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Noch-SPD-Chef Müntefering: Franz, der Profi

Franz Müntefering ist am Punkt ohne Wiederkehr angekommen. Der Parteitag in Dresden wird sein letzter Auftritt als SPD-Parteichef sein. Ein Porträt über den Mann, den sie Münte nannten.

Von Andreas Hoidn-Borchers

Luc Besson drehte 1994 seinen besten Film. Jean Reno ist darin "Leon, der Profi". Ein Auftragskiller, der für die italienische Mafia Konkurrenten aus dem Weg schafft. Präzise, verlässlich, geräuschlos. Wortkarg und genügsam. Seine Waffen, eine Tüte Milch am Tag, eine Zimmerpflanze - mehr benötigt er nicht zum Leben. Freunde hat er nicht. Ein Alleiner. Bis die zwölfjährige Mathilda auftaucht, deren Familie von Drogenbaronen und korrupten Polizisten ausgelöscht wurde, und Leon bittet, sie auszubilden, damit sie sich rächen kann. Das Ganze endet in einem furiosen Blutbad, das Leon nicht überlebt - allerdings reißt er eine Reihe seiner Gegner mit in den Tod.

In den knapp zwei Stunden, die der Film dauert, wächst einem Jean Renos verschlossener, rätselhafter Leon richtig ans Herz - der Blutspur zum Trotz, die er hinterlässt.

1994 holte sich der angeschlagene SPD-Vorsitzende Rudolf Scharping einen bundesweit eher unbekannten Mann als Bundesgeschäftsführer an die Seite: Franz Müntefering. Kurz darauf war Scharping weg. Müntefering blieb. Der Mann, den sie Münte nannten, blieb fortan immer. Er blieb sogar, wenn er mal weg war. Er war Franz, der Profi. Man hatte ihn besser nicht zum Feind. Er schaffte sie alle, Beck, Platzeck, irgendwie auch Schröder, der nie wusste, ob er ihn bewundern oder fürchten soll. Am Ende schaffte er allerdings auch die SPD.

Schweigsamkeit als Waffe

Er machte seine Arbeit präzise, verlässlich, geräuschlos. Er war wortkarg und genügsam. Seine alte mechanische Schreibmaschine, ein Pils und seine Zigarillos, mehr brauchte er nicht. Freunde hatte er nicht mehr; der letzte, bekannte er mal, war vor Jahrzehnten gestorben. Den Begriff "Alleiner" hat er geprägt und gelebt. Seine schärfste Waffe war die Schweigsamkeit, eine unterschätzte politische Tugend. Drei Sätze auf einen Zigarillo. Eine stellvertretende Parteivorsitzende soll einmal, so geht die Mär, heulend Münteferings Büro verlassen haben, nachdem er ihre Fragen mit Tabakqualm und Blicken aus dem Fenster beantwortet hatte.

Vielleicht wollte er nicht. Vielleicht konnte er nicht. Vielleicht wollte er auch nicht können. Das gehörte zu Münteferings Machttechniken: den Eindruck zu vermitteln, er wisse genau, was er will, sage es nur nicht. Dabei dürfte er manches Mal ganz einfach nur deshalb nichts gesagt haben, weil er gar nicht wusste, was oder wohin er will - und es nur zu verbergen trachtete. Er gehöre zu den Menschen, die nur zehn Prozent dessen preisgeben, was sie wissen, hat er mal gesagt. Das kann durchaus stimmen. Es konnte aber auch zu seiner Tarnung gehören.

Klare Kante, sturer Schädel

Aber wenn er sprach! Das hatte es meist in sich. Kurze Sätze, klare Kante. Opposition ist Mist. Die kann es nicht. Partei gut, Fraktion gut, Glückauf. Müntefering ist auf seine auf's Wesentliche beschränkte Art ein brillanter Redner, man hörte ihm gerne zu. Auch weil er uns Journalisten immer wieder Futter gab, hübsche Anekdoten und Selbststilisierungen - wenn er etwa im "SZ-Magazin" erzählte, dass er sich unter die kalte Dusche stelle und erst darunter hervorkomme, wenn er bis 100 gezählt habe. Darauf angesprochen, antwortete er später mal, er könne ganz schön schnell zählen, wenn es sein müsse. Und als der stern ihn vor Jahren auf die Kritik an seinem Führungsstil ansprach, gab er zurück: Er und autoritär? Da solle man mal seine Töchter fragen, die würden sich schlapp lachen.

Einer der letzten Typen

Der wahre Müntefering? Wahrscheinlich weiß nur er, wer das wirklich ist. Wenn überhaupt. Bei aller klaren Kante war er doch auch ein Mann der Widersprüche. Der sturschädelig und/oder mimosenhaft den als schönsten Job nach Papst apostrophierten Parteivorsitz abgibt, weil er seinen Favoriten als Generalsekretär nicht durchbekommt - der aber zugleich ganz flexibel mit der zuvor geschmähten Die-kann-es-Nicht als Kanzlerin eine Große Koalition schmiedet und mit ihr eigentlich ganz friedlich und erfolgreich regiert. Der Killer, der kleinen Mädchen aus der Patsche hilft.

Franz Müntefering ist einer der letzten Typen der deutschen Politik. In einer Reihe mit großen Politik-Charakteren wie Strauß, Wehner oder Fischer. Er hatte sogar einen eigenen Mythos geschaffen: der Unschlagbare, der Wahlkämpfer, der am Ende immer triumphiert, egal wie aussichtslos die Lage scheint. Allerdings hat er diesen Mythos selbst gründlich zerstört. 2002, 2005, 2009 - diese Reihe gibt es nicht, das dritte Wunder ist ausgeblieben, auch weil der Wiedervorsitzende Müntefering seinen Kandidaten Steinmeier gründlich überschätzt, Angela Merkel herbe unterschätzt und sich in der Angst vor Schwarz-Gelb übel verschätzt hat. Man könnte auch sagen: Der Profi spielte plötzlich wie ein Amateur.

Missglücktes Comeback

Das ist letztlich die Tragik des Franz Müntefering, 69, aus Sundern im Sauerland, dem einzigen, der zwei Mal SPD-Vorsitzender war: Er hat wie viele andere Politiker die Chance zu einem großen Abgang verpasst. Noch tragischer ist, dass er ihn eigentlich schon hingelegt hatte: mit seinem Rücktritt als Vizekanzler zugunsten seiner krebskranken Frau, die er als von der Familie ernannter "Oberpfleger" zu Hause in Bonn bis in den Tod begleitete. Ohne sein Comeback im vergangenen September wäre er als Großer gegangen. Als großer Politiker. Und als großartiger Mensch.

Nun räumt er sein Amt als Geschlagener. Als Vorsitzender, der seine einst so stolze Partei als demoralisierten, orientierungslosen 23-Prozent-Trümmerhaufen hinterlässt. Immerhin, der ins Amateurfach gewechselte Profi hat auch da ganze Arbeit geleistet. Fehler? Nein, Fehler sehe er nicht, zumindest gebe er sie nicht zu. Das sagen die, die nun für den Wiederaufbau zuständig sind.

Am Punkt ohne Wiederkehr

Morgen hält Franz Müntefering zum Auftakt des Parteitags seine letzte Rede als SPD-Chef - und diesmal darf man sich dessen sicher sein, dass es keine Rückkehr mehr geben wird. Der Mann, den sie Münte nannten, ist am Punkt ohne Wiederkehr. Leon, der Profi, hat in dieser Situation den ganzen Laden in die Luft gesprengt. Für ihn war das ein ganz starker Abgang. Müntefering dagegen würde damit seinen Ruf komplett ruinieren. Man möchte es ihm nicht zutrauen.

Aber falls mal jemand Franz Müntefering im Film spielen muss: Das, bitte, soll dann schon Jean Reno übernehmen.