Obama-Rede Vergnügen ohne Schwerelosigkeit


Barack Obama hat gesprochen. Seine Worte waren überzeugend, doch bei den Menschen zündete er keine Funken, wie es einst John F. Kennedy oder Ronald Reagan taten. Die Berliner waren angetan vom Stil des schwarzen US-Senators, ohne sich in ihn zu verlieben.
Von Sebastian Christ

Die Minuten danach sind so ehrlich wie kein anderer Augenblick an diesem Abend. Zettel liegen auf den Straßen, Becher, Plastiktüten. Jetzt, wo der Große Stern rund um die Siegessäule nicht mehr von Menschenfüßen bedeckt ist, sieht der Asphalt wie abgefeiert aus. Über Lautsprecher komplimentiert der Veranstalter die Menschen nach Hause: "Vielen Dank, bitte verlassen sie zügig den Veranstaltungsort." Die Blicke der Menschen sind zufrieden, aber keineswegs leuchtend. Viele schauen auf die Straße, auf den Müll, müssen erst einmal das Gesehene verarbeiten. Ein paar Obama-Fans tanzen Polonaise auf dem Rondell, ihre Schultern hüpfen abwechselnd nach oben und nach unten. Sie fallen deswegen auf, weil ihre Euphorie eine der wenigen Gefühlsregungen in diesen Minuten ist. Barack Obama hat gerade gesprochen, der neue politische Superstar. Doch die Gesichter der Menschen ähneln denen von Partybesuchern, die ganz zufrieden sind mit dem Abend - aber den Augenblick der Schwerelosigkeit verpasst haben.

Barack Obama ist im Wahlkampf. Er hat eine Botschaft, und die soll jene erreichen, die ihn wählen können. Zum Staatsmann fehlt ihm noch das Amt. Wahrscheinlich schien es an diesem 24. Juli 2008 deswegen manchmal so, als hätte Obama mit viel Elan durch die Zuschauer hindurch geredet. Als seien die Ohren der Berliner Zuhörer nur Durchgangsstationen für Worte gewesen, die eigentlich an Amerika und seine Wähler gerichtet waren. Viele Deutsche werden am Ende seiner halbstündigen Rede Gefallen gefunden haben an dem jungen Senator aus Illinois, der so viel liberaler und weltoffener wirkt als George W. Bush. Es gab viel Applaus. Doch kaum jemand, der an diesem Abend vor dem Großen Stern stand, wird spontan erahnen können, warum Barack Obama binnen Monaten zu einem der wohl faszinierendsten Polit-Phänomene der vergangenen fünfzig Jahre geworden ist. Ein Mann, der Sehnsüchte und Wünsche der Menschen mit einer Art siebten Sinn vorherzusehen scheint, sie für Momente hoffen lässt, und dann im entscheidenden Augenblick genau die Worte findet, mit denen er Herzen öffnen kann.

Obama hätte den Berliner einen dieser großen Momente schenken können. Er hat es nicht getan. Dabei hätte er beste Chancen gehabt, einen wirklich großen Auftritt hinzulegen. Den ganzen Tag über konnte man auf den Berliner Straßen schon seinen Namen hören. Obama am Alexanderplatz, Obama am Hackeschen Markt, Obama Unter den Linden. Eine unausgesprochene Spannung ist zu spüren. Schon bei seiner Ankunft am Kanzleramt, unmittelbar vor dem Treffen mit Angela Merkel, warten mehrere Hundert Menschen auf ihn.

Doch der US-Politiker scheint an diesem Tag ein wenig reserviert zu sein. Die beiden Fototermine mit Außenminister Frank-Walter Steinmeier dauern nur ein paar Sekunden, und aus der angedachten Stadtrundfahrt durch Berlin wird nichts. Obama geht lieber in den Fitnessraum des Ritz Carlton. Zum Eintrag ins Goldene Buch der Stadt Berlin muss der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit persönlich ins Hotel Adlon kommen – obwohl Obama durchaus Zeit gehabt hätte, dem Roten Rathaus einen kurzen Besuch abzustatten. Wenn er denn gewollt hätte.

150 Meter vor der Redner Bühne ist Schluss

Am Interesse der Berliner mangelt es jedenfalls nicht. Auf der Straße des 17. Juni ist bereits am späten Nachmittag der Supergau in Sachen Fußgängerverkehr eingetreten. Vom Brandenburger Tor aus marschieren Tausende zur Siegessäule, doch schon 150 Meter vor der Redner Bühne ist Schluss. Eingekeilt stehen wulstige Schlangen von Menschen vor den 15 Sicherheitszelten, an denen Besucher ihre Taschen leeren und durch eine Detektorenschleuse treten müssen. Plakate sind verboten, auch Wasserflaschen. Taschen dürfen entgegen erster Ankündigungen dennoch mitgenommen werden. An den rot-weißen Absperrgittern drängen sich unzählige Beine. Andere lehnen sich resignierend über die Stahlröhren. Sie wissen, dass sie heute nicht weiter kommen.

Auf den Fernsehbildern kann man nachher einen seltsam menschenleeren Platz zwischen dem Rondell der Säule und der Straße sehen, der wie ausgetrocknet daliegt. Er bleibt unbelebt, weil die Schleusen nur langsam tröpfelnd den Nachfluss sichern. Insgesamt sind heute 200.000 Menschen auf den Beinen.

