen, Produkte auch untereinander zu vergleichen", betonte Seehofer. Das sei heute vielfach noch nicht gegeben. Ziel sei es, dass in den kommenden drei Jahren rund drei Viertel aller Lebensmittel-Produkte auf dem deutschen Markt die neuen Kennzeichnungen tragen. Änderungen an den Eckpunkten seien nicht ausgeschlossen, im Kern sei aber das Beste für den Verbraucher erreicht. Ausnahmen seien möglich etwa bei Kleinstverpackungen oder bei großen finanziellen Hürden etwa für kleinere Unternehmen.

Die Regelung ist Schwerpunkt des Nationalen Aktionsplans der Bundesregierung gegen falsche Ernährung, Übergewicht und Bewegungsmangel. Zwei Drittel der Männer, gut die Hälfte der Frauen und 15 Prozent der 7- bis 10-jährigen Kinder sind zu dick. Auch in der EU wird derzeit an einer Änderung des Kennzeichnungsrechts für Lebensmittel gearbeitet, sagte Seehofer.

Kritiker fordern Ampelsystem

Der Hauptverband des Deutschen Einzelhandels (HDE) und der Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde (BLL) begrüßten in Köln die "klare Absage" Seehofers an das sogenannte "Ampel"-System. Die Farben rot, gelb, grün zeigen an - wie in Großbritannien praktiziert - ob das Produkt hohe, mittlere oder geringe Gehalte an Fett, Zucker, gesättigten Fettsäuren oder Salz enthält. HDE-Präsident Josef Sanktjohanser und BLL-Präsident Theo Spettmann sagten, dieses "Ampel"-System bewerte Lebensmittel zu vereinfachend und ungenau und sei mit dem "Prinzip der objektiven Nährwertinformation unvereinbar." Seehofer sagte mit Blick auf die "Ampel": "Vereinfachung kann auch Verdummung sein."

Die stellvertretende Grünen-Fraktionschefin Bärbel Höhn kritisierte die Pläne der Bundesregierung als "unseriös". Sie seien nicht hilfreich, wenn damit das Übergewicht bei Kindern gesenkt werden solle. Renate Künast als Fraktionsvorsitzende der Grünen hatte bereits vor einigen Tagen von einer "Mogelpackung" gesprochen.

Die Verbraucherschutz-Organisation Foodwatch und die Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) forderten eine "Ampel"- Kennzeichnung nach britischen Vorbild. Die Angabe in den Farben rot, gelb, grün sei sofort für jedermann verständlich. Nur so lasse sich Übergewicht bei Kindern verhindern, betonte Foodwatch. Eine Kalorienbombe müsse als solche auch erkennbar sein, verlangte die vzbv. Auf Freiwilligkeit zu setzen, sei der falsche Weg im Kampf gegen Übergewicht.

DPA / DPA