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Merkel oder Steinbrück: Und wen soll ich jetzt wählen?

Das TV-Duell war: anstrengend. Zuviel Selbstdarstellung, zu wenig Schlagabtausch. Steinbrück ging, weil präziser, und mitunter witzig, mit leichten Vorteilen raus. Aber das reicht nicht.

Ein Kommentar von Lutz Kinkel

Ein Tweet brachte es auf den Punkt. "Public Viewing auf meinem Sofa. Kommentar: 'Bla, bla, bla. Und wen soll ich nun wählen?'", schrieb Kollege Jens König direkt nach dem TV-Duell. Und in der Tat: Die Sendung litt unter einem Informationsoverkill. Gefühlt 90 Themen in 90 Minuten. Mitunter sehr komplexe Zusammenhänge wie die Eurokrise. Und keine Zeit zur Vertiefung. Vermutlich haben viele zwischendrin den Faden verloren und ihn nicht mehr wieder aufgenommen. Was zeigt: Das Konzept des TV-Modells trägt nicht mehr. Es muss geändert werden.

Wenn einer politisch mit leichten Vorteilen aus dem Duell ausgestiegen ist, dann ist es Peer Steinbrück. Nachdem er sich warm geredet hatte, war er schnell, präzise, mitunter sogar witzig. Ein Highlight setzte er, als er Merkel in der Debatte um die PKW-Maut zu einem klaren Statement zwang. Sie sagte: "Mit mir wird es keine PKW-Maut geben." Obwohl die CSU, die Schwesterpartei der CDU, genau das fordert. Steinbrück kommentierte grinsend: "Schöne Grüße nach München." Treffer.

Wer hat das TV-Duell gewonnen?

Kanzlerin fuhr ihre Umarmungsstrategie

Andererseits: Auch Kanzlerin Angela Merkel zeigte, dass sie zum schnellen Konter fähig ist. Als Steinbrück über die Machtperspektive der SPD sprach und Rot-Rot-Grün vehement ablehnte, ranzte sie ihn von der Seite an, das könne er nach der Wahl sowieso nicht mehr entscheiden. Was heißen sollte: Dann bist Du, Peer, nämlich schon weg. Und Dein Parteivorsitzender Sigmar Gabriel hat ganz andere Vorstellungen. Eine gut gesetzte, kleine Stichelei. Eine Rote-Socken-Kampagne in einem Satz.

Überhaupt die Kanzlerin: Sie fuhr wieder ihre Umarmungsstrategie. Betonte, was sie in der Großen Koalition gemeinsam mit der SPD entschieden hat. Lobte die Sozialdemokraten für ihre Unterstützung der Europolitik. Und versicherte ununterbrochen, dass alle Kritikpunkte, die ihr Herausforderer nannte, von der NSA-Affäre über den Mindestlohn bis zur Mütterrente, bei ihr längst in Arbeit seien. Das ist ihr altes Konzept: Die SPD drücken, bis ihr die Luft wegbleibt.

Steinbrück gelang es nicht, die Merkelsche Gummiwand zu durchstoßen. Es gelang ihm auch nicht, Merkel aus der Reserve zu holen. Sie hatte keinen unkontrollierten Moment. Er konnte nur seine eigenen Vorteile ausspielen: seine Rede- und Schlagfertigkeit. Wobei sein gelegentlich durchbrechender Hang zum akademischen Vortrag Akademiker begeistern dürfte, die Massen aber nicht. Ein Satz wie "dieses Betreuungsgeld ist arbeitsmarktpolitisch und integrationspolitisch falsch" ist kein Bierzeltknüller.

Eindeutiger Gewinner ist Raab

Merkel macht es ihren Zuhörern und -sehern einfacher. Sie zieht eine schwarz-gold-rote Kette an, über die schon während der TV-Übertragung heftig getwittert wurde. Sie wünscht in ihrem Abschlussstatement einen "schönen Abend", ganz im Stil des neuen Papstes. Und sie suggeriert, dass sie all' das machen wird, was die SPD auch machen will - bis auf die Steuererhöhungen. Das ist eine simple, aber eingängige Botschaft.

Die ersten Umfragen sehen ein 1:1 zwischen beiden, manche einen Vorteil für Steinbrück. Insgesamt hat er etwas an Boden gut gemacht. Angesichts der Umfragewerte dürfte das für die SPD nicht reichen. Er hätte das Duell schon haushoch gewinnen müssen, um die Wahl noch zu drehen.

So gab es am Ende des Tages nur einen eindeutigen Gewinner: Stefan Raab. Leidenschaftlicher als er war keiner.