Die Vorfreude ist spürbar

Vor der Bühne selbst ist eine Vorfreude spürbar, die sich mit einem Schuss Ungewissheit paart. Es ist seltsam ruhig, besonders, als der letzte Song aus den Lautsprecherboxen verklingt: "Let's dance" von David Bowie. Kaum jemand tanzt, manche reden, und einige blicken erwartungsvoll zum Podium.

Doch das dominierende Geräusch in den nächsten Minuten wird nicht vom Mikrofon übertragen, sondern dröhnt vom Himmel. Ein Polizeihubschrauber schlägt seine Rotorenblätter knatternd durch die Berliner Luft. Warten. Starren. Wo ist Barack Obama?

Er kommt 15 Minuten später als offiziell angekündigt. Schreitet die runde Plattform der Säule ab, winkt ins Publikum. Auf der Nordseite sieht man ihn zuerst, dann schreitet er geraden Schrittes zum Publikum. Die Deutschen sind es nicht mehr gewöhnt, einem Politiker zuzujubeln. Schon gar nicht die Jüngeren. Im Publikum stehen vor allem Menschen zwischen 20 und 35, deren politische Sozialisation von Politikerfiguren wie Helmut Kohl, Kurt Beck und Rudolf Scharping bestimmt war. Je näher Obama dem Pult kommt, desto lauter wird der Applaus. Besucher skandieren seinen Wahlkampfslogan, den sie auf seine Person münzen: "Yes he can". Der Gast aus Amerika bedankt sich und bittet um Ruhe.

"Ich komme als stolzer Bürger Amerikas"

"Ich komme heute nicht als Präsidentschaftskandidat, sondern als ein stolzer Bürger Amerikas und Mitbürger dieser Welt." Erster Jubel brandet auf. Seine Worte haben durchaus ein wenig von der Inspiriertheit, die ihn im Rennen um die US-Präsidentschaft so weit nach vorne gebracht haben. Mitunter überschätzt er an diesem Abend jedoch das historische Bewusstsein der jungen Deutschen, die ihn reden hören wollen. Sie hoffen auf ein anderes Amerika, er will den geschichtlichen Zirkelschlag zwischen Berlinblockade und Bagdad schaffen. Bezeichnend dafür ist die Reaktion auf eine Passage am Anfang seiner Rede. Obama spricht über die Luftbrücke, zitiert den ehemaligen regierenden Bürgermeister Ernst Reuter: "Völker dieser Welt, schaut auf diese Stadt!" Eine Lehre aus dieser Zeit sei es, dass die Nationen sich gegenseitig in harten Zeiten beistehen müssten. Die Antwort des Publikums ist trotz einer rhetorischen Applauspause Obamas eher verhalten. Einige Sätze später kommt er auf die aktuellen Bedrohungsszenarien zu sprechen. Und auf die Rolle der USA. "In Europa ist die Ansicht, dass Amerika ein Teil dessen ist, was in der Welt falsch läuft, mittlerweile sehr verbreitet", sagt er. Und weiter: "Partnerschaft und Zusammenarbeit zwischen den Nationen ist keine Option. Sie sind der einzige Weg, um unsere gemeinsame Sicherheit zu bewahren." Plötzlich brandet der Jubel auf, der vorher ausgeblieben war.

Für seine Forderung nach mehr deutschem Engagement in Afghanistan erntet er nur verhaltenes Klatschen, aber immerhin auch keine Pfiffe.

Obamas Ton ist pastoral. Er spricht seine Rede wie eine Predigt, immer wieder bestimmen rhythmische Elemente seinen Tonfall. Stark ist er besonders dann, wenn seine Gedanken wie eine Lokomotive voran stampfen, wenn er Worte wiederholt, um sie zu betonen. Wie eines seiner Vorbilder, Martin Luther King, in seiner wohl berühmtesten Rede: "I have a dream". Zum Ende reiht Obama eine ganze Kette an rhetorischen Fragen aneinander, die mit jedem Fragezeichen neue, immer stärkere Beifallskundgebungen hervorrufen: "Werden wir den Völkern in den vergessenen Ecken dieser Welt unsere Hand ausstrecken? Werden wir dem Kind in Bangladesch aus seiner Armut heraus helfen, und den Flüchtlingen aus dem Tschad Zuflucht gewähren, werden wir die Plage Aids in unseren Tagen eindämmen können?" Seine Rede ist eine Viertelstunde kürzer, als zunächst angekündigt. Der letzter Satz: "Lasst uns an unserer gemeinsamen Geschichte arbeiten, lasst unsere gemeinsamen Wünsche wachsen und uns im vornehmen Kampf um Gerechtigkeit und Frieden in der Welt engagieren."

Applaus laut, aber nicht ohrenbetäubend.

Der Applaus ist laut, aber nicht ohrenbetäubend. Merkwürdigerweise sprechen die Füße der Berliner eine andere Sprache als ihre Lippen. Als Obama von seinem Podium herunter klettert und ein Bad in der Menge nimmt, laufen ihm Hunderte entgegen, in der Hoffnung, seine Hand schütteln zu dürfen.

Die Sonne scheint über dem Großen Stern. Und wenn man die Leute fragt, dann sind sie ganz angetan von Barack Obama. Hoffnung auf bessere Zeiten. Hoffnung auf das neue Amerika nach Bush. Eine tolle Rede. Aber an was wird man sich erinnern, wenn man in fünf Jahren an diesen 24. Juli 2008 zurückdenkt?


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker